Geschichte der DAFG

Ein Zeitzeuge berichtet über 40 Jahre DAFG

Die DAFG feierte 2011 ihr 40-jähriges Bestehen. Dazu haben wir unseren langjährigen Vorsitzenden Peter Platzmann befragt.

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Peter Platzmann (Rechts) mit Dr. Ulrich Schaaff, Direktor am Römisch-Germanischen Museum (2. von Links), Frau Schaaf und Neritan Ceka auf dem Frankfurter Flughafen aus Anlass der Archäologischen Ausstellung „Albanien“ in Mainz

Peter Platzmann: Albanien ist inzwischen mein halbes Leben geworden und die DAFG gehört einfach mit dazu.

Frage: Von 1978 bis 1990 warst Du Vorsitzender der DAFG. An welche Aktivitäten aus dieser Zeit erinnerst Du Dich noch heute?

Peter Platzmann: Unmittelbar nach der legendären Reise des „Roten Sprachrohres“ , das heisst, eine Agitproptruppe der KPD/ML 1978 durch Albanien wurde ich zum Vorsitzenden der DAFG gewählt. Diese Reise steht mir jetzt wieder deutlich vor Augen, denn kürzlich hat Pandi Laço darüber einen Bericht im albanischen Klan-Fernsehen gemacht, in dem ich auch zu Wort kam. Dabei hat er die alten Fernsehdokumente in die Sendung eingebracht, z. B. wie ich im Freilichttheater im Stadtpark von Tirana nach dem Auftritt des „Roten Sprachrohres“ eine flammende Rede gegen die beiden Supermächte, USA und UdSSR, gehalten habe, und das ganze Publikum aufgesprungen ist und frenetisch Beifall geklatscht hat. Diese Reise mit Auftritten in ganz Albanien hat uns damals alle sehr berührt, und so haben die Teilnehmer/innen immer mal wieder Erinnerungstreffen organisiert. Zu meinem 70. Geburtstag haben wir dann mit Susanne Jensen, der damaligen Leiterin des Agitproptrupps, die alten albanischen Lieder mal wieder aufgefrischt. Seit 1977 hat die DAFG regelmäßig einen Stand auf der Frankfurter Buchmesse gehabt, den der damalige Geschäftsführer, Rüdiger Pier, und ich betreut haben. Die Anmeldefristen lagen immer mindestens ein Jahr im Voraus, aber wir wussten nie, wer, wann mit wievielen Personen aus Albanien kommen würde. Das wurde uns stets in letzter Minute mitgeteilt. So kam auch ganz plötzlich und unerwartet, es war wohl 1982, Ismail Kadare nach Frankfurt. Er war dann sehr enttäuscht, dass wir für ihn kein großes Programm organisiert hatten. Wie wäre das auf die Schnelle auch möglich gewesen? Kadare war damals in Deutschland noch kaum bekannt, als einziges war im Claassen-Verlag der „General der toten Armee“ herausgekommen. Wir haben dann sämtliche Verlage auf der Buchmesse abgeklappert, aber niemand hat sich für Kadare interessiert. Ismail Kadare wollte gerne im demselben Hotel (Marriott oder Plaza) wie Böll oder Grass wohnen, aber abgesehen davon, dass dort gar nichts mehr frei war, hätten wir das auch gar nicht finanzieren können. Er musste leider mit einem preiswerten Ausweichquartier am Frankfurter Hauptbahnhof vorlieb nehmen. Sein Wunsch war es dann, für seine Wohnung in Tirana eine Klimaanlage zu bekommen. Bis dahin wusste ich noch nicht einmal, was das war, so etwas war auch kaum auf dem deutschen Markt zu bekommen. Ich erinnere mich nicht mehr genau daran, ob wir ihm trotz aller Schwierigkeiten eine Klimaanlage besorgen konnten. Meine erste große Aktivität als Vorsitzender der DAFG war dann die Karikaturen-Ausstellung, die im November 1987 unter der Schirmherrschaft der Kulturabteilung des Auswärigen Amtes in Koblenz eröffnet wurde. Während Ilir Pojani nach der Eröffnung schnell wieder zurückreiste, blieb Dhimitër Ligori noch über zwei Wochen in Deutschland. Ich bin damals mit ihm herumgereist, aus dieser Zeit stammt unsere bis heute anhaltende Freundschaft. Die Ausstellung war dann ein riesiger Erfolg, sie wurde in fast allen Bundesländern gezeigt, in Kehl am Rhein, Hamburg, Dortmund, Nürnberg u.a. Ein Jahr später im September 1988 bildete sie die Begleitausstellung zu der großen archäologischen Ausstellung „Schätze aus dem Land der Skipetaren“ im Roemer- und Pelizaeus-Museum in Hildesheim, die am 18. Juli 1988 eröffnet wurde. Diese Ausstellung war das große Kulturereignis, das die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Albanien am 15. Januar 1988 begleitet hat. So waren die beiden Außenminister, Reis Malile und Hans-Dietrich Genscher die Schirmherren der Ausstellung. Als Vorsitzender der DAFG war ich bei der Ausstellungseröffnung zum festlichen Essen mit den beiden Außenministern eingeladen. Als einzige Organisation, die damals kulturelle und politische Kontakte nach Albanien unterhielt, waren wir einfach überall dabei. So war ich natürlich auch zum Erstflug der Lufthansa nach Tirana im Jahre 1989 eingeladen. Nach Inge Junck war ich der zweite Vorsitzende der DAFG. Zusammen mit Rüdiger Pier und Alfred Lorenz bestand unsere Arbeit darin, den Verein Ende der 70-er Jahre allmählich aus der Umklammerung der KPD/ML zu lösen, und eine wirklich unabhängige Freundschafts- und Kulturgesellschaft zu entwickeln. Die Karikaturenausstellung war dabei ein erster Erfolg. Wir konnten damals dann fast überall mitmischen und wurden beim Kultur- und Wissenschaftsaustausch zu Rate gezogen. Wegen unserer guten Beziehungen zu den albanischen Institutionen wurden wir allerdings nach der Wende 1991 mit großem Skeptizismus betrachtet. Nun wurde die DAFG für Kontakte nicht mehr gebraucht, viele Menschen und Organisationen haben seitdem Kontakte nach Albanien angebahnt, und somit sind wir leider etwas an den Rand gedrängt worden. Doch bis heute besteht Interesse an der Gesellschaft, so stoßen bei deutschen Gästen in Albanien die „Albanischen Hefte“, die ich immer verteile, auf lebhafte Zustimmung.

Frage: Von 1974 bis 1977 hast Du bei Radio-Tirana gearbeitet. Was kannst Du uns darüber berichten?

Peter Platzmann: Ja, mit meiner damaligen Frau war ich drei Jahre und drei Monate in Albanien. Eigentlich wollten wir nur zwei Jahre bleiben, aber, als wir nach einem Jahr schon recht gut Albanisch konnten, keine Dolmetscher mehr benötigten und selbst übersetzen konnten, haben wir um Verlängerung auf drei Jahre gebeten, was dann auch bewilligt wurde. Unsere Vorgänger „Schorsch und Claudia“ – das waren wohl Decknamen, ihre richtigen Namen kenne ich gar nicht – haben „Georg Merkel“ als Tarnnamen erfunden. Auf Decknamen haben wir dann bald verzichtet, aber, um die albanische Post nicht völlig zu verwirren, ging die Post, auch die aller unserer Nachfolger bis 1990 immer noch an „Georg Merkel“, Tirana.Wir wohnten damals noch nicht wie unsere Nachfolger in der „Grupi i Vilave“ sondern in einem der von den Italienern gebauten dreistöckigen Häusern an der Lana gegenüber der damaligen Ausstellung „Shqipëria sot“. In unserer Wohnung wohnte noch ein französisches Ehepaar und im Haus Spanier und die Familie Taylor aus Neuseeland, die ebenfalls bei Radio Tirana gearbeitet haben. So habe ich neben Albanisch auch noch recht gut Französisch gelernt. Wir haben uns aufs Lernen und Arbeiten konzentriert, denn wir befanden uns in einer seltsamen, strengen Isolierung. Vom normalen Leben waren wir völlig abgeschnitten. Wollten wir Ausflüge unterhemen, mussten wir diese im Radio anmelden, woraufhin uns dafür ein Auto – Fiat Polski – mit Chauffeur gestellt wurde. Als wir dann Albanisch konnten, war es etwas besser, wir sind wir regelmäßig mit Bus oder Bahn nach Durrës an den Strand gefahren. Das war eigentlich nicht erlaubt, denn wir hatten eine Aufenthaltsgenehmigung nur für Tirana und hätten eine „Lejë qarkullimi“ benötigt, aber deswegen bekamen wir niemals Ärger. Allerdings haben wir von Albanern nie irgendein böses Wort zu Staat und Politik gehört, so dass wir zu der festen Überzeugung gelangt waren, dass die Albaner von dem kommunistischen System völlig überzeugt wären. Erst im April 1991 – ich war gerade zu Besuch bei Valdete Sala – als die Polizei in Shkodra vier Demonstranten erschossen hatte, wurde der parlamentarische Untersuchungsbericht über den Vorfall im Fernsehen verlesen. Der Bericht brachte die Parolen der Demonstration, unter anderem „Enver – Hitler“, da sprangen Valdetes Kinder auf und schrien begeistert: „Unsere Parolen im Fernsehen!“ Mir war bei dem krassen Vergleich etwas mulmig zumute. Doch aus heutiger Sicht hat Enver Hoxha hinsichtlich des inneren Terrors Hitler noch in den Schatten gestellt: In Deutschland gab es immer wieder verschiedenste Formen des Widerstandes, Albanien dagegen war völlig gleichgeschaltet und stumm.Die Sendungen bei Radio Tirana wurden von albanischen Redakteuren gemacht, die absolut schematisch gedacht und gearbeitet haben. Ich erinnere mich an einen Bericht über die Ostermärsche in Deutschland, worin behauptet wurde, tausende Demonstranten hätten gegen die beiden Supermächte protestiert und seien an einem Tag von Frankfurt nach Regensburg marschiert. Wir protestierten und wiesen darauf hin, dass diese Städte etwa 300 km voneinander entfernt wären. Daraufhin wurde dieser Satz in der deutschen Sendung weggelassen, nicht aber in allen anderen Sprachen, und dieser famose Marsch schaffte es auch in die Spalten von „Zëri i Popullit“.Ende 1975 kam es allerdings zu einer Säuberungswelle in Tirana, in diesem Zuge wurde auch Waltraud Bejko, unsere Übersetzerin bei Radio Tirana, die den damaligen Direktor Todi Lubonja auf einer Versammlung unterstützt hatte, nach Kukës versetzt, auch unserer zweiten Übersetzerin Erika Permeti-Toptani, die zu einer „schlechten Familie“ gehörte wurde die weitere Arbeit am Radio untersagt. Wir haben bei diesen Säuberungen überhaupt nicht erfahren, worum es überhaupt ging. Wir wurden nicht informiert, kein Wort! Unsere albanischen Kollegen wurden mit einem Buch über die Diktatur des Proletariats als Schulungsmaterial traktiert, aber auch daraus wurden wir nicht schlauer.Als dann auch noch Robert Schwarz, unser letzter Übersetzer ins Krankenhaus kam, mussten wir die Übersetzungsarbeit alleine machen. Damals hatten wir ein wichtiges Dokument, den neuen Verfassungsentwurf, zu übersetzen. Das haben wir auch ganz ordentlich hinbekommen, und das Ganze wurde im Verlag „8. Nëntori“ auf Deutsch gedruckt. Als alles fertig war, wurde festgestellt, dass wir „Drejta e faljës“ (das Begnadigungsrecht des albanischen Präsidenten) als „Drejta e fjalës“ mit „Rederecht“ fasch übersetzt hatten. Das führte zu einem kleinen Skandal, konnte schließlich aber mit einem Errata-Zettel korrigiert werden.Ich muss sagen ich habe damals durch die Übersetzung vieler Fachartikel aus allen Bereichen auch erst richtig Deutsch gelernt.Aber Anfang 1982 nach der Säuberungswelle gegen Mehmet Shehu war mein Vertrauen in die PAA (Partei der Arbeit Albaniens) dann endgültig vorbei. Mehmet Shehu wurde als „Poliagent“ bezeichnet, der für den jugoslawischen, englischen und amerikanischen Geheimdienst gleichzeitig gearbeitet hätte. Als er dann auch noch als „Agent 008“ (so soll tatsächlich seine Bezeichnung gewesen sein!) des Secret Service gebranntmarkt wurde, waren die ganzen Beschuldigungen für mich nur noch lächerlich. In den 90-ern habe ich den Sohn Bashkim Shehu getroffen, dieser wusste bis dahin weder, ob sein Vater durch Mord oder Selbstmord umgekommen war, noch wo er beerdigt worden war.

Frage: Heute hast Du ein Ferienhaus in Dardha, so bist Du regelmäßig für längere Zeit in Albanien. Was schätzt Du am heutigen Albanien am meisten.

Peter Platzmann: Wie ich schon sagte, entstand meine erste engere Beziehung zu Dardha durch die Karikaturen-Ausstellung. Ich kenne das Dorf aber schon erheblich länger. Der frühere Direktor von Radio Tirana, Kiço Pandeli, stammte aus Grapsh einem Nachbardorf von Dardha. Und Kiço ließ keine Gelegenheit aus, den ausländischen Mitarbeitern des Radios die Schönheiten von Korça und Umgebung zu zeigen. Dardha war damals ein sehr bekanntes und beliebtes Feriendorf, das ich 1975 zum ersten mal besucht habe. Die Kirche von Dardha war damals die Mensa des Ferienheims und ich erinnere mich noch gut an das damalige Essen dort. Da das Dorf mit seinen typischen kleinen steingedeckten Häusern sehr schön war, sind wir regelmäßig mit Reisegruppen dorthin gefahren und haben dort auch übernachtet. Natürlich brauchten wir dafür eine Sondergenehmigung, denn es war Grenzgebiet, und an Spaziergänge in der wunderschönen Umgebung war natürlich gar nicht zu denken.Seit Januar 1988 habe ich den Kontakt zu meinem Freund, dem Karikaturisten Dhimiter Ligori wieder enger geknüpft. Und da Dhimiters Frau Panajote aus Dardha stammt, habe ich mit ihrer Unterstützung ein Grundstück gekauft und wir haben uns dort ein kleines Ferienhäuschen gebaut. Seitdem lebe ich dort mehrere Monate im Jahr, auch im Winter, wo es in 1.400 m Höhe natürlich viel Schnee gibt. Die Straße wird dann zwar meistens geräumt, aber wenn dann mein alter Jeep kaputt ist, komme ich gar nicht mehr weg.Früher war ganz Albanien ein traumhaftes Urlaubsland, man war völlig out, es gab keine Zeitungen, kein Fernsehen, nur ab und zu ein bisschen Radio. So empfinde ich es noch heute in Dardha, abgeschlossen, ruhig, entspannend. Ich kann stundenlang durch die Berge wandern, ohne eine Menschenseele zu treffen. Das quirlige Tirana muss ich nicht haben.Ab und zu fahre ich dann noch nach Peshkopia, dort habe ich einem Freund beim Aufbau einer Forellenzucht geholfen. Dafür bekomme ich bis heute noch bei jedem Besuch einen ordentlichen Berg Forellen.

Frage: Gibt es denn Erscheinungen in Albanien, die Dich besonders stören?

Peter Platzmann: Also, ehrlich gesagt, die albanische Politik und die damit verbundenen Korruption ist einfach fürchterlich. Wie kann es sein, dass Berisha, der 1996 die Pyramidengesellschaften aktiv gefördert hat, und damit für den Bürgerkrieg von 1997 mit vielen Toten unmittelbar verantwortlich ist, heute als Ministerpräsident fest im Sattel sitzt. Oder wie kann es angehen, dass der Minister, der für die Katastrophe von Gërdec die Verantwortung trägt, nahtlos zum Umweltminister wurde? Oder als letztes und jüngstes Beispiel: Im Januar werden bei einer Demonstration vier Demonstranten aus dem Regierungsgebäude heraus erschossen – der dafür verantwortlich Innenminister wird dann ein gutes halbes Jahr später Bürgermeister von Tirana. Das alles ist ein Unding. Jeder, der Einfluss hat, bereichert sich, wo er nur kann, der Verwaltungsapparat funktioniert überhaupt nicht, jedes Formular kostet Geld, ins Krankenhaus führt der Weg nur über Bestechung usw. Natürlich hat sich im Laufe der Zeit auch vieles verbessert, so wurde das Straßennetz sehr gut ausgebaut, es gibt immer mehr Grün und anderes. Ich könnte mir vorstellen und wünsche mir, dass Albanien zu einem Wanderparadies wird.

Frage: Worauf sollte die Deutsch-Albanische Freundschaftgesellschaft bei ihrer künftigen Arbeit vor allem Wert legen?

Peter Platzmann: Was die DAFG geleistet hat, finde ich enorm, alleine 40 Jahre lang die „Albanischen Hefte“ mit vier Nummern pro Jahr herauszugeben, finde ich toll. Ich denke nur, wie schon gesagt, die DAFG ist von den Entwicklungen in Albanien ein bisschen abgekoppelt. Sie sollte versuchen, wieder stärker ins Spiel zu kommen. Es gibt sehr viele Deutsche die an Albanien hängen geblieben sind, bzw. sich albanische Lebenspartner gesucht haben. Ich kenne davon eine ganze Menge, diese sollten wir stärker für die Gesellschaft gewinnen. Die Albaner, wenn ich einmal verallgemeinern darf, sind etwas ganz Spezielles, sie sind äußerst liebenswürdig, freundlich und herzlich. Sie können einen sehr schnell für sich einnehmen und tun das auch. Daran sollten wir anknüpfen.

Das Gespräch führte Jochen Blanken, stellv. Vorsitzender der DAFG