Die Albanischen Hefte 1972

1972 – der erste Jahrgang

Am 14. November 1971 wurde in München die „Gesellschaft der Freunde Albaniens“ (GfA – heute DAFG) gegründet. Im März 1972 erschien dann das erste „Albanische Heft“, mit dem erklärenden Zusatz: „zeitschrift der gesellschaft der freunde albaniens“.
Die ersten drei Hefte des Jahrgangs 1972 waren technisch gesehen sehr einfach: die Seiten waren auf einer Schreibmaschine getippt, Illustrationen bestanden überwiegend aus teilweise naiven Handzeichnungen, die ersten drei Titelblätter wurden auf farbiges Papier gedruckt, ihre grafische Gestaltung mit dem albanischen Adler mit Stern war wenig kreativ. Die damalige Auflagenhöhe ist nicht mehr bekannt.

Ein kurzes Editorial in Heft eins erläutert die Motivation für die Gründung der GfA“. Einleitend wird festgestellt, dass „wir unser Ziel – breiteste Information und über Geschichte, Kultur und Leben dieses unbekannten Landes und die Förderung der Freundschaft zwischen dem deutschen und dem albanischen Volk – in Form eines Vereins besser verwirklichen können.“ Anschließend wird sozusagen die politische Generallinie des Vereins formuliert: Albanien „hat erreicht, dass der Fortschritt und der Wohlstand wirklich allen Menschen, dem ganzen Volk zugute kommt, dass das Volk selbst über seine Geschichte und seine zukünftige Entwicklung bestimmt. Es hat dies alles mit Methoden durchgeführt, die von nahezu der gesamten östlichen und westlichen Welt für unmöglich erklärt wurden.“ Und weiter: „in Albanien geschieht etwas Neues, ein Experiment von begeisternder Dynamik, eine Entwicklung, die ein Beispiel für alle Völker der Welt sein kann. Dieses Neue, Andere wollen wir weitervermitteln.“ Dem Einwand, „dass Albanien den höchsten ‚Polizei- und Überwachungsetat der Welt‘ habe“, wird mit der lapidaren Feststellung begegnet: „Albanien ist kein Polizeistaat.“ Damit war die Zielsetzung des Vereins, für mindestens 15 Jahre, fixiert: Nur unter bedingungsloser Anerkennung des albanischen Sonderwegs könne sich die Freundschaft mit Albanien entwickeln. Auch die leiseste Kritik, ganz abgesehen von Schwachstellen und Fehlern, wurde in den ersten Albanischen Heften unterbunden. Die Artikel waren, wie meistens auch in Albanien, nicht namentlich gezeichnet, weil dieser Verein eine einheitliche Linie verfolgte, da gab es keinen Raum für individuelle Sichtweisen und Einzelmeinungen.

Diese Linie stieß nach dem Ende der Studentenproteste von 1968 und der Enttäuschung über die Politik der Sowjetunion (Einmarsch in die ÇSSR) in linken Kreisen durchaus auf Interesse und verhaltene Zustimmung. Die GfA sah unter anderem eine Aufgabe darin, diese „Zweifler am albanischen Sozialismus“ ohne Wenn und Aber für Albanien zu gewinnen.

Tatsächlich erfolgte die Gründung der GfA durch die Initiative der KPD/ML, möglicherweise sogar auf Wunsch der albanischen „Bruderpartei“. Die KPD/ML entwickelte damals verschiedene „Massenorganisationen“, durch die der marginale politische Einfluss der KPD/ML verbreitert werden sollte. Die meisten Funktionäre der GfA waren Anhänger oder Mitglieder der KPD/ML, und waren an Weisungen dieser Partei gebunden. Somit hat sich die KPD/ML immer wieder in die Tätigkeit und die Publikationen der GfA eingemischt. Die Mitglieder und Funktionäre der GfA erkannten durch ihre Arbeit bald, dass der albanische Sozialismus durchaus Schwächen und negative Seiten hatte. Sie versuchten, die Schönfärberei abzumildern und ein etwas realistischeres Albanienbild zu zeigen. Die Funktionäre der KPD/ML haben das meist erfolgreich unterbunden. Dadurch gab es zunehmend Konflikte zwischen der KPD/ML-Führung und der GFA.

Erste Vorsitzende des Vereins war Inge Jungk (Inge Birkhold), er hatte seinen Sitz in München. Für das erste albanische Heft zeichnet ein R. Schumacher, ab Heft 2/1972 ein Joachim Rahlf presserechtlich verantwortlich.

Schon der Bericht von der ersten Reise der GfA nach Albanien vom Herbst 1971, der in einem Referat am 14. Dezember 1971 in München vorgestellt wurde, gibt ein Muster vor, das jahrelang wiederholt wurde: Albanien sei ein blühendes Land, ein „Paradies der Arbeiterklasse“, indem alles für die werktätige Bevölkerung getan werde. Naive Handzeichnungen mit handgeschriebenen Erläuterungen illustrieren den Text. Heft 1/1972 enthält außerdem eine ganze Menge landeskundlicher Informationen über Geographie, Wirtschaft und Kultur Albaniens.

Heft 2/1972 steht unter dem Thema: „frau im sozialismus“, der Artikel beschreibt die erniedrigende Situation der Frau vor der Befreiung, breiten Raum gibt er ihrer Beteiligung am Befreiungskampf, um zu dem Schluss zu kommen, dass die Befreiung der Frau voranschreitet. Als Beleg werden ein paar Biografien von Frauen in Führungspositionen vorgestellt, all das wird durch zahlreiche Zitate von Enver Hoxha untermauert.

Offenbar beschränkte sich die GfA anfangs allein auf München. In dem „Bericht über unsere Arbeit“ ist lediglich von „der Stadt“ die Rede, womit wohl München gemeint ist. Die ersten Aktivitäten der GfA waren Filmabende, etwa über Elektrifizierung oder „Schüler in der Produktion“, und Diavorträge über Albanien-Reisen. Zu einem Vortragsabend über die Frau im Sozialismus sind, dem Heft zufolge, über 200 Besucher gekommen.

Das Heft schließt mit dem Abdruck der heroischen Kurzgeschichte: „die Mutter“ von Skënder Drini.

Das Heft 3-4/1972 widmet sich größtenteils dem Bericht von einer Albanien-Reise im August 1972. Das Ziel dieser Reise wurde so definiert: „31 Reiseteilnehmer sollten die Möglichkeit haben, Albanien kennen zu lernen und ihre Kenntnisse über dieses Land zu überprüfen. Darüber hinaus wollten die Vereinsmitglieder neue Informationen sammeln, um all die Fragen, die im Laufe der bisherigen Vereinsarbeit ungeklärt geblieben waren, beantworten und zusätzliche Probleme lösen zu können.“ Diese Zielsetzung deutet darauf hin, dass es die GfA bei bestimmten Erscheinungen des albanischen Sozialismus durchaus in Erklärungsnot gekommen war. So konnten in Gesprächen „viele unserer Vorurteile abgebaut werden.“ Offenbar versprach sich auch die albanische Seite einiges von der GfA denn: „eine Delegation mit fünf Vereinsmitgliedern hatte zusätzlich noch die Möglichkeit, auf Einladung des ‚Komitees für kulturelle und freundschaftliche Beziehungen mit dem Ausland‘ in einer weiteren Woche dieses erstaunliche Land noch besser kennenzulernen (Heft 3-4/72, S. 6).“ Die verschiedenen Bericht über Betriebe (Traktorenersatzteilwerk, Textilkombinat), kulturelle Sehenswürdigkeiten (Tirana, Durrës, Vlora, Berat, Shkodra), soziale Einrichtungen (Kindergarten, Schule, Pionierlager, Aktionistenlager), u. a. enthalten sich jeder kritischen Meinungsäußerung, schildern aber u. a. die Praxis der „Fletë Rrufe“ (Blitzbriefe), die albanische Version der chinesischen Wandzeitungen in der Kulturrevolution. Der Sabotage des sozialistischen Aufbaus durch die Sowjetunion wird immer wieder die „uneigennützige Hilfe“ der Volksrepublik China entgegengestellt. Neben den allgegenwärtigen Parolen von Enver Hoxha sind offenbar auch viele Sprüche von Mao Tsetung in den Fabriken und Wohnvierteln angeschlagen.

Nach allem, was wir heute über die albanischen Gefangenenlager und Deportationen wissen, erscheint folgende Propagandalinie als besonders zynisch: „Der Strafvollzug erfolgt in Arbeitslagern, in denen die Gefangenen zusammen wohnen, in besonderen Fällen sogar mit ihren Familien. Sie arbeiten und haben die Möglichkeit zur Berufsaus- und Weiterbildung. Nach ihrer Entlassung erhalten sie den vollen Lohn ausbezahlt (Heft 3-4/1972, S.9)
.“ Dass die GfA noch nicht so ganz auf „Parteilinie“ war zeigen bestimmte Einschränkungen, etwa: „Auf besonders dekorative Schaufenstergestaltung legt man offenbar nicht sehr viel Wert. Uns fiel auf, dass teilweise einfach derselbe Artikel mehrmals in die Auslage gestellt worden war, oder die Schaufenster oftmals nur ein Bild enthielten.“ oder „Die neu erbauten Wohnungen (meist drei Zimmer, Küche und Bad) hielten wir für ziemlich knapp bemessen, da heute zum Teil noch die ältere Generation mit in der Wohnung lebt. Unser Dolmetscher sah das ebenso.“. Derartige Meinungsäußerungen werden aus den weiteren Heften verbannt. Aus dieser Reise entstand ein Film „Albanien – Eindrücke einer Reise“.

Illustriert wird das Heft durch zahlreiche Karikaturen und Schwarz-Weiß-Fotos, die allerdings nur schlecht herauskommen. Die Albanisch-Kenntnisse der Redakteure sind offenbar gering, denn ihnen unterlaufen gravierende Schreibfehler wie: „Kemal“ statt „Qemal“ oder „Miscia“ für „miqësia“.

 

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