Rezension: Albanien – ein Archäologie- und Kunstführer

26. November 2019 | Von | Kategorie: Bücher

Christian Zindel, Andreas Lippert, Bashkim Lahi, Machiel Kiel:
Albanien – ein Archäologie- und Kunstführer von der Steinzeit bis ins 19. Jahrhundert Böhlau Verlag, Wien 2018

Vier Autoren haben sich die Mühe gemacht, die wichtigsten Kunstdenkmäler Albaniens in einem umfassenden Werk von nahezu 600 Seiten zu beschreiben. Im Vorwort formulieren sie ihre Intention so: Das Buch „kann als Handbuch der Kulturdenkmäler Albaniens genutzt werden“. Es soll den Touristen als auch einem archäologischen Fachpublikum „erste zuverlässige Informationen zur Archäologie und Kunstgeschichte Albaniens vermitteln“.

Damit steht uns ein neuer albanischer Kunstführer zur Verfügung. Dieser füllt eine Lücke in der Albanienliteratur, denn seit 1989, als der Dumont-Kunstführer von Guntram Koch erschienen ist, liegt uns keine vergleichbare Zusammenstellung mehr vor.

Bei den vier Autoren handelt es sich um ausgewiesene Fachleute, die im Vorwort ihre erworbenen Qualifikationen erläutern: Bashkim Lali hat als Professor und Mitglied des Archäologischen Instituts in Tirana und Ausgrabungsleiter bei verschiedenen albanischen Fundorten für dieses Buch viele Artikel zur illyrischen, griechischen und römischen Antike verfasst. Christian Zindel hat sich als Museumsleiter und Ausstellungsmacher mit der Kunst- und Architekturgeschichte der Antike und des frühen Mittelalters intensiv beschäftigt, von ihm stammen ebenfalls zahlreiche Beiträge zur albanischen Antike. Machiel Kiel ist auf die osmanische Architektur des Balkans spezialisiert und war in Anbetracht seiner umfangreichen Fachpublikationen der richtige Autor für die Beschreibung der Monumente aus osmanischer Zeit. Andreas Lippert hat als ordentlicher Professor am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien die Kapitel zur vorantiken Zeit in Albanien beigesteuert. Eduard Shehi vom archäologischen Institut in Tirana hat den Band zudem noch mit Kartenmaterial, Grundrissen und Rekonstruktionszeichnungen angereichert.

Der Archäologie- und Kunstführer ist kein Reiseführer, denn er verzichtet auf alle touristischen Informationen mit Ausnahme der Anfahrtswege zu den Fundstellen. Es ist jedoch ein wertvolles Nachschlagewerk für alle, die sich mit der überlieferten albanischen Kultur beschäftigen.

Am Anfang des Buches steht ein 9-seitiges Kapitel über die Geschichte der Archäologie in Albanien. Es gibt einen informativen Überblick über die albanische Archäologie seit ihrem Beginn im 19. Jahrhundert. Darin wird zu Recht beklagt, dass das osmanische Erbe bisher vernachlässigt worden sei. Weiter stellen die Autoren fest, durch die „politische Instrumentalisierung der Archäologie“ in der Zeit des Sozialismus „blieb Albanien für mehrere Jahrzehnte außerhalb des internationalen Wissenschaftsbetriebs“. Das ist in dieser Absolutheit sicher etwas überzeichnet, über wissenschaftliche Kontakte berichtet z. B. eine Sondernummer der Zeitschrift „Antike Welt“ von 1983 über Albanien. Aber angesichts der ideologischen Vorgaben und des Verbots von Ausgrabungen durch ausländische Forschungseinrichtungen war das Interesse der internationalen Archäologie an Albanien eher gering. Dennoch sind die Leistungen der albanischen Archäologen zwischen 1950 und 1990 beachtlich und halten durchaus einer wissenschaftlichen Bewertung stand. Diese werden leider nur beiläufig erwähnt. Dagegen werden die Forschungsarbeiten ausländischer Archäologen in Albanien ausführlich gewürdigt. So gibt es im Index 17 Verweise auf den italienischen Archäologen Luigi Maria Ugolini, der vor dem Zweiten Weltkrieg große Ausgrabungen in Albanien durchgeführt, dabei allerdings auch besonders „schöne“ Funde ohne albanische Genehmigung nach Italien verbracht, also geraubt hat. Dagegen wird auf Skendër Anamali, den Gründer und ersten Direktor des archäologischen Instituts in Tirana, nur 4-mal verwiesen. Sein Nachfolger, Myzafer Korkuti, oder Neritan Ceka, einer der produktivsten Archäologen der sozialistischen Periode, und andere albanische Archäologen werden in dem Buch überhaupt nicht erwähnt von Literaturhinweisen einmal abgesehen.

Darauf folgt eine Darstellung der albanischen Kulturgeschichte und eine ausführliche Zeittafel. Ein Kunstführer ist natürlich kein Geschichtsbuch, somit werden geschichtliche Abläufe lediglich zur Einordnung und Erläuterung der vorhandenen Monumente geschildert, und bestimmte Kunst-, und Stilformen mit der Geschichtsdarstellung verknüpft. Dadurch umgehen die Autoren die Fallgruben der albanischen Geschichte, wie die Ethnogenese der Albaner, die Rolle Skanderbegs u.a. Mit dem Jahr der albanischen Selbstständigkeit 1912 endet diese Darstellung. Auf Seite 75 beginnt dann der Hauptteil: „Archäologische Fundstätten nach Regionen“.

Wahrscheinlich wegen der besseren Orientierung für den Leser unterscheiden die Autoren fünf Regionen: Südalbanien/Chanonien (Butrint, Himara, Gjirokastër, Antigonea), Südliches Mittelalbanien, (Apolonia, Byllis, Amantia) Östliches Mittelalbanien (Elbasan, Ohridsee, Korça), Nördliches Mittelalbanien (Durrës, Tirana, Kruja), Nordalbanien (Lezha, Shkodra, Kukës, Tropoja, Rrëshen, Rubik). Die archäologischen Stätten, Monumente und Orte in jeder Region werden in alphabetischer Reihenfolge einzeln dargestellt. Jeder Artikel ist namentlich gekennzeichnet. Lange Kapitel z. B. über Durrës oder Berat stehen neben kurzen Artikeln über einzelne Fundstätten oder Naturdenkmäler.

Die einzelnen Kapitel sind überwiegend gleich aufgebaut: Nach der Beschreibung von Lage und Anfahrt folgen sorgfältig recherchierte Darstellungen der Geschichte des jeweiligen Fundortes. Die anschließende detaillierte archäologische/architektonische Beschreibung ist eine wichtige Hilfe zum Verständnis des jeweiligen Objektes. Neben dem Text wird nahezu jeder Ort noch durch Zeichnungen, Lagepläne oder Grundrisse (insgesamt 104) veranschaulicht. Abschließend gibt es einige kurze Literaturhinweise. 100 Farbfotos von Landschaften, einzelnen Objekten, bildlichen Darstellungen usw., auf die jeweils verwiesen wird, vermitteln dem Leser auch einen optischen Eindruck der beschriebenen Monumente.

Insgesamt sind es 135 Darstellungen mit weit über 200 beschriebenen Fundorten. Sie geben den interessierten Besuchern umfassende und fundierte Informationen und stellen somit die eigentliche Stärke dieses Buches dar. Es ist ein hilfreiches Nachschlagewerk über kulturhistorische Stätten Albaniens. Dahinter steckt eine enorme Fleißarbeit der Autoren, die die weit verstreuten Angaben zu diesen Orten geordnet und zusammengefasst haben. Vor allem aus dem Kunstführer von Guntram Koch und der Beschreibung der Wehranlagen von Gjerak Karaiskaj findet sich Manches in diesem Buch wieder. Darauf wird aber ordnungsgemäß verwiesen.

Ein Glossar erläutert am Ende die archäologischen und kunstgeschichtlichen Fachbegriffe. Neben den Verweisen am Ende der Kapitel findet der Leser dann im abschließenden Literaturverzeichnis weitere wesentliche Literaturhinweise.

Die ausführlichen Beschreibungen der großen kulturhistorischen Zentren ersetzen allemal die albanischen, oft schlecht zusammengestoppelten lokalen Führer, die vor Ort zu haben sind: So werden etwa Durrës, Apolonia, Butrint und Shkodra mit jeweils mehr als 20 Seiten vorgestellt. Neben den großen bekannten Fundorten hält die von den Autoren getroffene Auswahl auch Überraschungen bereit, unbekannte, kleine Monumente, wie z.B. Pepel, Vodhinë oder Golik. Natürlich kann, selbst mit knapp 600 Seiten, ein archäologischer Führer nicht alles enthalten. Vor allem bei den Monumenten aus osmanischer Zeit gibt es noch Lücken. So fehlt die Erwähnung der vorbildlich renovierten Kirche von Shipska aus dem 18. Jahrhundert oder verschiedener orthodoxe Kirchen bei Përmet und Dhërmi.

Die Fundstätten und Monumente werden in ihrem heutigen Zustand, sozusagen statisch, beschrieben. Hinweise auf deren Erhaltungszustand oder Gefährdung fehlen leider weitgehend. Zwar wird erwähnt, dass „unter den chaotischen Zuständen“ nach der Wende von 1992 nach Schätzung des albanischen Denkmalamtes ca. 17 % aller Kulturdenkmäler in Albanien verloren gingen. Es sollte aber ebenso darauf hingewiesen werden, dass viele wertvolle Monumente auch heute akut gefährdet sind durch unzureichende Schutzmaßnahmen (z. B. Voskopoja), massive Zerstörungen durch Baumaßnahmen (besonders in Durrës, Saranda, Vlora), rücksichtslose touristische Nutzung (Pop-Konzerte in Butrint usw.), unsachgemäße Restaurierungen durch islamische, griechisch-orthodoxe, und andere private Geldgeber.

Kleinere Mängel sind bei einem so umfangreichen Werk nahezu unvermeidlich. Beispielsweise folgt die Schreibweise der Namen keiner einheitlichen Regeln, mal folgt sie der antiken Diktion (Antigoneia und Apollonia, alb.: Antigonea, Apolonia), mal der albanischen (Butrint statt Buthrint). Einmal wird auf die bestimmte Form des Albanischen zurückgegriffen (Këlcyra), ein andermal auf die unbestimmte (Kosinë). Auch Texte und Zeichnungen stimmen nicht immer überein, z. B. im Text über Phoinike wird auf einen Plan verwiesen, der jedoch fehlt, wohingegen zu der Skizze von Karos/Qeparo die Texterläuterungen fehlen. Auch dass von der großen Ausgrabungsstätte Apolonia nur ein Plan des Zentrums und kein Gesamtplan der antiken Stadt vorliegt, ist bedauerlich. Möglicherweise könnten die Autoren noch Fehlendes in einem Ergänzungsband hinzusetzen.

Auch wenn das großformatige Buch nicht in jeden Rucksack passt, wird es in Zukunft für jede kunstgeschichtliche Exkursion in Albanien die erste Informationsquelle darstellen. Dafür gebührt den Autoren unser Dank.

 

 

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