Wilfried Fiedler ist gestorben

12. September 2019 | Von | Kategorie: Berichte

Wilfried Fiedler, 2008. Foto: wikipedia/privat

Der Albanologe Wilfried Fiedler ist am 11. September 2019 im Alter von 86 Jahren gestorben. Er war einer der wichtigsten Erforscher der albanischen Sprache unserer Zeit.

Wilfried Fiedler wurde am 7. Mai 1933 im sächsischen Oberfrohna geboren. Von 1951 bis 1955 studierte er Slawistik und Ost- und Südosteuropäische Philologien an der Humboldt-Universität zu Berlin. Darauf nahm er eine Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Berliner Akademie der Wissenschaften an.

Seine erste Begegnung mit Albanien war einem der glücklichen Zufälle zu verdanken, von denen die Wissenschaft lebt. Er erhielt das Angebot, das Musikologen-Ehepaar Doris und Erich Stockmann 1957 bei einer Forschungsexpedition zur Aufnahme der vielfältigen Volksmusik nach Albanien als Experte für Balkansprachen zu begleiten. Nur hatte er sich bis dahin nicht intensiv mit dem Albanischen befasst, und es gab weder Kurse noch moderne Lehrbücher. Also musste er das uralte Büchlein von Max Lambertz und Gjergj Pekmezi aus der Reihe „Hartleben’s Kunst der Polyglottie“ als Einstieg nutzen – aus heutiger Sicht ein sprachdidaktischer Albtraum. Aber es funktionierte, wovon der erste und einzige Band „Lieder der Çamen“ zeugt, der aus dieser Forschungsreise hervorging.

Nach einem weiteren Forschungsaufenthalt in Albanien 1959 arbeitete er als Lehrbeauftragter für albanische Sprache, Literatur und Volkskunde in Berlin. 1961 promovierte er in Balkanologie, genau als Albanien mit dem Sowjetblock brach und die Beziehungen zwischen Ostberlin und Tirana auf ein Minimum abkühlten; weitere Reisen ins Land waren für die DDR-Albanologen jetzt nicht mehr möglich.

Wilfried Fiedler arbeitete darauf als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Sprachenkommission (1963-1967) und am Institut für Romanische Sprachen und Kultur der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Berlin (1967-1968). Zusammen mit Oda Buchholz leitete er die Forschungsgruppe Balkanstudien am Zentralinstitut für Linguistik der Akademie der Wissenschaften der Deutschen Demokratischen Republik in Berlin (1968-1988).

Wilfried Fiedler erzählte gerne, wie die Wende seine Karriere rettete. Er wurde 1988 an der Humboldt-Universität auf dem Gebiet der albanischen Sprache habilitiert, wohl wissend, dass die Chancen, in der DDR dazu wissenschaftlich voranzukommen, gering waren. So war er aber bestens positioniert, 1991 die Nachfolge Martin Çamajs an der LMU in München anzutreten. Dort lehrte er bis zu seiner Emeritierung 1998. Darauf zog er sich nach Meißen – wo sein Bruder wohnte – zurück.

Von außen war sein Haus auf dem Judenberg in Meißen eher unscheinbar, von innen entsprach es mit seinen vor den Bücherregalen balancierten Bücherstapeln und dem alten Computer – Fiedler arbeitete teilweise noch mit Wordperfect und 3,5 Zoll Disketten – sämtlichen Vorurteilen, die man über alte, alleinstehende Professoren haben könnte. Ein Highlight, wenn man bei ihm zu Besuch war, waren seine zwei – wie sollte es auch anders sein – mehrsprachige Papageien, die darauf bestanden mitzureden, wenn Wilfried Fiedler in seiner kleinen Küche über seine noch unvollendeten Publikationsprojekte erzählte.

Wilfired Fiedler in typischer Dozenten-Pose auf der DAFG-Tagung „Die albanische Sprache“ 2017 in Jena. Foto: Jochen Blanken

Nach seiner Emeritierung lehrte Wilfried Fiedler bis zum Sommersemester 2018 als Gastdozent an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Im regelmäßigem Blockseminar – entweder an der Uni oder alternativ in Meißen in seiner Küche – zitierte er gerne und ausführlich aus seiner Einführung in die Albanologie, um immer wieder abzuschweifen um über die Schwierigkeiten zu erzählen, die bei der Zusammenstellung des Wörterbuchs Albanisch-Deutsch entstanden, das er gemeinsam mit Oda Buchholz und Gerda Uhlisch 1977 im Verlag Enzyklopädie Leipzig (heute bei Langenscheidt) veröffentlichte. Das Team hatte mit der Arbeit daran schon zu einer Zeit begonnen, bevor man sich selbst in Albanien im Klaren war, wie genau die albanische Literatursprache aussehen sollte.

Seine komplette Publikationsliste können wir hier nicht aufführen. Zu seinen wichtigsten Werken gehören (neben zahlreichen literarischen Übersetzungen) seine zusammen mit Oda Buchholz verfasste Albanische Grammatik (1987), die in Prishtina erschienene Monographien Das Albanische Verbalsystem in der Sprache des Gjon Buzuku (2004) und Die Pluralbildung im Albanischen (2007) sowie zuletzt seine Vergleichende Grammatik der Balkansprachen (2018).

Er ärgerte sich oft darüber, dass er ohne Uni-Anbindung die Publikation seiner Werke immer selber organisieren bzw. finanzieren musste. Seine Beziehung zu Akademie der Wissenschaften in Prishtina war insofern ein Segen, dass er überhaupt einen Verlag finden konnte, welcher seine doch sehr auf ein eher kleines Fachpublikum gerichteten Publikationen ins Programm aufnahmen. Die Kommunikation mit Prishtina war immer eine Herausforderung. Wie schon erwähnt, schwor Wilfried Fiedler auf die Vorzüge von Wordperfect, weil das alte Textverarbeitungsprogramm aus den 1990er Jahre viel besser mit diakritischen Zeichen umging als andere, weit neuere Programme. Auch die Frage, wie man einigermaßen kostengünstig ein 800 Seiten starkes Manuskript nach Prishtina liefern konnte, sorgte regelmäßig für Kopfzerbrechen.

Wilfried Fiedler klagte ab und zu, dass er sich mit seiner Entscheidung, nach seiner Emeritierung nach Meißen zu ziehen etwas ins wissenschaftliche Abseits manövriert hätte, und er sprach regelmäßig über einen Umzug nach Berlin, was er vor einigen Monaten auch tat. Als Vertreter eines Orchideenfaches stand er sein Leben lang nie im öffentlichen Rampenlicht. Das hat ihn umso sympathischer gemacht, denn menschlich war er niemals im Abseits, weder für seine Schüler und Kollegen noch für Albanerinnen und Albaner und alle, die seine Liebe für dieses Land und seine Sprache teilten.

Mit Wilfried Fiedler ist der letzte seiner Generation gegangen. Wir und viele andere werden ihn vermissen.

Der Vorstand der DAFG

Letzte Beiträge

Teilen:

Facebooktwitterredditpinterestlinkedintumblrmail
Schlagworte: , , ,

Schreibe einen Kommentar