Zum Außenhandel zwischen der DDR und der SVR Albanien

4. März 2019 | Von | Kategorie: Bücher

Dietrich Lemke: Havanna, Peking, Bonn. Ein DDR-Außenhändler erinnert sich. 592 S. Taschenbuch. Edition Berolina in der BEBUG GmbH. Berlin 2013. 9,49 Euro ISBN 978-3-86789-800-3



Dietrich Lemke, 1933 in Arnstadt/Thüringen als Sohn eines privaten Apothekers geboren, war seit den 1950er Jahren im Außenhandel der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) tätig. Zunächst als Mitarbeiter und Leiter von Handelsvertretungen, vor allem in Kuba, dann ab Sommer 1969 als „Direktionsbereichsleiter Übrige Sozialistische Länder“ im Ministerium für Außenhandel. Von 1981 bis 1990 firmierte er für diesen Bereich als „Stellvertretender Minister“.

„Übrige sozialistische Länder“ waren im DDR-Verständnis die VR China, die DVR Korea, die SR Vietnam und die DVR Laos in Asien, (zeitweilig) die Republik Kuba in der Karibik sowie die SFR Jugoslawien und die SVR Albanien (SVRA) in Europa. Auf den Umsatz der DDR mit diesen Staaten entfielen nur rund fünf Prozent ihres Gesamtaußenhandels. 

Den staatlichen Beziehungen zwischen der DDR und der SVRA, insbesondere dem bilateralen Handel, widmet Dietrich Lemke in seinen erstmals 2006 veröffentlichten Lebenserinnerungen „Havanna, Peking, Bonn“ zwei kleine Abschnitte.

Der erste dieser Abschnitte (S. 267 – 272) ist überschrieben mit „Im Lande der Skipetaren“ und betrachtet die 1970er Jahre. Darin heißt es u.a.:

„Als ich zum ersten Mal zu Verhandlungen nach Tirana flog, das war im Spätherbst 1975, waren die Beziehungen Albaniens zu China schon eisig. (…) Gar nichts aber deutete auf die Absicht Albaniens zur Wiederannäherung an den Warschauer Vertrag hin. (…) Damals und in den Folgejahren war der höchste Grad der Anerkennung, den der albanische Außenhandelsminister Shane Korbeci zu zollen bereit war, der DDR zu bestätigen, im Außenhandel verhielte sie sich ‚korrekt‘. Dieses Standardlob sprach er regelmäßig im Verlauf der Höflichkeitsvisite aus, zu der er mich und den Botschafter jedesmal vor der Unterzeichnung des Jahresprotokolls empfing. Zu den Messen in Leipzig entsandte Albanien keine ministeriellen Vertreter, unterhielt aber einen vom Messeamt subventionierten Ausstellungsstand, und der albanische Geschäftsträger ad interim (die Botschafter waren beiderseits zurückgezogen) kam ins Hotel Astoria auf eine Tasse Kaffee zu mir und verkündete dabei, es gehe immer noch ‚korrekt‘ zu.

Doch vor Ort in Albanien hatten es unsere Außenhändler schwer. Sie durften die Hauptstadt praktisch nur mit lange zuvor beantragten Sondergenehmigungen verlassen. (…) Schon die Einreise mit dem Flugzeug – die Interflug landete nur alle 14 Tage, die ungarische Malev nur einmal in der Woche, andere Flugverbindungen gab es nicht – war wie in ein verwunschenes Land…“ (S. 268)

Lemke schreibt weiter: „Wenn ich jedes politische Gespräch vermied und mich einfach als einen ‚korrekten Handelsmann‘ und nichts anderes betrachtete, dann waren die Albaner ruhige, selbstbewußte Gesprächspartner und aufmerksam-freundliche Gastgeber. Sie luden nach den Gesprächen zum Essen ein, schenkten einen passablen Rotwein aus und setzten auch noch gern einen Traubenschnaps drauf. (…) Was die Albaner hatten, gaben und zeigten sie gern, und ich hoffte immer, noch einmal Zeiten zu erleben, in denen ich ihr Freund sein könnte. (…) Trotz ihrer feuerfesten Haltung gegenüber dem ‚Sowjetimperialismus‘ und ihrer Nichtteilnahme an der Arbeit des RGW [Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, Sitz Moskau; SRK] waren die Albaner praktisch denkende Leute. Russisch war als Verhandlungssprache willkommen. Sie behielten den zwischen RGW-Staaten üblichen Verrechnungsverkehr und auch den Rubel als Vetragswährung bei.“ (S. 269-270)



Aus Albanien bezog die DDR seinerzeit Chromerz, Schwarzkupfer, Kupferkabel, eine lohnende Menge Erdöl mit hohem Bitumengehalt für die Asphaltgewinnung. Hinzu kamen in größeren Mengen Frühkartoffeln und Tomaten. Aber auch Trinkweine, Heilkräuter und Feigen wurden von dort bezogen. Im Gegenzug lieferte die DDR Kalidüngemittel, Chemierohstoffe, Pflanzenschutzmittel, Arzneimittel, landwirtschaftlichen Maschinen (Mähdrescher, Traktoren u.a.) und Lastkraftwagen, ferner Elektromotore und ORWO-Fotofilme. Lemke resümiert lakonisch: „Wir konnten brauchen, was Albanien bot, Albanien erst recht, was wir ihm lieferten.“ Und er fügt hinzu: „Ein Glück war manchmal, daß unsere Länder nicht auch noch befreundet waren, da litt die ehrliche Auseinandersetzung um den gegenseitigen Vorteil nicht.“ (S. 270)

Lemke geht aber auch persönliche Erlebnisse ein: „Für einen Direktor wie mich war das Besuchsprogramm in Albanien meist bescheiden, kam aber der Stellvertreter des Ministers zur Unterzeichnung des Jahresabkommens wurden die Schleier über Albanien etwas gelüftet, trotzdem gab es ‚verbotene Zonen‘ (…), aber es gab Attraktives genug. Wenn alle zwei Jahre ein albanischer Minister-Stellvertreter in die DDR kam (…), dann ließen wir uns etwas einfallen, meist wurde ich zur Betreuung abgestellt. Die Albaner legten größten Wert darauf, daß wir sie nicht in Hinterzimmern abschotteten, sondern saßen meist an belebten Orten unter Allerweltsgästen, und Fähnchen mit den Landesfarben gehörten immer auf den Tisch. Gelegentlich schien es unseren eigenen Leuten verdächtig, daß wir und die Gesellen aus dem ‚abtrünnigen‘ Land der Adlersöhne so ungezwungen und freundlich betaten. (…)



Für die DDR-Seite war in den 70ern der Stellvertreter des Ministers Dr. Gerd Mönckemeyer, ein Kollege aus der CDU [sic!], für die Endverhandlungen zum Jahreshandelsabkommen verantwortlich. Doch die protokollarische Betreuung des Stellvertreters des albanischen Ministers, Vasil Kati, überließ man gerne mir. Kati hatte in Moskau studiert, was er aber heute dachte, ließ er niemanden erkennen. (…) Kati war ein umgänglicher Geselle, und solange ich verfänglichen Themen auswich, war auch er selbst ohne jeden missionarischen Ehrgeiz. (…) Vasil Kati bin ich danach nie wieder begegnet. Ein ungarischer Diplomat sagte mir später einmal, Kati sei um das Jahr 1980 pensioniert worden und aufs Land gezogen.“ (S. 271-272)

Auf den Seiten 438 bis 441 geht Dietrich Lemke, inzwischen selbst Stellvertretender Minister, zum zweiten Mal auf seine Arbeitskontakte, jetzt in den 1980er Jahren, mit Albanien ein. Überschrieben hat er diesen Abschnitt mit „Bei Halt: Verbeugung!“ – was sich auf die Regularien bei der Besichtigung des Grabes von Enver Hoxha bezieht.

Durchaus überraschend und zugleich bemerkenswert ist das, was Lemke hier aus seiner Sicht über die Außenwirtschaftspolitik Albaniens schreibt:



„So verbohrt und weltfremd ihre ideologischen Positionen waren, wußten sie als Pragmatiker und Kenner des europäischen Wirtschaftsalltags den Wert geregelter Handelsbeziehungen zu den RGW-Ländern, die UdSSR aber ausgeschlossen, zu schätzen. In den Außenwirtschaftsbeziehungen forderten sie auch die DDR nicht durch unkluge Provokationen heraus, hielten sich an Usancen des RGW-Handels, behielten die Verrechnungen in Rubel bei, machten die periodische Korrektur der Vertragspreise mit und nahmen für eine Spinnereianlage von Textima ein mehrjähriges kommerzielles Zahlungsziel an, denn die Verfassung verbot Albanien nur die Kredit-Aufnahme, und ein Zahlungsziel war ja kein Kredit…“ (S. 439)



Aber es gab auch die, wobei nun erstmalig konkretere Zahlen genannt werden: „Vertrags- und Lieferrückstände, vor allem beim Chromerz, rissen ein.An albanischem Chromerz, wenn alles gut lief, waren das jährlich 60.000 Tonnen, waren wir interessiert. Auch frühe albanische Tomaten, Kartoffeln und Gurken nahmen wir gern in einer Größenordnung von 20.000 Tonnen ab. Ganz allmählich entwickelten sich auch schüchterne Ansätze von Kooperation und Lohnveredlung in der Leichtindustrie und kurz vor dem Untergang des Sozialismus waren sich DDR und Albanien auch einig geworden, einen Gemeinsamen Wirtschaftsausschuß ins Leben zu rufen.“

Weiter heißt es: „Alles in allem waren die Albaner umgänglicher geworden, geschäftsmäßig-freundlich, solange man politische Themen vermied, bekundeten sie auch ihrerseits nicht unbedingt missionarischen Eifer. Äußerlich betonten sie noch immer, daß unsere staatlichen Beziehungen nicht völlig normal seien, aber ohne der DDR immer wieder aufs Brot zu schmieren, daß sie es war, die 1961 den Botschafter abberief und auf die Einschränkungen des Umfangs beider Länder gedrungen hatte.

Lange Jahre unterhielten beide Länder nur Geschäftsträger ad interim und Handelsattachés, dann trat auch da wieder Normalität ein. Ilir Bocka war der albanische, Peter Schubert (1988) der erste DDR-Botschafter und Gerhard Pfeiffer und Wolfgang Dornemann die ersten DDR-Handelsräte nach der Eiszeit.“ (S. 439-440)



Dies kann ich aus eigener Anschauung und aus eigenen Gesprächen von Mitte bis Ende der 1980er Jahre, u.a. mit den Geschäftsträgern Dhimiter Karanxha und Ilir Bocka (kurz darauf Außerordentlicher und Bevollmächtiger Botschafter) oder mit immerhin drei gleichzeitig wirkenden Handelsvertretern der Botschaft in Berlin (darunter Handelsattaché Lulzim Camishi), bestätigen.

Lemke geht ferner auf seine Kontakte mit seinen albanischen Amtskollegen ein, zunächst Pajtim Ajazi, später Kostandin Hoxha. Erwähnung findet auch der erste Albanien-Besuch eines DDR-Außenministers, Oskar Fischer, im Juni 1989.

Abschließend schreibt Lemke, und hierzu soll wieder ausführlicher zitiert werden, als langjähriges SED-Mitglied – nun aber schon bundesdeutschen Sprachregelungen folgend:

„In meiner ganzen Albanienzeit hat mich nicht ein einziger Albaner ins Herz schauen lassen. Ich weiß bis heute nicht, ob die tüchtigen Außenhändler, die ich kennengelernt habe, Anhänger der Diktatur oder potentielle Reformisten waren, oder ob einer davon zu einer Bürgerpartei gestoßen ist. Nur Ajazi hat mir aus seinem Leben erzählt, woraus ich geschlossen habe, daß er sich lange um das Vertrauen der Kommunisten habe bemühen müssen. Ajazi war ein Lehrersohn, ein Kind aus der Intelligenz, und hatte vor der Aufnahme in die Partei ein oder zwei Jahre praktische Arbeit im größen albanischen Wasserkraftwerk am Mati ableisten müssen. (…)



Ich flog gerne nach Tirana. (…) An der Botschaft in Tirana war ein Stellvertreter des Ministers für Außenhandel der ranghöchste DDR-Besucher, aber auch nur alle zwei Jahre. So gesehen war der Besuch des Ministers für Außenhandel der DDR im Jahr 1986, der mit einer Sondermaschine einschwebte, um das langfristige Handelsabkommen 1986 bis 1990 zu unterzeichnen, nach einigen Jahren des politischen Verkehrs auf Sparflamme eine Sensation gewesen.“ (S. 441)

Dietrich Lemkes Aufzeichnungen geben Einblicke in ein Kapitel deutsch-albanischer Beziehungen, das wohl nur den wenigsten Bürgern der DDR, auch wohl nur den allerwenigsten (westdeutschen) Mitgliedern der alten Deutsch-Albanischen Freundschaftsgesellschaft, und erst recht nicht dem „normalen“ Bundesbürger bekannt sein dürfte. Daher auch die Entscheidung zur Wiedergabe längerer Originaltextstellen.

 

 

 

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