Der Grand­sei­g­neur der Albanologie in Kosovo ist gestorben

21. Februar 2019 | Von | Kategorie: Kalenderblatt

Idriz Ajeti (1917-2019) Foto: Wikipedia

Wenn ein Mensch in seinem 102. Lebensjahr stirbt, kann das nicht überraschen. Doch hat die Nachricht von Idriz Ajetis Tod weit über die Grenzen Kosovos ihr Echo gefunden.

Idriz Ajeti wurde am 26. Juni 1917 in Tupallë bei Medvegja geboren, also im Preshevatal, einem in Südserbien gelegenen, überwiegend albanisch besiedelten Gebiet, das heute immer wieder als Objekt eines Gebietstausches zwischen Kosovo und Serbien im Gespräch ist. Nach der serbischen Grundschule besuchte er bis 1938 die Königliche Medrese in Skopje, denn eine Sekundarschulbildung auf Albanisch war im königlichen Jugoslawien kein Platz. Während des II. Weltkriegs studierte er Romanistik in Zagreb, Italien und Belgrad; zu seinen Lehrern gehörten Carlo Tagliavini und Henrik Barić. Er promovierte über den albanischen Dialekt im kroatischen Zadar.

Sein langer Lebensweg folgte den wechselhaften Schicksalen der Albaner im Jugoslawien Titos und seiner Nachfolger. Wie viele bedeutende Wissenschaftler begann er als Lehrer für Albanisch an einer Sekundarschule in Prishtina und wechselte dann ans Seminar für Albanisch in Belgrad, dann an deren Zweigstelle in Prishtina, die erst 1969 zu einer eigenständigen Universität wurde.

Ajeti war 1973-1975 Rektor der Universität und leitete lange Zeit ihr von ihm mitbegründetes Albanologisches Institut. 1975 gehörte er zu den Gründern der Akademie der Wissenschaft und Künste von Kosovo, deren Präsident er 1979-1982 und 1995-1999 war.

Ich habe Ajeti in den späten 70er Jahren im Rahmen der jährlichen internationalen Seminare erlebt, den die Universität Prishtina (ebenso wie die aller Republik- und Provinzhauptstädte Jugoslawiens) durchführten, Kombinationen von Vorlesungen, Sprachkursen und touristischem Programm. Es war nicht zu übersehen, dass er eine der Leitfiguren des Wissenschaftsbetriebes in Kosovo war; er selbst hatte 1974 die Initiative zu diesen internationalen Seminaren ergriffen.

Er vertrat – oder musste vertreten – den offiziellen Kurs des bratsvo i jedinstvo, der Brüderlichkeit und Einheit, wonach die Albaner in Jugoslawien, dem „Land der Südslawen“, alle Rechte genossen, die einer Nationalität zustanden, die nicht zu den Staatsnationen gehörte. Zugleich ließ er den Faden nach Tirana nicht abreißen. Schon 1968 gehörte Ajeti zu einer Delegation kosovarischer Wissenschaftler, die nach Tirana gereist und dort die seit 20 Jahren unterbrochenen Wissenschaftsbeziehungen reaktiviert hatten.

1972 war er der wichtigste der kosovarischen Sprachexperten, die die vereinheitlichte albanische Literatursprache mittrugen, obwohl sie weit näher am südlichen Toskischen als am nördlichen Gegischen, das in Jugoslawien gesprochen wurde, ausgerichtet ist. Denn ein Auseinanderdriften der Sprachen Albaniens und Kosovos (und der anderen albanischen Gebiete Jugoslawiens) hätte die Aufgabe einer gemeinsamen Sprach- und Kulturnation bedeutet.

Ajeti schrieb Schulbücher für albanischsprachige Schulen und ein Lehrbuch des Albanischen für serbokroatische Muttersprachler – Serbokroatisch ist das, was heute BKS (Bosnisch-Serbisch-Kroatisch) oder BKSM (wenn man Montenegrinisch dabei haben will) genannt wird. Dieses Buch von 1959 trägt den Titel: „Šiptarski u 30 lekcija za srpskohrvatskog čitaoca“, er sprach also nicht von „Albanski“, sondern verwendete die offizielle Sprachregelung, die die „šiptari“ in Jugoslawien von den „albanci“ Albaniens abgrenzen wollte. Die Eigenbezeichnung der Albaner, „shqiptar“, wurde – oft mit abwertendem Klang – gegen sie gewendet.

Solche Konzessionen machte er später nicht mehr, sondern engagierte sich in recht hohem Alter politisch. 1998 übernahm er das Amt des Präsidenten des Untergrundparlamentes der illegalen „Republik Kosova“ – was freilich formal war, da das gewählte Parlament nie tagen konnte, und 1999 gehörte er zu der kosovarischen Delegation, die in Schloss Rambouillet letzte vergebliche Verhandlungen führte, die einen Krieg abwenden sollten. Er überlebte Nachstellungen durch serbische Extremisten nur knapp dank seiner Frau Hairije, die für sich und ihren Mann sichere Verstecke fand.

Nach der Befreiung Kosovos übernahm er keine herausgehobenen Funktionen mehr. Anlässlich seines 100. Geburtstages trat er auf einer Konferenz zu seinen Ehren auf.

So wie der Tod Kristo Frashëris das Ende einer Ära in Albanien besiegelte, bedeutet das Ableben Idriz Ajetis, dass die Gründergeneration der kosovo-albanischen Wissenschaft von der Bühne abgetreten ist.

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