Neuveröffentlichung der „Albanischen Hefte“ ab 1972

31. Dezember 2018 | Von | Kategorie: Albanische Hefte

Liebe Leserinnen und Leser,

wir laden Sie ab heute zu einer Zeitreise ein, die Sie nicht nur in die Anfangsjahre der DAFG (die damals noch „Gesellschaft der Freunde Albaniens“ – GFA hieß) führen wird, sondern auch in eine vergangene Epoche der Herstellung von Medien: In den kommenden Wochen und Monaten werde wir schrittweise die ersten Jahrgänge der Albanischen Hefte ab 1972 hier wieder zugänglich machen, da es kaum noch komplette Sammlungen unserer Zeitschrift gibt. Computer gab es schon, aber nicht für den Privatgebrauch, ans Internet war nicht mal zu denken. Stattdessen gab es Offsetdruck, Schreibmaschinen (natürlich mechanische), Letraset, Filzschreiber, Tipp-ex – nur über die gebrannten Keilschrifttafeln waren wir schon hinaus …

Aber die Zeitreise führt Sie auch in eine politische Kultur, die mit der heutigen kaum noch etwas zu tun hat. 1972 war das Jahr des großen Wahlsiegs von Willy Brandts SPD, es war aber auch die Zeit des großen Aufbegehrens im Gefolge der 68er Bewegung. Nach einem Jahrzehnt des KPD-Verbots war die Neugründung kommunistischer Parteien wieder legal, solange sie nicht KPD hießen. Aber die „Einheit der kommunistischen Weltbewegung“ war längst Makulatur geworden. Auf die Gründung der DKP, die in der UdSSR und in der DDR ihre Vorbilder sah, folgte zum Jahreswechsel 1968/69 die Formierung der KPD/ML unter dem ehemaligen KPD-Funktionär Ernst Aust, für die in China, aber auch im kleinen, unbekannten Albanien die richtigen Antworten auf die „revisionistische Entartung“ der Sowjetunion unter Nikita Chruschtschow gegeben wurden.

Die sogenannten ML-Gruppen vermehrten sich in den 70er Jahren sprunghaft, vor allem durch Spaltung. Jede „Partei“, jeder „Parteiansatz“ schuf sich „Massenorganisationen“; dazu gehörten Freundschaftsvereinigungen mit China, das damals in den Konvulsionen der Kulturrevolution steckte, oder mit dem kämpfenden Vietnam (natürlich Nordvietnam). Aber nun kam auch Albanien ins Spiel. Das kannte keiner; einen „normalen“ Massentourismus wie nach Jugoslawien (das gab’s damals auch noch) oder Griechenland gab es ebenso wenig wie eine Einreise auf eigene Faust, also war es spannend. Es gab Radio Tirana, dessen deutsches Programm in der BRD überwiegend gut zu empfangen war.

Da lag es nahe, eine Gesellschaft zu gründen, die sich exklusiv mit diesem Land befasste. Und ein Verein braucht auch eine Zeitschrift, und wie die damals aussah, sehen Sie hier.

Viele Texte werden Ihnen seltsam vorkommen. Wenn Sie freundlich sind, werden Sie sagen: „Wie naiv waren die denn?“. Wenn Sie weniger freundlich sind, werden Ihnen auch viel härtere Ausdrücke einfallen. Immerhin geben viele Texte einen authentischen Einblick darauf, wie sich das sozialistische Albanien, vor über 40 Jahren präsentiert und nach außen dargestellt hat. Daneben waren die Albanischen Hefte aber auch um die Vermittlung allgemeiner Albanienkenntnisse bemüht, etwa durch Beiträge zu Kunst und Kultur oder die Geschichte Albaniens.

Natürlich würden auch wir selbst heute viele Artikel aus den 70er und 80er Jahren nicht mehr so schreiben, wie sie damals veröffentlicht wurden. Vieles ist durch die Entwicklung in Albanien schon lang zur Makulatur geworden. Wir haben uns nach 1990 selbst kritisch mit unserer Vergangenheit auseinandergesetzt. Es gibt über unsere Vereinsgeschichte seit einiger Zeit auch eine kurze Darstellung eines Autors, der kein Mitglied der DAFG war.

Wofür wir uns aber nicht zu entschuldigen haben, ist, dass wir Albanien in Deutschland zu einem Thema gemacht haben, als die Bundesrepublik Deutschland wegen ungelöster Reparationsfragen aus der kurzen deutschen Besatzungszeit nicht einmal diplomatische Kontakte hatte, als Albanien sich den europäischen Entspannungsbemühungen wie der KSZE verweigerte und der Besuch von Albanern in Deutschland (West) schon eine Mediensensation war.

Immerhin haben Tausende von Menschen die Gelegenheit genutzt, an durch uns vermittelte Reisen nach Albanien zu reisen. Und die begeistertsten Propagandisten waren dabei oftmals nicht die KPD/ML-Mitglieder, sondern alte Herren, die das Land von früher kannten – nämlich als Besatzungssoldaten.

Die „Hefte“ wurden im Laufe der Zeit besser, nicht nur technisch. Der damalige, österreichisch sozialisierte Akademiepräsident Aleks Buda sagte mal, er würde gern in die „Hefte“ hineinschauen, weil er dort – anders als in den Organen anderer Freundschaftsgesellschaften – durchaus mal etwas lesen würde, was er noch nicht wusste.

Natürlich stehen wir gern für Ihre Nachfragen und Diskussionsbeiträge zur Verfügung.

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