Städtereise nach Tirana – ein Reisebericht

3. Juli 2018 | Von | Kategorie: Berichte

Vor drei Monaten hat uns eine Anfrage aus dem Schleswig-Holsteinischen Ahrensburg erreicht: Eine kleine Reisegruppe war auf der Suche nach einem Führer für einen Stadtrundgang durch Tirana. Gesagt, getan. Wolfgang Fehmer war so freundlich, über das Erlebte zu berichten:

Jeder, der mal in Tirana war, kennt das Hotel Rogner von vorne, die Parkanlage hinter dem Hotel ist es mehr als beeindruckend. Foto: Fehmer

Albanien! Unsere Albanienreise war ein tolles Erlebnis! Selbst der Skeptiker in unserer Reiseclique, der dieses Reiseziel nur ungern angesteuert hatte, kam zu dem Schluss, dass es eine tolle Reise war. Warum wohl?

Wir waren privat in Albanien unterwegs (Städtetour Tirana mit Tagesausflug in die Berge nach Norden), haben alles wie immer gut organisiert (auch dank der Unterstützung der DAFG, die eine Führerin, die uns teilweise begleitet hat, vermittelt haben). Als Quartier hatten wir das österreichisch geführte Rogner Hotel gewählt, das auch den Flughafentransfer übernommen hatte. Der erste Eindruck auf der Fahrt vom Flughafen zum Hotel: Es sind fast nur PKWs deutscher Herkunft unterwegs (relativ neu und davon etwa 1/3 Mercedes-Fahrzeuge). Wir haben uns natürlich gefragt, wie diese Werte, zu denen die Wirtschaftsleistung des Landes in keinem Verhältnis steht, finanziert werden. Der Verkehr dafür ist unglaublich chaotisch. Das meinten auch die in unserer Gruppe, die zum Bespiel schon mal in süditalienischen Städten mit dem Auto unterwegs gewesen waren – der Verkehr in Tirana toppt das noch erheblich. Das Hotel war natürlich mit seiner großen mediterranen Parkanlage alleine ein Hit für sich, vor Allem angesichts der Ende April schon außergewöhnlich warmen Temperaturen, die wir auch noch in den späten Abendstunden im Freien genießen konnten. Für albanische Verhältnisse ist es sicher teuer, wir haben aber anderswo schon mehr bei deutlich geringerer Leistung bezahlt. Sprachlich sind wir recht gut mit Englisch durchgekommen; später in Tamarë halfen auch ein paar Brocken Italienisch weiter, und manchmal trifft man auch auf Menschen, die Deutsch sprechen können.

Am ersten Abend haben wir das u.a. von Spiegel Online empfohlene Lokal Mullixhiu aufgesucht und wurden vom Wirt Bledar Kola selbst begrüßt. Mir hat es geschmeckt, die Meinung in der Gruppe war ansonsten geteilt. Die Atmosphäre war aber sehr schön.

Bei einer Stadtführung darf die Ausstellung „Bunkart 2“ nicht fehlen. Foto: Fehmer

Die Führungen haben unsere Erwartungen voll erfüllt, wenn nicht gar übertroffen. Am ersten Tag ginge es zu Fuß durch Tirana (zwischendurch ein gemeinsames Mittagessen; der Wirt, der übrigens auch Deutsch sprach, bot Schweinekoteletts an: üppig, lecker und preiswert – nebenan war ein moslemisches Lokal). Neben dem Besuch der Sehenswürdigkeiten (Museen haben wir aus Zeitgründen ausgespart) hat uns unsere Führerin, im Hauptberuf Historikerin an der Universität Tirana, die sich mit dem Kommunismus in Albanien und dessen Langzeitwirkungen beschäftigt, sehr viel über die Geschichte von Albanien und den Weg in die Gegenwart erzählt. Genau das hat uns auch sehr interessiert. Tirana ist derzeit eigentlich eine große Baustelle. Der Skanderbeg-Platz wird nach wie vor umgestaltet. Diverse Baukräne im Zentrum ziehen weitere Hochhäuser hoch. Die Frage ist natürlich: für welchen Zweck – wer wird da einziehen? Ansonsten ist das Stadtbild bunt und quirlig – viele Menschen sind unterwegs, vor allem auch viele junge Menschen. Für uns bemerkenswert für ein Land mit hohem muslimischen Anteil: die beobachteten Frauen mit Kopftüchern waren während der gesamten Zeit an einer Hand abzuzählen. Es gibt jede Menge Restaurants und Bars – auch im Freien, und die sind auch gut besucht. Vieles erinnert an Süditalien.

Die Innenstadt in Shkodra. Foto: Fehmer

Unser Tagesausflug in die Berge ging zunächst nach Shkodra und von dort nach Tamarë in der Malesia e Madhe. Die Stadt Shkodra könnte auch in Süditalien liegen (sowohl das Stadtbild, als auch die Menschen). In der Fußgängerzone habe ich den schlechtesten Kaffee meines Lebens getrunken. Ich hatte Kaffee Americano bestellt, die anderen alle ein Bier – das hätte ich wohl besser auch machen sollen. Das lokale Bier schmeckt übrigens sehr gut. Die Fahrt durch die Berge nach Tamarë war atemberaubend – durch die Schluchten des Balkans. Sicher geht es noch deutlich spektakulärer, aber unsere Führerin meinte, dass danach die Straße so schlecht sei, dass man nur im Schneckentempo vorankomme. In Tamarë haben wir in einem der wenigen Lokale gegessen: es gab Lammbraten mit Salat, Gemüse und köstlichen Schafskäse (den ich eigentlich nicht mag, der mir hier aber wirklich sehr gut geschmeckt hat). „Cinquecento grammi“ – „fünfhundert Gramm“ Lammfleisch, hatte uns der Wirt gesagt, serviert er pro Person. Es wurde auch der Kopf des Lammes serviert – eine besondere Ehrerbietung gegenüber dem Gast! Zu zweit haben wir dann von der Zunge und dem Hirn probiert; die anderen fanden das eklig. Sehr gut hat auch das aus Montenegro „importierte“ Bier geschmeckt. Unsere Führerin bestellte vorab erst mal einen Raki, einen Obstbrand, den es von verschiedenen Obstsorten gibt – bevorzugt wird aber wohl der Brand von Weintrauben, dem italienischen Grappa vergleichbar. Für Mobiltelefone gab es in dieser Gegend keinen Empfang aus Albanien; stattdessen konnte man sich bei einem montenegrinischen Provider einloggen und für die Gesprächsminute etwa 7 € bezahlen!

Eine besondere Ehre für den Gast, wenn auch nicht jedermanns Sache. Foto: Fehmer

Besonders in Shkodra ist uns aufgefallen, wie rücksichtsvoll sich dort Fahrradfahrer gegenüber Fußgängern verhalten. Das kennen wir in deutschen Städten schon länger nicht mehr. Vielleicht liegen auch deshalb so viele Hunde arglos auf der Straße und chillen – nach unserer Beobachtung waren alle registriert.

Unserer Führerin haben wir viele Fragen gestellt, u.a. auch nach der Kriminalität in Albanien. Diese sei sehr gering, hat sie gesagt, denn Albaner bestehlen sich untereinander nicht. Das sollte wohl auch gegenüber Gästen gelten. Wir haben uns allerdings zweifelnd gefragt, ob man sich auch im Ausland so verhält. Fremdsprachen an den Schulen werden aktuell insbesondere Englisch, aber auch Deutsch und Italienisch nachgefragt. Viele Albaner seien mit dem Italienischen vertraut, weil sie die italienischen Fernsehsender empfangen können.

Landschaft mit Bunker. Foto: Fehmer

Auffällig sind natürlich die im Lande weit verstreuten vielen kleinen Bunker, die der Diktator Enver Hoxha hat bauen lassen (es sollen insgesamt so um die 200.000 Stück sein; eine andere Quelle spricht sogar von gut 700.000). Sie sollen Zeugnis einer Diktatorenparanoia sein – es sollten Feinde abgewehrt werden, die niemals gekommen sind; vielleicht sind sie ja gerade deshalb auch nicht gekommen? In Tamarë haben wir davon eine ganze Front entdecken können; in Tirana gibt es dazu inzwischen ein Bunkermuseum.

 

Wie bereits gesagt, unsere Albanienreise war ein tolles Erlebnis, und wir haben uns dort sehr wohl gefühlt, was wir vorher nicht unbedingt erwartet hatten. In den wenigen Tagen konnten wir natürlich konzentriert nur Wesentliches entdecken. Ich bin gespannt, wie sich das Land und vor allem auch die Hauptstadt Tirana in den nächsten 10 Jahren entwickeln wird.

Wolfgang Fehmer, Ahrensburg

 

 

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