In der nächsten Ausgabe der Albanischen Hefte: Die Autorin Arta Ramadani im Interview

1. Juni 2018 | Von | Kategorie: Albanische Hefte

Anfang März erschien „Die Reise zum ersten Kuss. Eine Kosovarin in Kreuzberg“ von Arta Ramadani im Drava Verlag. In der kommenden Ausgabe der Albanischen Hefte drucken wir Andreas Hemmings Interview mit der Autorin über den Roman, über das schreiben und über das Leben als junge Migrantin in Deutschland.

AH: Herzlichen Glückwunsch, Frau Ramadani, zur Veröffentlichung Ihres ersten Romans „Die Reise zum ersten Kuss“. Damit vollziehen Sie, im Fernsehjournalismus zuhause, einen Sprung in ein neues Mediengenre. Wie kam es zu der Entscheidung, diese Geschichte – bestimmt auch in Teilen Ihre eigene Geschichte – nicht als Fernsehreportage oder Dokumentation, sondern als Roman zu verarbeiten?

Arta Ramadani: Vielen herzlichen Dank! Eines vorab: „Die Reise zum ersten Kuss“ ist ein Roman – eine fiktive Geschichte. Aber natürlich fließen darin auch eigene Erfahrungen ein: Auch ich habe meine Kindheit in Prishtina verbracht. Auch mein Vater befand sich in politischer Haft, weil er sich für Demokratie und Menschenrechte im Kosovo eingesetzt hat. Auch in meiner Jugend haben Madonna und Michael Jackson, aber auch Take That, New Kids on the Block und die Spice Girls eine große Rolle gespielt. Musik hat mein Leben als Teenie sehr geprägt. Also, ein paar Eckdaten haben meine Protagonistin Era und ich schon gemeinsam. Nichtsdestotrotz ist das Buch keine Autobiographie.

Über den Kosovo habe ich bereits Reportagen gemacht, ich habe aus journalistischer Perspektive ein Auge darauf, interessiere mich für die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen dort. Aber so sehr ich meine Arbeit beim Fernsehen auch liebe, ich wollte mit dem Roman etwas ganz Eigenes schaffen, unabhängig von meinem Job als Journalistin. Schreiben, Geschichten erfinden, das ist etwas, was mir sehr leicht fällt. Ich brauche dafür nicht viel. In dieser fiktiven Welt gibt es nur mich, meinen PC, meine Gedanken und eine Tasse Tee. Keine Kameras, keine langen Zugfahrten, keine Hotelzimmer, kein Zeitdruck. Es gibt keine Grenzen. Ich kann meiner Phantasie freien Lauf lassen. Das finde ich großartig, denn ich habe sehr viele Ideen im Kopf, manchmal komme ich mir vor wie eine Ideenmaschine. Oft tut es mir für meine Mitmenschen, auch für meine Kollegen beim ZDF leid, weil ich sie mit meinen Ideen bombardiere. Jetzt habe ich eine Form gefunden, um diese Ideen zu kanalisieren. Das ist ein sehr schönes Gefühl. Und diesem Gefühl werde ich auch in Zukunft verstärkt nachgehen.

AH: Warum spielt die Geschichte ausgerechnet in Kreuzberg? Wieso nicht in einer eher durchschnitt- lichen Großstadt wie Ihrer Heimatstadt Mannheim oder in einer noch durchschnittlicheren deutschen Mittel- oder gar Kleinstadt?

Ramadani: Meine Protagonistin Era ist 15, lebt in Prishtina und ist ein großer Madonna-Fan. Ihre Eltern pflegen europäische Werte. Sie setzen sich für Demokratie und Freiheit im Kosovo ein. Deswegen werden sie immer wieder von der serbischen Polizei terrorisiert. Ihnen wird das Leben in Prishtina sehr schwer gemacht. Sie versuchen alles Mögliche, damit ihre Tochter, trotz alldem, so normal wie möglich aufwächst. Weil sie sie lieben, erzählen sie ihr nur halbe Wahrheiten. Meine Geschichte spielt in den 1990er Jahren. Das war eine schwere Zeit für die Albaner im Kosovo. Sie wurden immer und überall diskriminiert, verloren ihre Jobs, wurden verhaftet und getötet. Sie lebten in Angst, im Krieg.

Era ist sehr aufgeweckt, sie ahnt vieles von dem, was von ihr ver- steckt wird. Und so flüchtet sie mit Hilfe von Madonna und ihren Liedern in eine Phantasiewelt. Madonna rettet sie in gewisser Weise. Einer ihrer größten Wünsche ist es, ein Madonna-Konzert zu besuchen. Sie weiß aber, dass Madonna niemals in Prishtina auftreten wird.

So musste Era in eine deutsche Stadt ziehen, wo auch Madonna Zuhause sein könnte. Es musste eine deutsche Stadt sein, in der multikulturelles Leben herrscht. Eine Stadt, die für Freiheit und Vielfalt steht. Das ist für mich Berlin. Zu Era und ihren Eltern hätte keine andere deutsche Stadt besser gepasst als Berlin. Meine Heimatstadt Mannheim wäre natürlich auch in Frage gekommen, aber ich wollte auch geographisch eine klare Grenze ziehen zwischen Era und mir.

AH: Deutschland gilt im Ausland und vor allem in Kosovo zugespitzt als „Land, wo Milch und Honig fließt“. Aber Sie verbinden die Auseinandersetzung mit der Flucht vor dem drohenden Krieg im Kosovo mit der Erkenntnis seitens Ihrer Protagonistin, dass nicht alles in Deutschland immer so rosig war (und auch ist). Diese Erkenntnis macht die Flucht ja nicht einfacher. Wieso hatten Sie das Bedürfnis, das Leben Ihrer Protagonistin dadurch noch zusätzlich zu erschweren?

Ramadani: Eras Familie, die sunnitisch-muslimisch ist, hat während des Zweiten Weltkrieges Juden gerettet. Dass es das gab, ist ja historisch be- legt, was nicht viele in Deutschland wissen: Viele Albaner im Kosovo, aber auch in Albanien, Christen wie Muslime, haben Juden gerettet. Das hat nichts mit dem Islam zu tun, sondern mit dem Ehrenkodex der Albaner, mit der fest im albanischen Gewohnheitsrecht verankerten Besa. Und die Besa schließt u.a. eine Verpflichtung ein, Menschen, die in Not sind, zu helfen. Era erfährt durch ihre Großmutter zufällig davon. Und so entwickelt Era eine Vorstellung von Deutschland als einem Land, das nicht alle Menschen willkommen heißt. Sie flieht mit vielen Vorurteilen im Kopf nach Berlin. Ihre Mutter muss sie mühsam davon überzeugen überhaupt mitzugehen. Ich wollte Eras Leben dadurch nicht erschweren, ich wollte ihr aber zeigen, dass nicht nur die Menschen im Kosovo Leid, Unglück und Tod erleben. Dass andere noch viel schlimmere Dinge erlebt haben. Dass das, was im Kosovo passiert, kein Einzelfall ist, ist etwas, was Era relativ früh lernen muss. Das öffnet sie für die Menschen in Berlin, die ihr begegnen werden.

AH: Haben Sie beim Schreiben über- wiegend aus Ihren eigenen Erfahrungen geschöpft oder haben auch darüber hinaus recherchiert, z.B. mittels biographischer Interviews?

Foto: Amanda Dahms

Ramadani: Alles begann mit meiner Magisterarbeit 2007. Ich habe mich damals damit auseinandergesetzt, wie sich traditionelle gesellschaftliche Strukturen durch das Leben in der Migration verändert haben, und eben am Beispiel kosovoalbanischer Frauen in Deutschland.

Ich habe, weil ich ja eine richtige Feldforschung daraus gemacht habe, für diese Arbeit so viele Informationen gesammelt, so viele Gespräche geführt, so viele Antworten gefunden, dass ich damals schon beschloss, diese später in einem Buch zu ver- arbeiten. Aber dann kam das Leben dazwischen. Nach dem Studium habe ich relativ schnell ein Volontariat beim ZDF machen können, und danach wurde ich übernommen. Ich war so glücklich und so verliebt in meine Arbeit, dass ich alles andere eine Zeitlang vergessen habe. Erst in den letzten Jahren kam in mir der Wunsch auf, diesen Roman zu schreiben. Ich finde, Deutschland hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Die Flüchtlinge, die zu uns kommen, die Bedeutung des Islams in der Gesellschaft, die AfD – all das bestimmt doch sehr unseren Alltag. Die Stimmung ist anders, aggressiver, als noch vor ein paar Jahren.

Auch die extrem niedrige gesellschaftliche Stellung der Frau im Kosovo, die Tabuisierung der Sexualität und die Heroisierung der Männer im Kosovo, teilweise auch in der Diaspora, haben mich plötzlich wieder sehr beschäftigt. Auch der Konflikt mit Serbien und die Tatsache, dass Serbien sich bis heute nicht für die grausamen Taten den Kosovo-Albanern gegenüber entschuldigt hat, hat mir sehr zu denken gegeben. So habe ich beschlossen, über all diese Dinge zu schreiben.

In meinem Roman schöpfe ich aus eigenen Erfahrungen und Beobachtungen, aber vieles habe ich auch recherchiert und nachgelesen. Die Bücher von Oliver Jens Schmitt, aber auch diverser Frauenorganisationen haben mir dabei geholfen, die Zusammenhänge besser zu verstehen, und meine Thesen zu überprüfen. Die Journalistin schreibt so immer mit. Auch wenn Eras Geschichte eine fiktive ist, diese fußt in der gelebten Realität.

Mit meinem Buch mache ich mich aber auch stark für die Aufklärung in Europa: es ist schon eine Schande, dass das Kosovo ein fast vergessenes europäisches Land ist.

AH: Die Geschichte Eras ist die vieler jungen Mädchen, die aus ihrem Heimatland – und nicht nur aus dem Kosovo – fliehen und sich in einer fremden Stadt, in einem fremden Land zurechtfinden müssen. Insofern werden sich bestimmt viele junge Frauen darin wiederfinden. Und da machen Ihr Roman und Ihre Biographie Mut. Was würden Sie den jungen Frauen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben bzw. junge Frauen, die gerade diese Erfahrung machen, noch auf dem Weg geben wollen?

Arta Ramadani auf der Leipziger Buchmesse, hier im Gespräch mit Herbert Gnauer von www.literadio.org. Foto: Andreas Hemming

Ramadani: Ich kann jeder jungen Frau nur raten, eine solide Ausbildung zu machen und finanziell unabhängig zu sein. Finanzielle Unabhängigkeit ist für mich der Schlüssel zu einem selbstbestimmten und freien Leben.

Mit meiner Familie habe ich Glück. Weil ich kluge Eltern habe, die über- zeugte Europäer sind. Sie haben mir von klein auf beigebracht, an mich zu glauben und Träume zu haben. Zuhause hatte ich es leicht. Ich musste nicht um meine Rechte kämpfen. Das hat mich sehr gestärkt.

Heute kann ich entspannt zurückblicken. Ich bin seit neun Jahren Fernsehjournalistin und ich bin sehr stolz darauf, dass ich mir selbst treu geblieben bin. Damit will ich jeder jungen Frau sagen: Bleib dir treu, verdiene dein eigenes Geld, glaube an dich, lass dich niemals unterkriegen, auch nicht von deinen eigenen Eltern, verbringe keine Zeit mit Idioten, gehe neugierig und offen durchs Leben und begegne allen Menschen auf Augenhöhe. Das ist etwas, was wirklich im Leben einer Frau zählt.

 

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Die Ausgabe 3/2017 der Albanischen Hefte in der dieses Interview erschienen ist können Sie gleich hier bestellen!

 

 

 

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