5 Fragen an Vjollca Hajdari

9. April 2018 | Von | Kategorie: Berichte

Vjollca Hajdari, geboren in Mitrovica, hat Publizistik, Politikwissenschaft und Ethnologie an der FU-Berlin studiert. Sie hat für den Berliner Senat gearbeitet sowie für diverse albanische Medienunternehmen. Ihre Beiträge sowohl in albanischer als auch in deutscher Sprache sind z.B. auf EurActiv.de, in „Die Welt“ oder auch hier auf unserer Webseite erschienen. Vjollca versteht ihr sozialpolitisches Engagement als Cultural Diplomacy und sie engagiert sich sehr für die Pflege des Albaner- bzw. Albanienbildes in Deutschland und darüber hinaus. Dafür wurde sie 2005 von der Stadt Berlin geehrt. In diesem Jahr wurde ihr anlässlich des 10. Unabhängigkeitstages vom Kosova eine Ehrenurkunde von Osteuropazentrum Berlin (OEZB) verliehen. Seit einigen Jahren ist Vjollca nicht mehr aus der aktiven albanischen Community in Berlin weg zu denken. Grund genug, sie auch mit 5 Fragen zu durchlöchern.

Wenn sie die Veranstaltung nicht selbst moderiert, wie hier auf einer Veranstaltung des OEZBs im Roten Rathaus… Foto: privat

Frage: Herzlichen Glückwunsch, Vjollca, zur Verleihung der Ehrenurkunde des Osteuropazentrums Berlins für dein vielseitiges Engagement in der Weiterentwicklung der deutsch-südosteuropäischen Beziehungen, vor allem eben zum Kosova und Albanien. Du arbeitest seit einigen Jahren besonders intensiv mit dem OEZB zusammen in der Vorbereitung von Vorträgen und kulturellen Veranstaltungen. Wie ist es zu dieser Partnerschaft gekommen?

Vjollca Hajdari: Vielen Dank für die Glückwünsche! Ich kannte das Osteuropazentrum Berlin durch verschiedenen Veranstaltungen und mir fiel die Vielfalt der Themen auf, die vom OEZB angesprochen wurden. Den Leiter des OEZBs, Detlef Stein, und dessen Team bin ich so durch diverse Events begegnet. Eines Tages vereinbarten wir einen Termin, um eine mögliche Zusammenarbeit zu besprechen. Ich stellte meine Ideen vor und seitdem pflegen wir eine wunderbare Zusammenarbeit. Ich muss mich insbesondere bei Detlef Stein für seine stete Unterstützung bedanken, vor allem für die Möglichkeit, meine Ideen frei umsetzen zu können. Er lässt mir immer – wie er zu sagen pflegt – „die Regie“ hinsichtlich Organisation und Durchführung der Veranstaltungen um diese so zu verwirklichen, wie ich mir sie vorstelle. Die Ehrenurkunde durch das OEZB ist für mich eine wunderbare Motivation und eine schöne Würdigung eines langen und ehrlichen Engagements.

Frage: Du bist auch regelmässig im albanischen bzw. kosovarischen Fernsehen zu sehen, giltst dort als Expertin für Deutschland und die albanische Diaspora in Deutschland. Wo siehst du die großen deutsch-albanischen Missverständnisse? Wo kommen wir (noch) nicht zueinander, sowohl in der Politik als auch auf Ebene der Bevölkerung im allgemeinen? Und wie lässt sich das ändern?

…dann ist Vjollca Hajdari als Expertin auf dem Podium, zB wenn es um Fragen der Migration aus Kosovo und Albanien geht. Foto: privat

Vjollca Hajdari: Die Missverständnisse entstehen, meiner Meinung nach, durch nicht ausreichender Kenntnisse des Anderen und mangelnder Information. Und genau hier setze ich an: gemeinsam mehr Verständnis für einander zu entwickeln, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern. Zugegebenermaßen ist die Geschichte der Albaner sehr komplex. Doch gerade diese sehr alte und reiche Geschichte versuche ich näher zu bringen. Vielen ist es nicht bekannt, dass die Albaner außer in Kosova und Albanien, noch in Mazedonien, Südserbien, Montenegro und Griechenland leben. Hinzu kommen die im Laufe der Geschichte ausgewanderten Albaner in der Türkei, den USA, Deutschland, der Schweiz, Italien, Schweden, der Ukraine, Rumänien, Bulgarien, Argentinien, Ägypten, Syrien usw. Diese für den Außenstehenden doch sehr komplizierte Zusammenhänge versuche ich so überschaubar wie möglich zu gestalten, um die Missverständnisse – sein sie politischer oder soziokultureller Natur – zu beseitigen.

Ein Beispiel: Zu Jugoslawienzeiten wurden die hiesigen Kosova-Albaner eben „Jugoslawen“ genannt. Man dachte, alle würden Serbokroatisch sprechen. Wenn man dann erklärte woher man sei, dann tauchte mal die Frage auf: Die Albaner sind doch alle Muslime, oder? Trägt man denn dort ein Kopftuch? Was für eine Art Kleidung muss man als Tourist dort tragen? Kriminalität war beispielsweise ein Stichwort, womit insbesondere die männliche Welt in Deutschland in den 1990er Jahre in Verbindung gebracht wurde. Viele albanische Männer wurden so oft damit konfrontiert, dass einige sich garnicht als Albaner deklarierten. Namen wie Jimmy, Johny usw. waren gängig und in Restaurants wurde nur Italienisch gesprochen, obwohl der Inhaber und alle Mitarbeiter Albanisch waren.

In Berlin gibt es inzwischen über 1000 Restaurants, darunter sehr erfolgreiche und renommierte Adressen, die Albanern gehören. Sogar das beste Restaurant der Welt, das „Noma“ in Kopenhagen, gehört René Rexhepi, einem Albaner. Jüngst zeigte die ARD einen sehr langen Bericht über ihm und seinen Erfolg. Ich kann diesen Beitrag nur empfehlen.

Du hast mich aber auch gefragt, wie sich das ändern läßt. Als Kommunikationswissenschaftlerin und Imagepflegerin finde ich die mediale Herangehensweise sehr wichtig. Vielleicht liege ich mit meiner Beobachtung falsch, aber komischerweise werden die Erfolgsgeschichten, also die positiven Schlagzeilen in den Medien mit bestimmten Nationalitäten verbunden, während negative Schlagzeilen mit anderen Nationen assoziiert werden. Gewiss, es gibt Albaner, die dem negativen Image entsprechen, dennoch spielen die Medien eine große Rolle, wenn es um die Bedienung von Vorurteilen und Klischees geht. Ich denke, hier muss der Fokus der deutschen Medien eher auf eine ausbalancierte Berichterstattung gelegt werden.

Zum Glück haben sich aber die Zeiten geändert. Seit einigen Jahren tritt die albanische Diaspora mit einem anderen Bewusstsein auf. Sie zeigen gern wer sie sind und gehen anders mit ihrer Identität um. Inzwischen gibt es sehr viele Erfolgsgeschichten, die im Ausland eine Vorbild-Funktion haben. Vielleicht ist das auch den sozialen Medien zu verdanken, die nicht danach klassifizieren, welche Nation wichtiger und welche weniger wichtig ist. Auch sind deutsche Wissenschaftler und Albanologen zu loben, die wie keine anderen sich mit der albanischen Geschichte, der Politik, Sprache und Kultur beschäftigt haben. Sie haben einen außergewöhnlichen Beitrag geleistet, was die Forschung in diesem Feld angeht.

Frage: Da ist dir das Thema Religion besonders wichtig. Warum?

Religion in Albanien: Die Vertreter der vier großen Religionen in Albanien legen Wert auf gemeinsame Auftritte. Foto: www.santegidio.org

Vjollca Hajdari: Ich bin eigentlich ein Fan des Illuminismus, getreu dem Motto von Descartes „Ich denke also bin ich“. Folglich sehe ich die Ratio als Balance gegen jeder Art religiöser Instrumentalisierung. Dennoch gab es auch in der Religionsfrage einige wichtige Impulse, die mich bewegten, mehr öffentliches Licht auf die Entwicklung der Religionen und die religiöse Toleranz der Albaner zu werfen. Die Albaner – insbesondere in Albanien – sind ja jeher ein Beispiel für interreligiöse Harmonie gewesen. Von dieser unheimlich wichtigen Eigenschaft nehmen die internationalen Medien – darunter auch die deutschen Medien – kaum Notiz. Ich war erstaunt darüber, als ich vor einigen Jahren feststellte, dass so wenig über die Herkunft der Heiligen Mutter Teresas bekannt war – ganz zu schweigen von vier wichtigen Päpsten, die das albanische Volk hervorgebracht hat. Seit dem aber der politische Islam in Kosova und Albanien Fuß gefasst hat, berichten die Medien plötzlich darüber, als ob die Radikalisierung ein typisch albanisches Phänomen wäre. Damit wir uns nicht missverstehen: der politische Islam und die Rekrutierung von IS-Kämpfer in Kosova und Albanien ist ein Problem, das ich schon seit Jahren mit größter Sorge verfolge. (Auch hier beabsichtige ich nicht nur die internationale Öffentlichkeit durch meine Vorträge zu informieren sondern ebenso die albanische Jugend in der Diaspora aufzuklären). Diese Radikalisierung findet aber nur in einem sehr kleinen Teil der Bevölkerung statt. Die breite Mehrheit wehrt sich enorm gegen diese Entwicklung. Darüber wird jedoch nicht berichtet. Hier sehe ich meine Aufgabe darin, dieses doch einseitige Bild zurecht zu rücken, zu erklären, dass unter den Albanern die verschiedenen Religionen wunderbar miteinander harmonieren und dass sie ein einzigartiges Beispiel interreligiöser Toleranz auf der ganzen Welt darstellen. Ferner, dass sie sich nicht als Muslime, als Christen oder als Atheisten definieren, sondern einfach als Albaner: erst die Nation und dann die Religion. Das soll nicht als Aufruf zum Nationalismus missverstanden werden. Es gilt nur als Beispiel einer Strategie, wie äußere Faktoren, in diesem Fall religiöse Einflüsse, abgewehrt werden können. Die Albaner haben eine lange, bittere Erfahrung mit solchen äußeren Einflüssen. So schafften es die Albaner, auf wunderbarer Art und Weise drei Konfessionen innerhalb einer Familie zu vereinen. Der Vater kann Moslem, die Mutter Katholisch und das Kind meinetwegen Orthodox oder Atheist sein. Keiner stört sich daran.

Auch an der Rettung der Juden in Albanien während des Zweiten Weltkriegs sind die Albaner als Moslems und Christen gemeinsam beteiligt gewesen. Es ist sehr ärgerlich, wenn ich Artikel darüber lese, die die Rettung der Juden in Albanien anders interpretieren.

Frage: Leider mehren sich seit einigen Jahren die Zeichen, dass diese beeindruckende religiöse Toleranz gefährdet ist. In der westlichen Presse zeigen wir da gerne auf die Türkei und Saudi Arabien, die mit viel Geld in einer islamischen Infrastruktur investieren, siehe nur die neue Moschee in Tirana. Andererseits sind auch viele evangelikale Kirchen in Albanien und Kosova unterwegs und missionieren unter der von den bestehenden Strukturen und Angeboten enttäuschten Bevölkerung – manchmal mit verheerenden Konsequenzen für den so wichtigen familiären Zusammenhalt. Wo geht die Reise deiner Meinung nach hin? Wird die traditionelle religiöse Toleranz dem standhalten?

Die neue Großmoschee in Tirana, stand der Bauarbeiten November 2017. Foto: Andreas Hemming

Vjollca Hajdari: Historisch hat das Missionieren durch politische Machthaber tiefgreifende Spuren in der albanischen Geschichte, Kultur und Mentalität hinterlassen. Dies scheint sich zu wiederholen. In Südalbanien beispielsweise ist der griechische Einfluss nicht zu übersehen. Wir erleben in Albanien und Kosova insbesondere einen unkontrollierten, massiven Bau von Moscheen und religiösen Schulen. Neben der russisch-serbischen Politik, sind – seitens der Türkei – Erdogan und die Gülen-Bewegung sehr präsent. Saudi Arabien wiederum zeigt sich ebenso fleißig in dieser Richtung. Europa und die internationale Gemeinschaft schauen dieser Entwicklung leider tatenlos zu. Was in Kosova und Albanien tatsächlich gebraucht werden sind Krankenhäuser, Universitäten, Schulen und Fabriken. Die Menschen dort brauchen Arbeit, sozialen Wohlstand, ein solides Gesundheitssystem, eine bessere Perspektive durch den wirtschaftlichen Progress. Die Misere, die Armut – während sich korrupte Politiker bereichern – ist ein weiterer wichtiger Faktor, der die Menschen in die falsche Richtung treiben kann. Schau dir doch den Kosova an! Im 21. Jahrhundert: isoliert und ghettoisiert. Europa ist nach wie vor ein ersehnter Traum und hier sehe ich die Europäische Union als einen wichtigen Akteur, der viel im Bereich Politik, Wirtschaft, Umwelt, Kultur und Religion beitragen kann. Vor allem kommt es auf die EU und auf die internationale Gemeinschaft an, der Korruption und der organisierten Kriminalität den Kampf anzusagen.

Wie dem auch sei, die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Ich hoffe sehr, dass mein Volk weiterhin die Stärke besitzt, ein gesundes Verhältnis zur Religion beizubehalten und sich nicht von irgendeinem Dogma oder einer religiösen Strömung beeinflussen zu lassen. Dass sie dies können, haben sie seit Jahrhunderten bewiesen.

Frage: Und nicht zuletzt: Wo geht die Reise hin? Kannst du schon etwas über etwaige für 2018 geplante Projekte oder Vortragsreihen verraten?

Vjollca Hajdari: Ich werde mich weiterhin mit (außen)politischen und soziokulturellen Themen, sowie mit dem grenzübergreifenden Ressourcen-Netzwerk beschäftigen. Die weltweite #metoo Kampagne ist für mich Impuls gewesen, mich mit Frauenrechten und die Situation albanischer Frauen in Albanien und Kosova zu beschäftigen. Interessant finde ich die Frage, wie präsent Sexismus im Alltag und im öffentlichen Leben ist, zugleich wie Frauen als Sexobjekte in den Medien instrumentalisiert werden. Empowerment, Bewusstseinsstärkung und Sensibilisierung werden meine Schwerpunkte in diesem Gebiet sein. Ein anderes Thema, das mir schon seit langem am Herzen liegt, ist der Brain-Drain beziehungsweise die Auswanderung des intellektuellen Potenzials ins Ausland. Das ist ja nur ein Teil der Arbeitsmigration, worauf ich ebenso blicken werde, halte ich aber für besonders wichtig. Doch zuerst werden wir gemeinsam die feierliche Übergabe der Ehrenurkunde zelebrieren.

 

 

 

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