Der Zerfall Jugoslawiens – ein untauglicher Erklärungsversuch

9. April 2018 | Von | Kategorie: Berichte

Damals war alles besser. Die Jugo-Nostalgie greift um sich. Foto: www.kosmo.at

Der Zerfall Jugoslawiens führte zu den verlustreichsten Kriegen der letzten Jahrhunderthälfte in Europa. Nichtsdestotrotz sehnen sich Menschen danach zurück, in einigen Nachfolgestaaten mehr als in anderen: Nach einer IPSOS-Umfrage aus dem Jahr 2011 bedauern 70, 9 % der Befragten in Serbien, 68, 2 % in Bosnien-Herzegowina, 63,1 % in Montenegro und 45, 3 % in Mazedonien, dass der jugoslawische Staat nicht mehr existiert. Dem stehen 18 % der befragten Kroaten und nur 5 % der Bürger Kosovos gegenüber, die das Ende Jugoslawiens bedauern. Die neu entstandene Sehnsucht nach einem Land, an dessen Ende Zerstörung und Blutvergiessen stand, macht ein Verständnis der Ursachen für den Staatszerfall notwendig. War der Zerfall Jugoslawiens unvermeidlich? Warum führte er zu mehreren lang andauernden Kriegen? Warum verlief er nicht friedlich oder nur mit regionalen Grenzkonflikten wie vergleichbare Ereignisse anderswo?

Oft werden ökonomischer Zerfall oder der Druck auswärtiger Mächte als Gründe genannt. Die Autorin der 1995 erschienenen Studie „Balkan Tragedy. Chaos and Dissolution after the Cold War“ Susan Woodward, macht eine Kombination beider Faktoren für Zerfall und Krieg verantwortlich. Woodward ist heute Politikwissenschaftlerin an der City University of New York. Nach einem Studienbeginn in Minnesota promovierte sie an der Princeton University und war im Rahmen des Bosnienkrieges mehrmals mit internationalen Organisationen vor Ort: 1994 arbeitete sie für Yasushi Akashi im Rahmen von UNPROFOR und 1998 für die Bosnien-Mission der OSZE. Ihre beiden bedeutendsten Werke sind: „Socialist Unemployment“ (1995) über die Wirtschaftspolitik des sozialistischen Jugoslawiens und eben „Balkan Tragedy“, erschien bei der Brookings Institution. Diese stellt in ihrem Vorwort klar, dass die Ansichten dieser Studie die alleinige Meinung der Autorin sind und nicht ihren Mitarbeitern zugeschrieben werden sollen.

Um es vorwegzunehmen: den Beweis für ihre Behauptungen kann Woodward nicht erbringen. Sie versucht, die Gründe für den Zerfall Jugoslawiens aufzuspüren. Der wichtigste Grund ist ihrer Meinung nach der Zerfall der gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung Jugoslawiens, der sich über einen längeren Zeitraum erstreckte. Dieser sei das Ergebnis der Transformation einer sozialistischen in eine Marktökonomie gewesen, der mit Austeritätsprogrammen zum Schuldenabbau in den 1980er Jahren begann, die zu einem längerfristigen ökonomischen Verfall führten. Die Kriege seien nicht auf die Rückkehr der vorsozialistischen Konflikte oder jahrhundertealte Feindschaften zurückzuführen und auch nicht auf die Machenschaften Slobodan Milosevics und der ihn unterstützenden Kräfte. Vielmehr hätten falsche Reaktionen der internationalen Gemeinschaft nach dem Ende des Kalten Kriegs zur kriegerischen Eskalation geführt (S. 15f.).

Sie beschreibt zunächst die Grundlagen der jugoslawischen Stabilität vor dem Tod Titos. Diese lagen im spezifisch jugoslawischen Mix aus Plan- und Marktwirtschaft sowie in der internationalen Rolle Jugoslawiens als blockfreie Nation mit Wirtschaftsbeziehungen zu beiden europäischen Blöcken sowie zu den sich entwickelnden Staaten der „Dritten Welt“ begründet. Die Dezentralisierung der staatlichen und wirtschaftlichen Macht brachte ein unterschiedliche Orientierung der Ökonomien der Landesteile mit sich: Slowenien und Kroatien waren überwiegend auf das westeuropäische Ausland ausgerichtet, Serbien auf Osteuropa, insbesondere die Donauanliegerstaaten, Bosnien und Mazedonien pflegten Wirtschaftsbeziehungen zum Orient. Hinzu kam eine Dezentralisierung des Militärs durch die Schaffung der Milizeinheiten der „Territorialverteidigung“, die auf lokaler Ebene organisiert war, neben der regulären Jugoslawische Volksarmee. Jeder männliche Erwachsene musste mindestens einmal im Jahr an Übungen der Territorialverteidigung teilnehmen, hinzu kamen zwei Jahre obligatorischer Wehrdienst in der Armee. Jugoslawien war eine hochmilitarisierte Gesellschaft. Bei der Formierung der staatstragenden Nationen konkurrierten das territoriale und das ethnische Nationskonzept, Angehörige der „staatstragenden“ Nationen konnten ausserhalb ihres „Mutterlands“ leben. Hinzu kam die Unterscheidung von „Nationen“, die eine Republik bilden konnten, und „Nationalitäten“, letztere verfügten über einen Nationalstaat ausserhalb Jugoslawiens. Diese Unterscheidung war der Grund, den Kosovo-Albanern eine eigene Republik vorzuenthalten. Die Zugehörigkeit zu Nationalitäten und Nationen wurde bei der Ämtervergabe auf Bundesebene in Form eines Nationalitätenschlüssels (kljuc) berücksichtigt. Das System der betrieblichen Selbstverwaltung begünstigte die Entstehung ethnischer Netzwerke und konnte Entlassungen und Arbeitslosigkeit nicht immer verhindern. Arbeitsmigration nach Westeuropa konnte über lange Zeit Abhilfe schaffen, dies endete aber mit Beginn der 1980er Jahre.

Woodward führt weiter aus, wie gestiegene Ölpreise und dramatisch gestiegene Zinsen mit Beginn der 1980er zu zusätzlichem Bedarf an Krediten führten, die der IWF an drastische ökonomische Reformen knüpfte. Über die Durchführung dieser Reformen spalteten sich Jugoslawiens Ökonomen in „Föderalisten“ und „Antiföderalisten“ oder „Konföderalisten“: erstere setzten auf eine Rezentralisierung der Ökonomie, wobei sie vom IWF unterstützt wurden, letztere wollten die Rechte der Einzelstaaten weiter stärken. Hinzu kam eine strategische Neuorientierung der jugoslawischen Armee, die der Verteidigungsminister, Admiral Branko Mamula, in einem 1985 in Belgrad erschienen Buch definierte. Er erklärte die NATO aufgrund mehrerer Manöver im Mittelmeerraum zum neuen Hauptgegner und plädierte in Anbetracht eines globalen Anwachsens des „Faschismus“ für eine Stärkung der Rolle des BKJ (KP Jugoslawiens) als wichtigster gesamtjugoslawischer Institution (S. 67, 72, 435). Dass dieser Angriff der Armee auf Jugoslawiens föderale Strukturen der in Slowenien seit 1987 geäusserten Armeekritik vorausging, lässt Woodward weg: eine von vielen Fehlern und Unvollständigkeiten in ihrer Darstellung.

Im Folgenden setzt Woodward den Aufstieg Milosevics und die Ausschaltung seiner innerparteilichen Gegner mittels seiner Kampagne gegen die Kosovo-Albaner mit der slowenischen Kritik an der Armee gleich: Beide hätten die Bundesinstitutionen geschwächt. Milosevics griff auf die serbisch-nationalistische Rhetorik der Zwischenkriegszeit zurück und spitzte seine Angriffe auf Tito zu, liess aber Jugoslawien und das realsozialistische System unangetastet. Dies ermöglichte es ihm, eine breite Koalition aus jüngeren Parteikadern und Armeeoffizieren, konservativen Nationalisten und antititoistischen Kommunisten, der Polizei und der serbischen Bürokratie zu schmieden, die von serbischen Intellektuellen und Medienschaffenden unterstützt wurde und Unzufriedene aus allen anderen sozialen Schichten um sich sammeln konnte. So konnte er zunächst die Säuberung des BKS (Bund der Kommunisten Serbiens) von Titoisten durchführen, die er „Antibürokratische Revolution“ nannte. Erstaunlich ist, dass Woodward dies mit den slowenischen Bemühungen um wirtschaftliche Autonomie und kulturelle Liberalität gleichsetzt, wobei ihr der wichtige Unterschied, dass Serben aufgrund der Unklarheit des jugoslawischen Nationskonzepts – ethnisch oder territorial – überall vertreten waren, Slowenen aber nicht, entgeht (S. 93). Sie setzt das Umbauprogramm slowenischer Intellektueller, 1987 in der Zeitschrift „Nova Revija“ veröffentlicht und von Unabhängigkeitsforderungen zu diesem Zeitpunkt weit entfernt, mit dem berüchtigten „Memorandum“ der „Serbischen Akademie der Wissenschaften“ von 1986 gleich, das neben einem unverhohlenen antialbanischen Rassismus eine Unterwerfung der anderen jugoslawischen Republiken unter den serbischen Staats- und Parteiapparat forderte (S. 94).

Die Absetzung der Parteiführungen in Vojvodina und Kosovo erwähnt Woodward nur am Rand, die Tragweite der Absetzung der montenegrinischen Parteiführung, mit der Milosevic zum ersten Mal die Grenzen seines Teilstaats überschritt, entgeht ihr völlig. Die Ausstände von Stahlwerkern in Niksic, die die „Antibürokratische Revolution“ in Montenegro einleiteten, erklärt sie gar zu „spontanen Demonstrationen“ und übernimmt damit die Propaganda Milosevics (S. 97). Spätestens diese klare Verletzung der Grenzen der Teilrepubliken und ihrer Parteiorganisationen musste bei den übrigen jugoslawischen Völkern Ängste vor einer serbischen Alleinherrschaft auslösen. Sie veränderte auch die Mehrheitsverhältnisse im Staatspräsidium, so dass Milosevic dieses lahmlegen konnte. Das erwähnt Woodward nicht. Die Reaktion der slowenischen Parteiführung, sich mit den Kosovo-Albanern zu solidarisieren, die eine Wiedereinsetzung ihrer im Rahmen der Säuberung von Milosevic entlassenen Parteiführung forderten, definiert sie in eine slowenische Aggression gegen Serbien um, bei der territoriale Forderungen, die weder Albaner noch Slowenen zu diesem Zeitpunkt stellten, mit Bürgerrechten vermischt worden seien (S. 99f.).

Im Rahmen dieser Logik folgerichtig wertet Woodward auch den Durchmarsch Milosevics auf dem letzten Bundesparteitag des BKJ, das rücksichtslose Niederstimmen der Reformvorschläge Sloweniens durch die ihm ergebenen Delegierten, als Niederlage der Slowenen bei ihrem Versuch, die jugoslawische Staatseinheit in eine lose Konföderation umzuwandeln (S. 115). Bei den Wahlen von 1990 kritisiert sie das Vorpreschen Sloweniens und Kroatiens, das nach dem von Milosevics Delegierten herbeigeführten Ende der Einheitspartei BKJ aber unumgänglich war (S. 125). Sie sieht in diesen Wahlen den entscheidenden Wendepunkt zur Zerstörung des jugoslawischen Einheitsstaats (S. 118). Die ersten Schüsse von Krajina-Serben auf kroatische Polizisten wurden im August 1990, lange vor der kroatischen Unabhängigkeitserklärung mit der problematischen Einstufung der Serben als „Minderheit“, abgegeben. Schuld daran gibt sie der neu gewählten Tudjman-Regierung, weil diese das Staatswappen der kroatischen Faschisten, das Schachbrett, wieder eingeführt habe (S.120). Hier wiederholt sie eine gängige serbische Propagandalüge: Das Schachbrett mit einem roten Feld oben links war auch das Wappen der Sozialistischen Republik Kroatien, bei den Faschisten war das Feld oben links weiss. Die Wirtschaftsreformen Markovics führten derweil zwar zu einer Stabilisierung der Währung, aber auch zu einer dramatischen Zunahme der Arbeitslosigkeit (S.129). Für den Widerstand der Armee gegen Vorschläge der Umwandlung in eine Konföderation äussert Woodward Verständnis, deren RAM-Plan von 1990 sah eine „Verteidigung der jugoslawischen Grenzen“ gegen eine Invasion aus dem Westen und damit die militärische Besetzung des ganzen Landes vor (S. 136). In einem Erlass vom 9. Januar 1991 wurde die unverzügliche Entwaffnung aller „paramilitärischen Einheiten“ verlangt, gemeint waren die Territorialverteidigungen Sloweniens und Kroatiens. Die waren aber keine „paramilitärischen Einheiten“, sondern im Rahmen des 1968 beschlossenen Verteidigungskonzepts legal aufgestellt. Die beiden Teilrepubliken verweigerten das (S. 139).

Im März 1991 schliesslich wurde die Armee auf Befehl des jugoslawischen Staatspräsidenten Jovic, eines engen Verbündeten Milosevics, gegen Demonstranten in Belgrad eingesetzt, was in Jugoslawien weitgehend als „legaler Staatsstreich“ gewertet wurde (S. 141). Im Mai 1991 folgte die Weigerung des „serbischen Blocks“ im Staatspräsidium den Kroaten Stipe Mesic zum neuen Vorsitzenden zu wählen (S. 157). Damit war Jugoslawiens höchstes Staatsorgan nicht mehr funktionsfähig. Die Unabhängigkeitserklärung Sloweniens und Kroatiens wurde mit dem Einsatz der Armee beantwortet, der aufgrund des Fehlens eines Oberbefehlshabers rechtswidrig war, was Woodward als „constitutional nicety,“ also eine „verfassungstechische Feinheit“ bezeichnet (S. 162). Sie unterstellt Slowenen und Kroaten, den Militäreinsatz provoziert zu haben, um westliche Unterstützung zu erlangen (S.165). Nach dem Brioni-Abkommen vom 7. Juli 1991 verlagerte die Armee ihre Einheiten nach Kroatien, wo die Kämpfe daraufhin eskalierten.

Der Weltsicherheitsrat erliess am 25. September 1991 seine erste Resolution zum Konflikt, Nr. 713, in der ein Embargo gegen alle Kriegsparteien verhängt wurde (S.180). Nach dem Scheitern von 14 Waffenstillständen, die der EU-Unterhändler Lord Carrington aushandelte, habe die Armee am 28. November 1991 mit dem Rückzug aus Kroatien begonnen, behauptet Woodward (S. 183) und unterschlägt die Fortsetzung der Belagerung Dubrovniks. Deutschland setzte im Dezember 1991 schliesslich die Anerkennung Kroatiens durch die EU durch, Woodward wertet dies als „Legitimierung des Aufbrechens multinationaler Staaten durch das Selbstbestimmungsrecht“ (S. 189) und ignoriert dabei sowohl die jugoslawische Verfassung, die eine Sezession der Teilrepubliken ausdrücklich erlaubte, als auch die durch die Nichtwahl eines neuen Präsidenten und den verfassungswidrigen Einsatz der Armee ohne legitimen Befehlshaber ausgelöste politische Krise. Auch hält sie die Anwendung des Selbstbestimmungsrechts durch die EU für willkürlich, obwohl sich gerade die EU an die gegebenen Grenzen der jugoslawischen Teilrepubliken hielt, die Milosevic und die anderen serbischen Politiker in Frage stellten.

Woodward erörtert darauf die Probleme bei der Anwendung des Selbstbestimmungsrechts. Was ist eine Nation (S. 210)? Wodurch werden Rechte auf Territorium begründet (S. 212)? Durch welche internationalen Normen wird begründet, wer das Recht auf nationale Selbstbestimmung hat (S. 218)? In Bosnien mussten alle drei Fragen beantwortet werden, um den Konflikt zu lösen. Die Verschlechterung der interethnischen Beziehungen, die dem Krieg in Kroatien und Bosnien vorausging, lastet sie zwar der serbischen Propaganda an und erwähnt hier besonders den Kosovo (S. 229), behauptet aber ein „propagandistisches Gleichgewicht“ zwischen Serben und den anderen Nationalitäten, von dem im Kosovo nicht die Rede sein konnte: die albanischen Medien wurden nach der Aufhebung der Autonomie mundtot gemacht. Auch wiederholt Woodward die von serbischen Intellektuellen ständig vorgebrachte Anschuldigung, die Massenmorde der kroatischen Faschisten im Krieg seien verschwiegen worden (zB S. 229, 239 und 240). Es gab aber in fast jedem jugoslawischen Dorf eine Gedenkstätte mit den Namen der Kriegstoten, wie der britische Journalist Misha Glenny schreibt, nur waren diese nicht nach Nationalität aufgeführt, sondern galten als Opfer im Kampf gegen den Faschismus der Okkupatoren.

Nicht zuletzt verweist Woodward auf die in Teilen des Balkans immer noch existierende Blutrache, wobei sie den serbokroatischen Ausdruck krvna osveta benutzt, und die Wiederbelebung der Erinnerung durch nationalistische Intellektuelle und die Geistlichkeit, die zur Grausamkeit des Krieges in Bosnien geführt hätten (S. 239ff.). Die Vermischung von Traditionen der Selbstjustiz mit organisierter und intellektuell gesteuerter Hetze ist schon problematisch genug. Völlig verfehlt ist es, wenn Woodward im selben Atemzug den propagandistisch ausgeschlachteten Wegzug von Serben und Montenegrinern aus Kosovo zu Friedenszeiten in den 1980er Jahren zur unmittelbaren Vorbereitung der Vertreibung von Muslimen durch Serben in Bosnien seit 1992 erklärt. Sie kritisiert die Entscheidung der UNO, in der Resolution 777 dem aus Serbien und Montenegro bestehenden „Restjugoslawien“ die Rechtsnachfolge der SFRJ zu bestreiten (S. 251). Der Krieg in Bosnien wurde durch die Lage zahlreicher Waffenfabriken in dieser Republik erheblich erleichtert (S. 259). Dies erschwerte auch die Versuche der internationalen Gemeinschaft, ihn zu beenden. Erstaunlich ist auch Woodwards Meinung, der Kriegsschauplatz sei für Journalisten leichter erreichbar gewesen als viele andere Kriege, die zu ihrer Erwähnung von 22 getöteten Journalisten allein in den ersten neun Kriegsmonaten kontrastiert. Manipulation der Medien als wichtige Kriegswaffe lastet sie aber ausschliesslich der bosnischen Regierung an (S. 324), ohne dies zu belegen. Für ihre Behauptung der zahlreichen Präsenz von radikalislamischen „Mudschahedin“ in Bosnien, ein häufig wiederholter Topos der serbischen Kriegspropaganda, führt sie als Beleg nur „vertrauliche Mitteilungen an die Autorin“ an (S. 357, 510). Das ist nicht glaubhaft.

In den letzten beiden Kapiteln von „Balkan Tragedy“ behandelt Woodward die Ursachen der Kriege. Sie stellt die Dynamik wechselseitiger Gebietsforderungen in einer ethnischen Mischzone dar, wobei sie auch Albanien, Kosovo und Mazedonien einbezieht und deutlich macht, dass die Unterscheidung zwischen „natürlichen monoethnischen und „künstlichen multiethnischen Staaten wie Jugoslawien keine Bestand haben kann. Dabei greift sie über die Balkanregion hinaus, sie behauptet eine Tendenz von reicheren, näher zum Westen gelegenen Teilstaaten und -republiken zur Abspaltung (S. 349), was in Anbetracht der Sezession der Slowakei von Tschechien, der Dnjestr-Republik von Moldau oder Karabachs von Aserbaidschan nicht haltbar ist. Die von ihr ebenfalls angeführte Sezession der baltischen Republiken hatte völlig andere Gründe. Unlogisch ist es, dass sie einerseits die These vom „Wiederaufleben jahrhundertealten Hasses“ als Ursache der Kriege zurückweist, die Grausamkeiten der Serben in Kroatien und Bosnien aber als Rache für den Zweiten Weltkrieg deutet (S. 241). Wenn man – zu Recht – Geschichte als Begründung für Kriegsverbrechen zurückweist, darf man beim Zweiten Weltkrieg keine Ausnahme machen. Ihre Erklärung der Kriegsverbrechen mit der Verwurzelung vieler Täter in der patriarchalischen Kultur mediterraner Dörfer (S. 237f.), die sie mit der städtischen Kultur kontrastiert, mag den gesamtbalkanischen Vorurteilen von Städtern gegenüber Bauern und „Bergbewohnern“ Ausdruck verleihen, vielleicht hat sie diese Erklärung von ihren sich für „urban“ haltenden städtischen Gesprächspartnern übernommen. Überzeugen kann sie nicht: die Organisatoren der nationalistischen Medienkampagnen, die Planer der ethnischen Säuberungen sowie die Kommandanten der Armee, die hier wissentlich Schützenhilfe leisteten, waren in den meisten Fällen Hochschulabsolventen, oft mit städtischen Hintergrund.

Den Beweis für ihre zentrale These, die jugoslawischen Kriege seien auf ökonomischen Druck, daraus resultierenden Staatszerfall und falsche Reaktionen der Staatengemeinschaft zurückzuführen, die sie im letzten Kapitel noch einmal ausführt (S. 378, 382), bleibt Woodward schuldig. Die Massnahmen des IWF unterstützten ja gerade die Unterwerfung der Republiken unter die serbische Zentrale. Aber warum führten Milosevic und die Armee dann Krieg? Die Transition vom Realsozialismus in den Kapitalismus brachte überall schwere soziale Verwerfungen mit sich. Trotzdem verlief die Aufteilung der Tschechoslowakei friedlich. In den Nachfolgestaaten der UdSSR gab und gibt es zwar Grenzkonflikte, diese blieben aber regional begrenzt und zogen nie das gesamte ehemalige Staatsgebiet in Mitleidenschaft. Dass der Staatszerfall in Jugoslawien so opferreich und dramatisch verlief, ist ohne die gezielt auf Krieg zusteuernde Politik der serbischen Nationalkommunisten und der jugoslawischen Armee, zu der sich diese auch offen bekannten, nicht zu erklären. Die offene Kriegsdrohung, die Milosevic auf der 600-Jahre-Feier der „Schlacht auf dem Amselfeld“ gegen die anderen jugoslawischen Republiken aussprach, wird aber von Woodward nicht einmal erwähnt – sie schreibt nur, dass der amerikanische Botschafter Warren Zimmermann 1989 nicht an dieser Veranstaltung teilnahm und Milosevic damit verärgert habe (S 151). Schliesslich kam es auch in Albanien 1997 zu einem partiellen Staatszerfall, es fehlten aber die Politiker und Militärs, die ihn zum Krieg eskalieren liessen. Das taten nur die Protagonisten der serbischen Kriegspolitik in Belgrad. Die erscheinen in Woodwards Darstellung trotz im einzelnen durchaus vorhandener Kritik aber als Opfer und nicht, wie angemessen, als Verursacher und Täter.

Endgültig widerlegt werden Woodwards Thesen durch den Kosovo-Krieg. Hier gipfelte die von Belgrad ausgehende nationalistische Gewaltpolitik im Versuch, eine ganze Volksgruppe zu vertreiben. Die Täter konnten erst mit der Intervention der NATO gestoppt werden. Das Schüren von Hass gegen die Albaner, angereichert mit gängigen rassistischen Klischees wie „Kinderreichtum“, „Vergewaltigungen“ etc. spielte bei der „Antibürokratischen Revolution“ eine Schlüsselrolle. Dies stellen serbische Intellektuelle sehr deutlich in einem Sammelband: „Serbiens Weg in den Krieg: kollektive Erinnerung, nationale Formierung und ideologische Aufrüstung“ (1998) dar, der auch auf Serbisch erschienen ist. Woodward kritisiert zwar die serbische Kosovo-Politik, ihre Tragweite, auch als Drohung der Armee und des BKS mit unumschränkter Machtausübung gegen die anderen jugoslawischen Republiken, entgeht ihr aber völlig.

Englischsprachige wissenschaftliche Literatur zeichnet sich meist durch eine klare und schnörkellose Sprache aus. Auch diesen Anspruch erfüllt Woodward leider nicht. Ihre Sprache ist oft unklar, wiederholungsreich und unpräzise, was auch viele Rezensenten bemängeln. Vielleicht ist die Unklarheit der Sprache der Unklarheit der zugrundeliegenden Gedanken geschuldet? Zum Verständnis der Jugoslawienkriege und ihrer Ursachen trägt das Buch letztendlich nichts bei. Ehr zu empfehlen ist „Bruderkrieg. Der Kampf um Titos Erbe„. Woodwards Buch gilt dennoch als Standardwerk über die Jugoslawienkriege und wird häufig zitiert, zustimmend von Verteidigern Milosevics und Anhängern der These einer „Zerschlagung“ Jugoslawiens von aussen. Mit der sich erneute verbreitende „Jugo-Nostalgie“ ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass dieses Land von innen heraus – vom Bund der Kommunisten Serbiens bzw. der Sozialistischen Partei unter Milosevics Führung und der jugoslawischen Armee – zerstört wurde.

 

 

 

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