Max Schimke war als Wehrmachtssoldat auch in Albanien

15. Februar 2018 | Von | Kategorie: Bücher

Max Schimke: Freund unter Feinden. Wie ich als junger Soldat den Zweiten Weltkrieg überlebte. 108 S. m.Abb. Hardcover. Brunnen-Verlag. Gießen 2017. 10,00 Euro. ISBN 978-3-7655-0984-1

Von September 1943 bis November 1944 war Albanien von der deutschen Wehrmacht besetzt. Über diese Zeit, und den Widerstand gegen diese Okkupation, gibt es albanischerseits etliche historische und literarische Zeugnisse. Von deutscher Seite dagegen eher wenige. Der Gießener Brunnen-Verlag hat im Jahre 2017 die sehr persönlichen Erinnerungen von Max Schimke (1918-2001) publiziert, der während des gesamtes Zweiten Weltkrieges in der deutschen Wehrmacht gedient hatte, darunter etwas mehr als ein Jahr auch in Albanien.

Schimke war nach eigenem Bekunden ein eher unpolitischer Mensch, der den Krieg vom ersten bis zum letzten Tage miterlebte. Nicht als Offizier, sondern als Mannschaftsdienstgrad, zuletzt als Obergefreiter. Seine Sicht auf den Krieg erfolgte also nicht von höherer Warte aus. Daß er den Krieg unbeschadet überleben konnte, dafür machte er „Gott“ verantwortlich und wandelte sich nach 1945 zu einem frömmelnden, evangelikalen Christen. Kein Wunder also, daß der Brunnen-Verlag die von Schimkes Sohn Werner herausgegebenen Erinnerungen der Jahre 1938 bis 1946 seine „Erweckung zum Glauben“ auf den Markt brachte. Ist doch dieser Verlag christlich-evangelikal ausgerichtet und neben den sogenannten Bibelgesellschaften einer der größten Bibelvertreiber im deutschsprachigen Raum.

Darauf soll hier aber nicht weiter eingegangen werden. Auch nicht auf Schimkes Berichte als Front- und Besatzungssoldat in Frankreich, Polen, der Sowjetunion (von ihm stets nur Rußland genannt) und Jugoslawien. Was Schimke zu berichten weiß und was seine Erinnerungen prägte, das steht wohl stellvertretend für die meisten der deutschen Soldaten, egal welcher Teilstreitkraft und Waffengattung.

Bei aller bekundeten Friedensliebe stellt er aber den Krieg selbst nicht in Frage, spielen für ihn Ursachen, Hintergründe, Kriegsziele und -gewinnler keine Rolle. Er sieht sich auch nicht als Besatzer in Feindesland, sondern – so auch der Titel des Buches – als „Freund unter Feinden“. Vielmehr hätten die deutschen Soldaten sich ja mit den Menschen der überfallenen und ausgebeuteten Länder gut verstanden und sich mit diesen angefreundet, ja sogar deren Not gelindert und mit ihnen gefeiert. Ausplünderungen und Massaker kommen bei ihm nicht vor, abgesehen von Momenten im Warschauer Ghetto.

Er rühmt stattdessen die Kameradschaft in der Wehrmacht und daß er, der aus einfachsten sozialen Verhältnissen kam, sich so gut mit den vorgesetzten Offizieren verstanden habe. So auch mit einem Kompaniechef, einen Grafen und dreifachen Schloßbesitzer…

Max Schimkes Erinnerungen werden durch zahlreiche Fotos illustriert, nicht nur von den Kriegsschauplätzen, sondern auch aus dem familiären Umfeld. Lediglich vom Albanien-Einsatz gibt es kein einziges Foto.

Was schreibt Schimke und wie über Albanien in drei knappen Kapiteln? Nicht anders, als über seinen Kriegsdienst in anderen Gebieten auch. Hieraus soll relativ ausführlich zitiert werden, ergänzt durch kritische Anmerkungen des Rezensenten.

Der hier interessierende Buchteil beginnt mit dem Kapitel „Partisanen in Albanien“, S. 74-78, darin heißt es:

„…denn die italienischen Truppen, die in Albanien stationiert waren, sollten abgezogen und durch unsere 297. Infanteriedivision ersetzt werden.“

Was hier so harmlos klingt und die tatsächlichen Geschehnisse verharmlosend ausklammert, ja diese negiert, das lautet in der nüchternen Geschichtsschreibung so: Nachdem das faschistische Italien am 8. September 1943 gegenüber den West-Alliierten kapituliert hatte und damit als Verbündeter Deutschlands ausschied, besetzten Einheiten der deutschen Wehrmacht Albanien und entwaffneten und internierten die dortigen italienischen Besatzungtruppen.

„Unser Divisionsstab lag in Tirana und die Division wurde auf ganz Albanien verteilt. Meine Kompanie lag in einem Barackenlager bei Schijak [Shijak; SRK], etwa fünfzehn Kilometer von der Hafenstadt Durazzo [Durrës; SRK] entfernt.

(…)

Außerdem mussten wir mit unseren Panzern von Zeit zu Zeit durchs Gelände und durch Ortschaften fahren, um immer wieder unsere Kampfstärke zu demonstrieren. Die Partisanen sollten somit eingeschüchtert werden, da die Aktivitäten der Partisanen hier in Albanien noch größer waren als in Jugoslawien. Gerade von den landschaftlich sehr schönen Gebirgszügen aus operierten die Partisanen am meisten.“

Soso, man demonstrierte Kampfstärke durchs Herumfahren. Wie das aber wirklich aussah, das soll an nur einem einzigen Beispiel verdeutlicht werden: Um die Bevölkerung vor der Unterstützung der Partisanen abzuschrecken, führte die Wehrmacht eine so genannte „Sühnequote“ ein: Für jeden getöteten Deutschen sollten 100 Albaner getötet werden. In Anwendung dieser Regel wurde u.a. das Dorf Borova in Südalbanien zerstört. Während des dortigen Massakers wurden über 100 Bewohner ermordet. Die harten Repressionsmaßnahmen beförderten den Widerstand und brachten vor allem den kommunistisch orientierten Partisanen noch mehr Zulauf.

Erst recht dieses kommt bei Schimke nicht vor: Daß während der deutschen Okkupationszeit Albanien – wie die anderen besetzten Länder – Rohstoffe für die deutsche Kriegswirtschaft zu liefern hatte: Chromerz, Magnesit und Lignit, vor allem aber Erdöl. Natürlich ohne dies auch zu bezahlen…

Stattdessen ärgert sich Schimke über die Angriffe hinterhältiger Partisanen:

„Eines Abends wurde unsere Kompanie von einer Infanterieeinheit, etwa zwanzig Kilometer von uns entfernt, zur Verstärkung gerufen. Es wurde beobachtet, dass viele Partisanen von den Bergen kamen und eine Ortschaft, wo ein Teil der Infanteriekompanie lag und sich auch ein Munitions- und Lebensmitteldepot befand, überfallen werden sollte. So rückten wir mit einem Teil unserer Panzer bis kurz vor die Ortschaft an. Die Infanterie hatte ihre Stellung auf dem Friedhof bezogen. In der Morgendämmerung griffen dann die Partisanen an. Es kam zu heftigen Kämpfen, doch gelang es uns, sie alle zu überwältigen und gefangen zu nehmen. Es können etwa fünfzig Partisanen gewesen sein und noch etliche Bewohner, die mit den Partisanen sympathisierten. So habe ich mehrere ähnlich gefährliche Einsätze erlebt, doch im Großen und Ganzen hat es mir in Albanien ganz gut gefallen.“

Im Großen und Ganzen hat es mir in Albanien ganz gut gefallen – was immer das auch heißen mag. Naja, man war ja hier als Herren-Mensch und konnte sich an der Adria sonnen, was für deutsche Arme-Leute-Kinder ansonsten nicht möglich gewesen war… Wichtiger als alles andere ist für ihn immer wieder dieses – er fragt nicht ein einziges Mal, wie sich beispielsweise die Menschen christlichen Glaubens in den überfallenen und ausgeplünderten Ländern gefühlt haben mögen:

„Hier durfte ich auch meine fünfte Kriegsweihnacht [1943?; SRK] verbringen. Dieses Mal versprach es eine schöne Kriegsweihnacht zu werden. Wir waren hier in unserem Lager recht komfortabel untergebracht und es herrschte eine ausgezeichnete Kameradschaft. Außerdem hatten wir einen prima Kompaniechef. Wenn er auch ein Graf mit drei Schlössern war, so konnte doch jeder mit seinen Problemen stets zu ihm kommen. Ich verstand mich besonders gut mit ihm, denn er war auch ein guter Tischtennisspieler.

(…)

Außerdem wurde der Druck der Partisanen und der Widerstand bei der Bevölkerung immer größer.“

Warum letzteres so war, das hinterfragt er nicht.

Nach einem Heimaturlaub wegen Eheschließung kehrt er nach Albanien zurück. Davon handeln die beiden Kapitel „Mit Malaria in Tirana“ und „Rückzug aus Albanien“ (S. 85-88):

„Zuerst wurde ich für ein paar Wochen mit mehreren Kameraden zum Streifendienst in die Hafenstadt Durazzo an der Adria abkommandiert. Hier mussten wir im ständigen Wechsel zu dritt Streifendienst in der Stadt und am Hafen verrichten. Ich war mit meinem besten Kameraden, auch einem Berliner, zusammen und verbrachte dort eine recht schöne Zeit. Die Bevölkerung war wohl zurückhaltend, jedoch ohne jeglichen äußeren Hass gegenüber uns als deren Besatzer. Wir haben ihnen auch keinen Anlass dazu gegeben und ihnen so oft wie möglich geholfen.“

Schimke führt weiter aus: „Es war gerade Sommerzeit, und wir hatten fast täglich Gelegenheit hier an der schönen Adria im Meer zu baden. So fühlte wir uns in dieser Hafenstadt Durazzo schon bald heimisch. Doch leider war es fast immer so, dass, wenn es uns irgendwo gut gefiel, es eine Änderung gab. Zunächst musste unsere Kompanie ihren Standort nach Süden von Schijak nach Lushnja verlegen, um näher an den Brennpunkten zu sein.

Gerade im südlichen Albanien kam es zu verstärkten Angriffen der Partisanen, teilweise auch gegen die eigene Bevölkerung, unter der sie Sympathisanten zu deutschen Truppen vermuteten.

(…)

In diesem neuen Lager in Lushnja sollten wir auch bis zu unserem Rückzug aus Albanien bleiben.
 Doch zunächst wurde ich zusammen mit noch drei weiteren Kameraden unserer Kompanie für zwei Wochen nach Elbasan zu einem Giftgasunteroffzierslehrgang geschickt. Elbasan war eine Stadt etwa 50 Kilometer südlich von Tirana gelegen, und wir sollten dort für den Fall eines Giftgaskrieges eine Kurzausbildung erhalten…

(…)

Es war nun inzwischen schon Spätjahr [1944; SRK] geworden, und das Wetter war immer noch schön und zum Teil auch noch recht warm. Da bekamen wir eines Tages den Befehl, mit unseren Panzern die Ortschaft Kruja, die von den Partisanen völlig besetzt worden war, zu stürmen und von den Partisanen zu befreien. Mit der Unterstützung einer Infanteriekompanie gelang es uns dann auch nach schweren Straßenkämpfen, die Partisanen in die Berge zurückzutreiben oder gefangen zu nehmen.

(…)

Ab dem 1. Dezember wurde bei der gesamten Division eine totale Urlaubssperre verhängt. Es war jetzt der Zeitpunkt gekommen, wo der Befehl zum Rückzug aller unserer Truppen aus Albanien gegeben wurde.

(…)

Unsere Kompanie mit den zwölf Panzern war die letzte, die Albaniens Ortschaften und Stützpunkte verließ, denn wir mussten allen Rückendeckung geben. Auf einmal war die ganze Bevölkerung gegen uns und fast aus allen Häusern wurde auf uns geschossen. Man konnte es kaum glauben, woher plötzlich die ganzen Waffen kamen. Mehrmals flogen auch Handgranaten, doch wir konnten uns mit unseren Maschinengewehren zum Glück den Weg freischießen.
So war es genau am Heiligabend, als wir als letzte deutsche Einheit das Weihnachtsfest 1944 an der albanischen Grenze zu Montenegro verbrachten. Von Feiern konnte dieses Mal keine Rede sein, denn wir hatten noch nicht einmal ein Dach über dem Kopf…“

Diese Episode kann zeitlich nicht ganz stimmen, denn mit dem Abzug der Wehrmacht aus Shkodra am 29. November 1944 war schließlich ganz Albanien befreit.

Auf einmal war die ganze Bevölkerung gegen uns. Wirklich nur auf einmal? Und warum „die Bevölkerung“ gegen die Deutschen war – nicht nur in Albanien, das hinterfragt Schimke auch hier noch nicht. Indirekt gibt er aber doch eine Antwort, wenn er zuvor über deutsche Besatzer-Gepflogenheiten berichtet, konkret in der besetzten Sowjetunion:



„…als in Lemberg [Lwow bzw. Lwiw; SRK] auf dem Bahnhof an alle Heimaturlauber das sogenannte Führerpaket verteilt wurde, und jeder von uns somit auch in den Besitz dieses Paketes
kam. In dem Paket befanden sich eine Gans, Dauerwurst sowie Brot und andere Lebensmittel.“ (S. 67)

Woher kamen all diese Lebensmittel (insbesondere der Luxus-Artikel Gans)? Wer hat sie bezahlt? Wurden sie überhaupt bezahlt? Wem wurden sie geraubt? Und wer dafür dem Hunger preisgegeben?

Solche – im Kern beschönigende – Kriegserinnerungen von einfachen Landsern in Aggressionsarmeen sollte man trotz allem lesen. Kritisch lesen, um zu verstehen, warum so viele Menschen aus den Unterklassen so lange Zeiten Eroberungs- und Ausplünderungskriege mittragen. Religiöse Erweckung, wie bei Max Schimke, ist jedenfalls keine Antwort darauf.

Und… wie es in Albaniens Städten und Dörfern seinerzeit wirklich aussah, wie die Lebensbedingungen in diesem unterentwickeltsten Land Europas damals waren, das erfährt man leider nicht. Aber auch die Sicht eines Okkupationssoldaten ist doch schon Antwort darauf genug.

 

 

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