Albanien schrumpft! Die schleichende Küstenerosion in Albanien wird zunehmend sichtbar

16. Dezember 2017 | Von | Kategorie: Berichte

Foto: Jochen Blanken

Asim Krasniqi beobachtet gespannt, wie sich die Adria immer näher an seine Strandbar nähert. Er erlebt hautnah die Erosion, die die albanische Küstenlandschaft bedroht. „Ich denke immer darüber nach, wie dieser Ort einmal war“, sagt der 70jährige wehmütig und erinnert sich, als dieser Strand in Qerret, zwischen Durrës und Kavaja, größer war und „viel mehr“ Touristen kamen. „Heute ist alles nicht mehr so schön“, sagt er.

Umweltschützer weisen darauf hin, dass hinter dem raschen Verschwinden der Küste eine gefährliche Mischung aus Klimawandel und wilde, nicht regulierte urbane Entwicklung steckt. „Das Meer hat die Küste verschluckt. Sie rächt sich an die Menschen, die die Natur zerstört haben“, sagt Sherif Lushaj, Umweltwissenschaftler an der Polis-Universität in Tirana. Das anfänglich „unscheinbare“ Phänomen sei in den letzten Jahren viel ernster geworden.

Foto: Jochen Blanken

Weiter nördlich in der Nähe der Betonburgen des Badeorts Shengjin bei Lezha verfaulen dutzende Baumstämme im Wasser, ein Hinweis darauf, dass es zwischen dem Meer und der Lagune von Kune einst einen Wald gab. Die Lagune ist bedroht, die schützende Landzunge zwischen dem Meer und das empfindlich Biotop verschwindet zunehmend. Einst auf hohen Sanddünen gelegen, tauchen auch die hier zu Enver Hoxhas Zeiten gebaute Bunker kaum noch aus dem Wasser auf. Andere wurden schon vom Meer komplett verschlungen.

„Dieser Ort wird verschwinden, wenn der Staat keine Maßnahmen ergreift“, sagt Osman Demi dazu, ein Fischer, der sich an die „schreckliche Nacht“ vom 31. Dezember 2009 erinnert, als eine plötzliche Flut sein Dorf überschwemmten.

Foto: Jochen Blanken

„Die Zerstörung dieser Lagune wäre eine Katastrophe“, sagt sein Kollege Albert Pati. „Wir fangen hier Barsch, Krabben und Meeräsche“, aber in manchen Ecken, fügt er hinzu, „ ist das Wasser schon tot“. Auch die Pelikane sind aus der Lagune verschwunden. Eine vor einem Jahr durchgeführte Zählung ergab nur 7000 Vögel. In den 1970er Jahren brüteten hier noch 50.000.

Wenn nichts getan wird, werden auch die Menschen, die hier leben, auch bald gehen. Gehen müssen. Laut Jak Gjini, verantwortlich für Umweltfragen im Bezirk Lezha, sind 2000 Häuser im Bezirk vom Wasser unmittelbar bedroht. „Die Situation ist dramatisch“, sagt er.

Die Zeichen stehen derzeit schlecht: Mit dem Klimawandel häufen sich wie in den vergangenen Wochen immer heftiger werdende Winterstürme, die das Wasser immer weiter landeinwärts treiben. Dazu gibt es den massiven, meist illegalen Holzabbau in den Bergen und der Kiesabbau in den Flusstälern, von der zügellosen, auch meist illegalen Bebauung der Küste mal ganz abgesehen.

Von 427 Küstenkilometern seien etwa „154 von Erosion betroffen“, gibt Umweltminister Blendi Klosi zu Protokoll. Manchmal kaum wahrnehmbar, drängt die Adria in anderen Küstenabschnitten mit beängstigender Geschwindigkeit Richtung Binnenland – hier und da verschwinden 20 Meter Küstenland im Jahr sagt er.

In seiner Bar in Qerret zeigt Asim Krasniqi auf die senkrecht zur Küste angehäuften Felspfeiler. Sie wurden ohne Genehmigung von den Besitzern der Villen oder Hotels gebaut, um ihr Eigentum vor Erosion schützen. Dabei habe sie das Problem einfach auf benachbarte Grundstücke verlagert. „Sie haben die Strömungen verändert und das Problem sogar verschärft“, sagt Krasniqi.

Minister Klosi verspricht den Abriss sämtlicher illegaler Bauten die und Bestrafung der Verantwortlichen. Aber selbst diese Aktion, sollte sie tatsächlich je durchgeführt werden, würde laut Eglantina Bruci, Klimawandelexpertin der UNDP, nicht ausreichen. Die einzige Lösung, meint sie, wäre der durchgehende Bau von Felsdämmen parallel zur Küste und eine umfangreiche Dünenauffüllung.

Die Kosten einer solchen Maßnahmen wird Albanien gewiss nicht tragen können, aber nichts tun ist auch keine Option. „Albanien schrumpft“ sagt Jak Gjini, nicht ohne Ironie.

Mit Material der AFP

 

 

 

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