Robert Elsie ist überraschend gestorben

2. Oktober 2017 | Von | Kategorie: Verein

Robert Elsie (1950-2017)

Am Morgen des 2. Oktober 2017 fragte ein Freund aus Albanien mich und andere Kollegen, was an den Gerüchten dran sei, dass Robert Elsie gestorben sei. Aus der zweizeiligen Mail war zu lesen, wie viel Erschrecken und Erschütterung dahinter stand, verbunden mit der Hoffnung, dass es vielleicht doch nur eine Falschmeldung sein könnte. Leider bestätigten wenig Stunden später viele albanische Medien diese „schwarze Nachricht“, wie die Albaner sagen würden. Am Nachmittag kam dann auf seiner Webseite die Mitteilung, dass er am Morgen in Berlin einer seltenen Krankheit erlegen war.

Ich habe Robert Elsie vor knapp 40 Jahren kennen gelernt, als die von Professor Johann Knobloch geführten Bonner Sprachwissenschaftler und die Akademie der Wissenschaften unter Leitung von Professor Aleks Buda das erste zarte Pflänzchen einer Annäherung zwischen Westdeutschland und Albanien ansetzten; über mehrere Jahre hinweg fanden wissenschaftliche Begegnungsreisen statt, die ein touristisches Programm mit gegenseitigen Vorträgen aus allen Bereichen verbanden, die etwas mit Albanien zu tun hatten – und dazu hatte Bob Elsie schon damals viel beizutragen. Die Teilnahme war nicht auf Bonner Studierende beschränkt, so dass auch ich mehrmals mit von der Partie war. Auch bei den Internationalen Seminaren der Universität Prishtina, die damals noch in Kosovo stattfinden konnten, begegneten wir uns. Er war und blieb ein freundlicher, hilfsbereiter, humorvoller und kluger Mensch, fähig zu differenzierter Betrachtung, nie vorschnell mit pauschalen Urteilen, und von großer Geduld und Toleranz – alles Tugenden, die man bei der Beschäftigung mit Albanien braucht.

Bob Elsie, der sechs Jahre älter war als ich, studierte damals gerade in Bonn. Er wurde am 29.6.1950 in Vancouver geboren und konnte schon Studienaufenthalte in seiner Heimatstadt, in Berlin, Paris und Dublin vorweisen. 1978 promovierte er in Bonn mit einem ganz anderen Thema als dem, das sein Lebenswerk ausmachen sollte, nämlich über die Dialektologie der gälischen Sprachen Irlands, Schottlands und der Isle of Man.

Er verlor auch später nicht aus den Augen, dass die Welt nicht nur aus Albanien besteht. 1990, also direkt nach dem Umbrüchen in Rumänien und der DDR, veröffentlichte er eine Sammlung deutscher Gedichte aus Siebenbürgen sowie eine Anthologie sorbischer (ja, richtig gelesen, sorbischer, nicht serbischer) Dichtung in englischen Übersetzungen. 1997 gab er das Gesamtwerk des neugriechischen Klassikers Konstantinos Kavafis im griechischen Original mit deutscher Übersetzung heraus; im Fischer-Verlag folgte zwei Jahre später eine einsprachige deutsche Ausgabe.

Ich habe nie jemanden kennen gelernt, der eine solche Begabung für fremde Sprachen hatte wie Bob Elsie. Er verlor im Deutschen nie den ganz leichten Akzent, den er hatte, als wir uns zum ersten Mal begegneten, aber wer seine Übersetzungen liest, versteht, dass er weit besser als manche deutschen Dilettanten, die sich an Übersetzungen albanischer Literatur wagen, in beide Sprachen eingedrungen war und in ihnen lebte.

Was die Keltologie an Bob Elsie verloren hatte, sollte die Albanologie gewinnen. Denn Albanien wurde sein Lebensthema, und wie immer die Geschichte der Albanologie ihn einmal einordnen wird, ist nicht bestreitbar, dass er einer der produktivsten Autoren, vielleicht sogar der produktivste Autor dieses Wissenschaftszweigs war. Wer auf seiner Webseite, die hoffentlich erhalten bleibt, nachsieht, ist allein von der Zahl seiner Bücher erschlagen, von den Aufsätzen ganz zu schweigen. Unter seinen Freunden und Kollegen kursierten Bonmots, dass es Bob Elsie offenbar gelungen sein müsse, den 48-Stunden-Tag zu erfinden.

Es wäre nun vollkommen falsch anzunehmen, dass die Qualität über der Quantität auf der Strecke geblieben wäre. Viele seiner Bücher sind Eckpfeiler der Albanologie und werden es bleiben. Ich will hier nur seine zweibändige, auch ins Albanische und ins Polnische übersetzte „History of Albanian Literature“ (1995), die einen Gesamtblick auf die Literatur dieses Volkes (einschließlich Jugoslawien und Diaspora) ohne die kommunistischen und postkommunistischen Scheuklappen ermöglicht, und seine Lexika zur Geschichte Albaniens und Kosovos (2004 und 2013) erwähnen.

Bob Elsie war ein echtes Trüffelschwein. Wenn er in irgendeinem Archiv grub, sprang dabei sicher faszinierendes Material heraus, das er veröffentlichte, ob das jetzt Franz Baron Nopcsas Erinnerungen (2001 und 2014), die bislang unveröffentlichte „Geschichte Albaniens“ des französischen Priesters Faveyrial (2004 und 2015) oder Leo Freundlichs Nachrichtendienst „Albanische Korrespondenz“ (2013). Und seine Liebe galt besonders der Fotografie, dem „Schreiben in Licht“, wovon viele historische Fotobände zeugen, mit denen er belegt hat, dass Fotografie in Albanien eine alte Geschichte hat, die sich nicht im Atelier Marubi erschöpft.

Er hat sich aus den Niederungen der albanischen Politik herausgehalten, nicht aber aus dem Konflikt um die Albaner im früheren Jugoslawien. Er war unter den Kosovaren bestens vernetzt und unterstützte ihre Position durch zahlreiche Dokumentenbände, ebenso wie die der nach dem II. Weltkrieg aus Griechenland vertriebenen Çamen, weil es ihm wichtig war, sich für die Schwächeren, von der Geschichte Benachteiligten einzusetzen.

Neben den Buchpublikationen investierte Bob Elsie viel Arbeit in seine erwähnte Homepage, die ein ganzes Portal für Literatur, Geschichte, Kultur und Fotografie ist und auf der man jede Menge anderswo unveröffentlichtes Material findet.

Seine Kompetenz verschaffte ihm ein weiteres berufliches Standbein: er war nicht nur als literarischer Übersetzer, sondern auch als Dolmetscher tätig, u.a. beim Haager Tribunal, für das er die Aussagen albanischer Zeugen in dem Verfahren gegen Milošević übersetzte.
In Albanien war er nicht unumstritten, weil es auch Leute gab und gibt, die es schwer vertragen, wenn ihnen ein Ausländer zeigt, wie Wissenschaft richtig geht. Immerhin ehrte der Staat ihn 2013 mit der Anerkennungsmedaille.

In Kosovo drückten viele Persönlichkeiten, darunter Präsident Thaçi, ihre Trauer und Anteilnahme aus; die Akademie setzte bereits für den 4. Oktober eine Gedenkveranstaltung an.

Albanien und die Albaner haben am 2. Oktober 2017 einen Menschen verloren, der für sie Brücken geschlagen hat. Niemand hat mehr als Robert Elsie dazu beigetragen, sie im deutsch- und englischsprachigen Raum als europäische Kulturnation bekannt zu machen.
Die Deutsch-Albanische Freundschaftsgesellschaft trauert um ihr langjähriges Mitglied und ist in Gedanken bei seinem Lebensgefährten. Viele ihrer Mitglieder beklagen wie ich den Verlust eines guten Freundes.

Für den Vorstand der DAFG
Michael Schmidt-Neke

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