Unterwegs in einem unbekannten Land – Ein Reisebericht

10. Juli 2017 | Von | Kategorie: Berichte

Vom 6. bis 14 Mai 2017 war eine Reisegruppe der Brandenburger Gotthardt- und Christuskirchengemeinde in Albanien unterwegs. Pfr. i. R. Dr. Christian Löhr hat uns diesen Bericht über die Reise und über seine Sicht auf Albanien geschickt.

Es kam uns vor, als meldeten wir uns zu einem Abenteuer, als unser vielbewährter Reiseleiter Pfarrer i. R. Rainer Schröder vor Jahresfrist eine Reise nach Albanien anbot. Grund war pure Neugier. Was wussten wir von diesem Land am Rande Europas? Selbst für gelernte DDR- Bürger war es ein ziemlich exotisches Ländchen: Erst mit Jugoslawien verbandelt, dann mit der Sowjetunion, dann schließlich mit China, stand es zuletzt, nach dem Bruch mit China mutterseelenallein gegen die ganze Welt. Man hatte gehört von Enver Hodscha und der von ihm initiierten Kulturrevolution nach chinesischem Vorbild, die einen Großteil des historischen und kulturellen Erbes Albaniens zerstörte, auch von den völlig unverhältnismäßigen Rüstungsausgaben zum Schutze vor einem möglichen Angriff auf das Land. Als Christ konnte man unter Umständen noch wissen, dass Albanien reichlich zwei Jahrzehnte lang das erste und einzige atheistische Land der Welt war von 1967 bis 1990. Alle Religionen verboten – gleichviel ob Christen oder Muslime! Danach tauchte es zweimal im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts in den Nachrichten auf, beide Male mit Aufständen und Unruhen infolge wirtschaftlicher Umbrüche und innenpolitischer Skandale. Folge: Migrationswellen und –ströme im Inland und ins Ausland, vor allem nach Griechenland und nach Italien. Ende der 1990er Jahre war es so schlimm, dass eine Friedens- und Aufbaumission der OSZE eingreifen musste. Das damals entstandene Klischee von der albanischen Mafia, von Drogenhandel und bewaffneten, kriminellen Banden wirkt bis heute nach. Selbst unser Reiseleiter sprach in diesem Zusammenhang von einer Kultur der Straflosigkeit. Ach ja: Dann gab es noch Karl Mays „Durch das Lande der Skipetaren“. Und dann war da noch eine Friedensnobelpreisträgerin: Mutter Teresa (geboren als Anjezë (Agnes) Gonxha Bojaxhiu).

Da stellte sich, als wir uns am 6. Mai 2017 um 4.45 Uhr mit einem Bus zunächst zum Flughafen Tegel und von da per Flugzeug erst nach Frankfurt am Main und sodann weiter nach Tirana auf den Weg machten, schon die Frage: Was wird uns erwarten in diesem fremden und exotischen Land, etwas kleiner als Belgien und mit einer Bevölkerung, die mit knapp drei Millionen unter der Einwohnerzahl von Berlin liegt?

Die Reise verlief unspektakulär und problemlos. Planmäßig trafen wir am Flughafen in Tirana ein, fanden unser Gepäck vollständig vor und alsbald auch unseren albanischen Reiseleiter. Und los ging’s. Uns erwartete eine Reise hauptsächlich durch den westlichen Teil Albaniens, zunächst von der Hauptstadt Tirana aus gen Süden über Vlora nach Saranda und Butrint und dann über Gjirokaster und Berat (bis hierhin mit täglichem Hotelwechsel!), weiter nach Nordwesten mit Standort Durres an der Adriaküste und von dort aus Tagesfahrten nach Kruja, noch einmal Tirana und Skodra. Damit lagen fünf von den zehn großen Städten Albaniens auf unserer Reiseroute. Allein in der Metropolregion Tirana und Durres leben mehr als ein Drittel der Einwohner Albaniens.

Ein erster Eindruck: Wir sind offensichtlich in einem mediterran geprägten Lande. Doch dieser erste Eindruck täuschte jedenfalls zum Teil. Spätestens am dritten Reisetag, als wir die im Lande westlich gelegenen Gebirgszüge gen Osten überquerten, war es aus mit der mediterranen Anmutung und wir waren in einem uns relativ vertrauten kontinentalen Klima. So bekamen wir sehr schnell eine Vorstellung von der ungeheuren Vielfalt, die in Albanien auf einem geographisch relativ engen Raum zu erleben ist: Vom schroffen Hochgebirge, tief in die Landschaft eingeschnittenen Tälern, einer weiten fruchtbaren Schwemmlandebene und zahlreichen kleineren Flüssen bis zu wasser- und fischreichen Seen und der vielgestaltigen Küstenlandschaft mit Lagunen und Flussdeltas. Entsprechend vielfältig auch die landwirtschaftlichen Produkte von Getreide bis zu Obst, Gemüse, Südfrüchten, Oliven und Wein.
Doch die Vielgestaltigkeit bezog sich nicht nur auf die Landschaft, deren Wunder und Herrlichkeiten wir im wörtlichen Sinne erfuhren, als wir z.B. am 8. Mai von Vlora nach Saranda fuhren, immer entlang der sog. Albanischen Riviera, auf einer Straße, die sich über den Llongarapaß hinweg entlang der Küste in Serpentinen und großen Schleifen durch wie Schwalbennester an den Berghang geklebte Dörfer zog, auf der einen Seite Ginstergelb, auf der anderen Seite ionisch tiefblaues oder türkisfarbenes Meer, wundervolle Ausblicke in Täler und Buchten mit kleineren oder größeren Canyons aus eisenerzrotem Gestein –ein zauberhafter Anblick, kaum dass man die Fülle der Eindrücke mit den Augen erfassen konnte.

Vielfalt, das hieß auch: ein Nebeneinander ungeheurer Kontraste und Widersprüche. Hinterlassenschaften einer bis zur Stunde zumeist leidvoll erlittenen, kaum je selbstständig gestalteten Geschichte begegneten uns überall auf Schritt und Tritt, angefangen mit den höchst neuzeitlichen kleinen und größeren Bunkern – 248.000 lt. Angaben des Verteidigungsministeriums – die mit ihren grauen, pilzförmigen Betonkuppeln die Landschaft zierten bis zu den antiken Ruinen aus der Zeit der Illyrer, Griechen und Römer.

Schon auf der Fahrt vom Internationalen Flughafen Nene Tereza, 17 km nordwestlich von Tirana bei dem Dorf Rinas gelegen, nach Tirana und der Stadtbesichtigungsfahrt daselbst nahmen wir wahr: Wir sind in einem Land, das noch immer auf der Suche nach sich selbst ist. Und noch ist nicht endgültig entschieden wohin die Reise politisch und gesellschaftlich in dieser Region gehen wird.

Es war der zweite prägende und sich Tag für Tag bestätigende Eindruck: Neben Aufbruch allerorten, wahrnehmbar in einem landesweiten Bauboom, der erst in den letzten Jahren durch ein Moratorium etwas geregelter sich auswirkt, finden sich unvermittelt Verfall und Ruinen. Plattenbausiedlungen aus der Ära Enver Hodschas, z.T. schon wieder marode, neben traditionellen albanischen Häusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert, dazu in den großen Städten wie Durres und Tirana und entlang der Küsten moderne Hochhäuser und Hotelpaläste, teilweise wild in die Landschaft gebaut; dann wieder Skeletthäuser, von denen man nicht weiß, ob sie ein Zeichen der Hoffnung sind, also weiter gebaut werden, oder schon wieder verfallende Investruinen. Es gibt auch saubere z.T. neugebaute Vorstadtviertel zwischen Tirana und Durres und mühsam erhalten gebliebene Altbauviertel in Berat oder Gjirokaster. Letztere wurden indessen zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt, was aber noch lange keine Garantie dafür ist, dass diese wertvolle Altbausubstanz aus dem 18. und 19. Jahrhundert wirklich erhalten werden kann.

Ein besonderes Kapitel ist die Infrastruktur. Die Straßen sind in z.T. abenteuerlichem Zustand – so fuhr unser Busfahrer in der Regel mit einer Höchstgeschwindigkeit von um die 70 Stundenkilometer, oft genug aber wesentlich langsamer, um den zahlreichen Schlaglöchern auszuweichen. Der öffentliche Nahverkehr wird von Bussen und Taxis bestritten. Zwar gibt es noch Reste eines Eisenbahnnetzes, aber das ist dringend sanierungsbedürftig.

Ein anderes unmittelbar sichtbares Problem ist – wie in vielen südosteuropäischen Ländern – das Fehlen einer geregelten Müllentsorgung. Und auch der Landschafts- und Naturschutz liegt trotz zahlreicher auf dem Papier ausgewiesener Schutzgebiete vielerorts im Argen.

Vielfalt ganz anderer Art – nicht im Gegensatz sondern in harmonischem Miteinander – erlebten wir im Blick auf die religiöse Lage im Lande. Seitdem 1990 das Religionsverbot wieder aufgehoben wurde, zeigten sich zwei einander ergänzende Tendenzen: Zum einen kehrten in bescheidenem Maße die großen Religionen und Konfessionen wieder zurück bzw. traten aus dem Untergrund wieder in die Öffentlichkeit. Das dokumentieren auch zahlreiche Neubauten religiöser Gebäude. Zum anderen lebte das über lange Jahrhunderte eingeübte friedliche Miteinander der Religionen wieder auf. Letztlich entscheidend – so berichten Kenner der Lage übereinstimmend – ist für die Albaner nicht ihre religiöse Verortung sondern ihr albanisches National- und Selbstbewusstsein. Dennoch erkennt der Kundige schnell, die jeweils unterschiedlichen religiösen Prägungen im Lande. Sie gehen zurück zum einen auf die sich ab 400 n. Chr. abzeichnende und im Laufe der nächsten zwei Jahrhunderte verfestigende Herrschaftsteilung im Römischen Reich (Westrom und Ostrom) und zum anderen auf die Eroberung von Konstantinopel 1453 durch die Türken und das Ende des byzantinischen Reiches. So finden sich in dem seither mehrheitlich muslimisch geprägten Lande als religiöse Minderheiten im Norden vornehmlich die katholischen Christen (Römisch-Katholische Kirche in Albanien), im Süden hingegen die orthodoxen Christen (Autokephale orthodoxe Kirche von Albanien). Wir hatten Gelegenheit, Gotteshäuser und Gebetsstätten aller großen Religionen zu besichtigen, so das byzantinische Kloster Ardenica in der Nähe von Fier und dessen mit wunderbaren Fresken, Ikonen und Wandmalereien aus dem 18. Jahrhundert ausgeschmückten Marienkirche. Ein besonderes Erlebnis war die Besichtigung der ebenfalls byzantinischen, aus dem 13. Jahrhundert stammenden und vollständig sanierten Kirche Mariae Entschlafen. Ihr ist das Museum für die albanischen Ikonenmaler Onufri und dessen Sohn Nikolla aus dem 16. Jahrhundert angegliedert. Die Kirche ist vollkommen mit Fresken ausgemalt und besitzt einen großen Ikonenschatz, der durch die Exponate des Museums noch ergänzt wird. In Tirana besichtigten wir die 2012 errichtete Auferstehungskathedrale. In Skodra, dem historischen Zentrum der Römisch-katholischen Kirche, konnten wir die 1898 fertiggestellte größte katholische Kirche in Albanien, die Stephanskathedrale und die ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert stammende Franziskanerkirche besichtigen. Letztere beeindruckte vor allem auch deswegen, weil in zeitgenössischen Wandbildern das besonders schwere Martyrium katholischer Priester in der Zeit nach 1945 dokumentiert ist. In Tirana hatten wir die Gelegenheit, uns mit der Et’hem-Bey-Moschee eine der wenigen aus osmanischer Zeit stammenden Moscheen anzusehen, ebenfalls mit einer kostbaren Ausmalung. In Berat besuchten wir ein Gebetshaus des Bektaschi-Ordens, eines der größten und einflussreichsten islamisch-alevitischen Derwischorden. Der Orden, der sich auf den Sufi und Mystiker Hadschi Bektasch (gest. 1270) beruft, gehört innerhalb des Islam zur Strömung des Sufismus, die asketische Tendenzen und eine spirituelle Orientierung aufweist, die oft mit dem Wort Mystik bezeichnet wird. Er vertritt damit eine liberale Spielart des Islam (u.a. kein Alkoholverbot, Gleichberechtigung der Frauen, kein Kopftuchgebot) und setzt auf das friedliche Miteinander unterschiedlicher Religionen. Seit dem Verbot aller Derwischorden durch Kemal Atatürk 1925 hat der Orden sein Weltzentrum in Tirana. Da wir die eigentliche Stadtbesichtigung in Tirana außerplanmäßig schon am Anreisetag absolvierten, bot sich die Gelegenheit, an unserem vorletzten Reisetag mittags, wo eigentlich eine Stadtbesich- tigungsfahrt nach Tirana vorgesehen war, statt dessen dieses Weltzentrum des Bektaschi- ordens zu besichtigen. Der Besuch, den unser Reiseleiter außer der Reihe vereinbart hatte, hinterließ einen nachhaltigen Eindruck bei uns. Für alle religiösen Gemeinschaften gilt, dass die z.T. zahlreichen Neubauten in den meisten Fällen vor allem durch ausländische Spenden ermöglicht werden. Im Blick auf Moscheen tun sich da besonders arabische Staaten hervor. So steht in Tirana die dann größte Moschee Albaniens kurz vor ihrer baulichen Vollendung (bislang hatte die Moschee von Skodra, ebenfalls ein Neubau, diesen Rang. Man kann nur hoffen, dass sich das Engagement der arabischen Staaten nicht nachteilig auf das harmonische Miteinander der Religionen auswirkt.

Es ist wohl kein Zufall, das Papst Franziskus seine erste Reise in ein europäisches Land am 21.9.2014 gerade nach Albanien unternahm, wo seit langem nahezu unbemerkt von der Weltöffentlichkeit das Alltag ist, was vielerorts von islamistischen Terroristen unmöglich gemacht wird: das friedliche Zusammenleben von Muslimen und Christen. „Niemand soll meinen, er könne sich hinter Gott verstecken, während er Gewalttaten und Übergriffe plant und ausführt“, sagte Franziskus gleich in seiner ersten Rede im Präsidentenpalast in Tirana vor Regierungsmitgliedern, Politikern und Diplomaten. „Extremistische Gruppen“, die Unterschiede zwischen den Religionen zum Anlass für Gewalt nähmen, verfälschten und instrumentalisierten „das echte religiöse Empfinden“. Er rief zu einem „offenen und achtungsvollen Dialog“ zwischen den Religionen auf. Indessen wurden auch 38 albanische Märtyrer am 4. November 2016 selig gesprochen.

Ein dritter nachhaltiger Eindruck: Wir sind in einem Land, das mit allen Mitteln versucht, sich seiner Geschichte und Identität zu versichern. Die Albaner haben in ihrer bis weit über die griechisch-römische Antike hinaus zurückreichenden Geschichte diese vornehmlich erlitten. Es gibt drei Epochen, in denen der Freiheitsdrang dieses Volkes kurzzeitig eigene Gestalt annahm, ehe dann 1912 mit der Republikgründung die Unabhängigkeit erklärt wurde, eine Unabhängigkeit, die freilich bald wieder verlorenging, zunächst in den Wirren des 1. Welt- krieges und seiner Folgegeschichte und dann am Ende des zweiten Weltkrieges in einer nationalen Diktatur. Basis des Nationalstolzes der Albaner ist ihre Herkunft von den Illyrern (Blütezeit im 3. vorchristlichen Jahrhundert unter Königin Teuta). Nach einer Zeit der Koloni- sierung zunächst durch die Griechen und später durch die Römer sowie der Wirren der Völkerwanderungszeit, folgte eine kurze Phase der nationalen Einigung und des erfolgreichen Widerstandes gegen die Türken unter dem albanischen Fürsten Gjergj Kastrioti gen. Skanderbeg (1403 – 1468). Ihm gelang es, den Vormarsch der Türken für etwa ein Viertel- jahrhundert zu stoppen. 1457 wurde ihm dafür vom Papst der Titel „Fides denfensor“ (Verteidiger des Glaubens) verliehen. Schließlich gab es im ausgehenden 18. Jahrhundert unter Ali Pascha Tepelena (1741-1822) noch einmal eine Zeit stärkerer Selbständigkeit der Albaner. Uns begegnete dieser geschichtlich gewachsene Nationalstolz zuerst an den beiden antiken Ausgrabungsstätten, die wir gleich in den ersten Tagen unserer Reise besichtigten: Apollonia, mit einer der bedeutendsten antiken Rhetorenschulen im Mittelmeerraum, an der z. B. Cicero und der spätere Kaiser Augustus „studiert“ haben, und besonders beeindruckend in Butrint bei Saranda, aber auch im neu eingerichteten Archäologischen Museum in Durres und dem römischen Amphitheater ebenfalls in Durres. In Butrint hatten fast alle geschichtlich prägenden Epochen (die der Illyrer, der Griechen, der Römer, der frühen Christen und schließlich auch der Venezianer und Türken) ihre Spuren hinterlassen. Uns faszinierten vor allem die prächtige dreischiffige Kathedrale und das Baptisterium, beide aus dem 6. nach- christlichen Jahrhundert. Letzteres besitzt ein sehr gut erhaltenes Bodenmosaik, dass freilich nur in der ganz trockenen Jahreszeit zu besichtigen ist. Sonst ist es mit Sand bedeckt und der Besucher muss sich mit einer Abbildung begnügen. Sodann sind die zahlreichen, von wechselvoller Geschichte gekennzeichneten Burganlagen zu nennen in Gjirokaster, in Berat, die Festung Lekuresit bei Saranda mit einem wunderbaren Blick über die Bucht von Saranda und die Burg Rozava oberhalb von Skodra sowie die Festung von Kruja. Hier befindet sich neben den Ruinen der alten Festungsanlage das aus den 1980-er Jahren stammende Skanderbeg-Museum, in dem an den Widerstand unter Skanderbeg gegen die osmanische Eroberung des Balkanraumes erinnert wird. Ebenfalls der nationalgeschichtlichen Vergewisserung dienen die Erinnerung an die Ausrufung der Republik Albanien 1912 in Vlora (entsprechendes Denkmal in stalinistischem Stil), das Waffenmuseum auf der Burg Gjirokaster, dort auch mit der Erinnerung an die Partisanenkämpfe 1944/45 sowie der Heldenfriedhof in Tirana mit dem großen wiederum in stalinistischer Manier ausgeführten Denkmal der „Mutter Albanien“. Interessanterweise ist es gerade auch der Stolz auf die Bewahrung der nationalen Eigenständigkeit, die nun, nach dem Ende der Diktatur unter Enver Hodscha und den mit dem Transformationsprozess verbundenen Enttäuschungen dazu führt, dass Enver Hodscha, der sich stets auch als ein nationaler Albaner verstand, von Teilen der Bevölkerung immer noch verehrt wird. „Das kann man leicht verstehen“ – möchte ich mit unserem Reiseleiter sagen, wenn man die Geschichte dieses Volkes bedenkt.

3000 Jahre zumeist erlittene Geschichte – das prägt natürlich auch das Verhältnis zu den Nachbarn auf dem Balkan (Montenegro, Kosovo, Mazedonien, Griechenland) und über das Meer hinweg Italien. Unvergessen ist jene traumatische Erfahrung aus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg, wo Albanien zwischen Griechenland und Serbien aufgeteilt werden sollte, was dann durch den Einspruch des amerikanischen Präsidenten verhindert wurde. So ist man seinen balkanischen Nachbarn und Griechenland zum Teil in herzlicher Abneigung verbunden. Natürlich ist die Kosovokrise unvergessen. Zur besonderen geschichtlichen Situation gehört es, dass in etwa noch einmal so viele Albaner, wie im Lande wohnen, außerhalb des Landes eine Heimat gefunden haben und mit der finanziellen Unterstützung ihrer in Albanien weiterlebenden Familienangehörigen einen beträchtlichen Beitrag zum wirtschaftlichen Leben Albaniens leisten.. Uns wurde schließlich auch bewusst, mit welch ungeheuren innergesellschaftlichen Verwerfungen dieser sog. Transformationsprozess vor sich gegangen ist. Durch zwei Privatisierungswellen wurden sowohl die einheimische Landwirtschaft wie die gesamte eigene Industrie vollständig lahmgelegt. Hohe Arbeitslosigkeit und eine folgenschwere Umschichtung von Stadt- und Landbevölkerung waren die Folge. Gemessen an den Ausmaßen von Entwurzelung und Verarmung ist dagegen das, was wir in der DDR 1989/90 erlebt haben, harmlos zu nennen.

Ein vierter und letzter Eindruck sei abschließend genannt: Wir erlebten ein hohes Maß an Gastfreundschaft in den Hotels mit einer durchwegs freundlichen Bedienung. Wir wurden verwöhnt, ob es nun das Frühstücksbuffet, die in der Regel drei- bis viergängige Abendmahlzeit oder die Mittagessen in Restaurants waren. Ein besonderes Erlebnis war die Weinverkostung im Weingut Cobo nahe von Berat. Zwei Weiß- und zwei Rotweine wurden uns serviert, dazu Brot, Käse und Oliven – köstlich! Unserem freundlichen und allezeit auskunftsbereiten albanischen Reiseleiter haben wir für zahlreiche Informationen zu danken. Eindrücklich sein Engagement für dieses Land und seine klaren, manchmal durchaus zugespitzten politischen Überzeugungen, die uns einen Eindruck davon vermittelten, wie sehr dieses Land noch auf dem Wege ist. Der gesellschaftliche Transformationsprozess, der mit dem Tode Enver Hodschas 1985 vorsichtig begann und sich um 1990/91 und noch einmal in der zweiten Hälfte der 90-er Jahre in eruptiven Ausbrüchen und landesweiten Revolten niederschlug, ein Prozess, der erst seit dem Beginn der 2000-er Jahre in ein halbwegs geordnetes Fahrwasser mit erkennbaren positiven Zielen mündete, ist noch voll im Gange. Hauptaufgaben dieses Prozesses sind die Überwindung der nach wie vor herrschenden Korruption und der Aufbau eines funktionierenden Rechtssystems. Es ist diesem Lande und seinen Bewohnern zu wünschen, dass sie auf diesem Wege vorankommen und baldmöglichst ein voll und ganz in Europa eingebundenes gleichberechtigtes Mitgliedsland werden.

Unsere Reise endete mit einem Urlaubstag in Durres, den die meisten aus unserer Reisegruppe am Strand und im Poolbereich des Hotels bei frühsommerlichen Temperaturen genossen. Am 14. Mai traten wir den Rückflug an, wieder über Frankfurt am Main. Bis Frankfurt kamen wir problemlos. Dann fügten es die himmlischen Mächte, dass unser Flug nach Berlin und auch einige andere Inlandflüge aus Witterungsgründen annulliert wurden. Das bedeutete Umbuchung auf dem Flughafen Frankfurt für einen ICE nach Berlin. Ohne Zweifel kann man sich Schöneres vorstellen. Aber es gibt auch weit Schlimmeres. Mit etwa sechs Stunden Verspätung kamen wir dann auch wohlbehalten im heimatlichen Brandenburg an, bereichert um eindrückliche Erfahrungen in einem nunmehr für uns nur noch teilweise unbekannten Land.

Pfr. i. R. Dr. Christian Löhr

Brandenburg an der Havel im Juni 2017

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