Gemischte Gefühle auf der Leipziger Buchmesse

23. März 2017 | Von | Kategorie: Bücher

Elona Çuliq und Shpëtim Selmani auf der Leipziger Buchmesse, dazwischen die Dolmetscherin Loreta Schillock

Es gab mal Zeiten, da hat man sich auf der Leipziger Buchmesse darüber geärgert, dass der albanische Verlegerverband zwar einen Stand hatte, die Möglichkeit, die albanische Literatur zu präsentieren aber verstreichen lies. Es lagen keine deutschsprachige Übersetzungen aus, keine der Verbandsmitarbeiterinnen (sic! es waren immer nur Frauen) oder der mitgereisten Verleger (alles Männer) sprachen Deutsch (und die wenigsten Englisch) und die Bemühungen, sich auf interessierte Besucher einzulassen (oder später mal Emails zu beantworten) hielten sich arg in Grenzen.

2014 gab es ein Lichtblick: plötzlich hatte das Kulturministerium die Regie inne. 2015 schien endlich auch die Zusammenarbeit mit dem Übersetzernetzwerk ‚traduki‘ – in der Person des Dichters Arian Leka – einigermaßen zu funktionieren.

Und 2016? Nichts. Der angestammt Stand in der Halle 4 war verweist, Südosteuropa fand auf der Leipziger Buchmesse ohne Albanien (wohlgemerkt: nicht ohne albanische beteiligung) statt.

So war die Spannung groß, als ich ich mich dieses Jahr auf dem Weg zu den internationalen Verlage in der Halle 4 der Leipziger Messe machte. Im Katalog des Übersetzernetzwerks wurde das albanische Kulturministerium als Mitveranstalter einer Lesungen erwähnt. Das hat aber nicht viel zu bedeuten: auch die kosovarische Botschaft in Berlin steht dort als Mitveranstalter, verzichtet aber nach wie vor auf einen eigene Präsenz auf der Buchmesse. Das albanische Kulturministerium tat es ihr auch in diesem Jahr gleich, war wider aller Hoffnung doch nicht zugegen. Schade.

Was aber nicht bedeuten soll, dass keine albanische Autorinnen oder Autoren da waren! Schon die Eröffnungsveranstaltung am heutigen Vormittag war bestens besetzt, neben dem Montenegriner Prosa-und Drehbuchautor Stefan Bošković mit der aus Shkodra stammende Lyrikerin Elona Çuliq und Shpëtim Selmani, der aus Prishtina angereist ist. Inhaltlich ging es bei der von der traduki-Leiterin Hana Stojić moderierten Präsentation um die Generationenfrage – die drei Autoren waren wie die Moderatorin alle 1980er Jahrgänge. Elona Çuliq wollte die Frage eher mit der oft schwierigen Auseinandersetzung mit der Tradition verstanden haben wollte. Selmani bestand dagegen auf die Feststellung, dass es hier eher um einen Dialog als um einen Konflikt handle.

Mit Çuliq und Selmani haben die Veranstalter jeweils ausgezeichnete Vertreter ihrer respektiven literarischen Traditionen und auch ihrer Generation gefunden. Die Theaterpädagogin Elona Çuliq hat in einem Stück über ihre Heimatstadt, Licht hinter der unsichtbaren Stadt, die für diese Generation die sehr wichtige Suche nach dem eigenen Ich thematisiert. Es war eine körperbetonte Performance. Und es war ihr anzusehen, dass sie es gewohnt war, die ganz Bühne in Anspruch nehmen zu können, nicht an einem Stuhl gefesselt zu sein. Die Begeisterung unter den Zuschauern war greifbar, obwohl die meisten kein Wort verstanden. Das kam erst mit der von Andrea Gill angefertigten und vom Leipziger Schauspieler Thorsten Giese vorgetragenen Übersetzung.

Selmani seinerseits las darauf aus Shënimet e një Grindaveci (=Notizen eines Querulanten) vorgetragen – auch eine Auseinandersetzung mit dem Sinn des Lebens, mit dem beschäftigtem Stillstand in seiner kosovarischen Heimat, in Tirana und in Belgrad. Auch heir trug Thorsten Giese Auszüge aus Selmanis Werk vor – diesmal von Zuzana Finger übersetzt.

Später beteiligte sich der Romancier und Literaturprofessor Ridvan Dibra auf einem Podium über ‚unbekannte Landschaften und die Geschichten, die sie bergen’ mit einem Auszug aus seinem stark an Hamlet erinnerndes Werk Legjenda e vetmise (=Die Legende von der Einsamkeit). Der Roman – wie die vorherigen Stücke (noch) nicht auf deutsch erschienenen – über einen Mann, der seinen Vater rächen will – ja, rächen muss – basiert eben auf Motive aus der albanischen Volkspoesie.

Alle drei Autoren sowie Elvira Dones werden in den kommenden Tagen wiederholt auf der Leipziger Buchmesse, die heute eröffnet wurde, aus ihrem Werk lesen; Shpëtim Selmani am Sonntag, den 26. März sogar in der Mama Bar in Berlin.

 

 

 

 

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