Die deutsch-albanischen Beziehungen aus albanischer Sicht

13. Februar 2017 | Von | Kategorie: Bücher

Paskal Milo: Udhëkryqe shqiptaro-gjermane (Albanisch-deutsche Kreuzwege). 400 S. Botimet Toena. Tirana 2016.

Rezensent: Erwin Lewin.

„Der Wunsch, mehr über Deutschland, über deutsche Kultur, Kunst, Geschichte, Wirtschaft und Politik zu erfahren, ist nicht zufällig und nicht nur das Anliegen einer kleinen Zahl von Menschen, deren Gefühle über viele Jahre in der Abgeschlossenheit niedergedrückt wurden“ (S. 12). Diese Aussage des Autors durchzieht als roter Faden das mit Sympathie und wachem Interesse an Vergangenheit und Gegenwart und an dem spannungs- und konfliktreichen albanisch-deutschen Verhältnis geschriebene Buch.

Paskal Milo (Jg. 1949), profilierter albanischer Historiker und engagierter Politiker der Partei Soziale Demokratie legt eine auf unveröffentlichten Dokumenten der obersten albanischen Nomenklatur aus dem Außen- und Innenministerium und anderer Ministerien fußende anspruchsvolle Monografie vor. Sie genießt zudem den Vorzug, das Thema erstmals wissenschaftlich zu bearbeiten.

Er führt zurück in die Anfänge gegenseitiger Beziehungen noch vor der Unabhängigkeit Albaniens 1912. Wissenschaftliche Arbeiten deutschsprachiger Forscher wie Johann Thunmann, Johann Georg von Hahn oder Gustav Weigand zur Herkunft, Sprache und Geschichte der von Albanern bewohnten Siedlungsgebiete auf dem Westbalkan prägten seit dem 18./19. Jahrhundert in Deutschland die Sicht auf die Albaner und Albanien. Der Autor würdigt die Anziehungskraft, die davon auf albanische Intellektuelle, Sprachforscher und Schriftsteller ausging, eine eigene kulturgeschichtliche und nationale Identität unter schwierigen Verhältnissen herauszubilden.

Milo geht chronologisch vor und gliedert sein Buch in sechs Kapitel. Die ersten beiden beschäftigen sich mit der Zwischenkriegszeit, also von der Erringung der Unabhängigkeit nach Jahrhunderte währender osmanischer Herrschaft bis zu deren Verlust durch die italienische Okkupation 1939 sowie die deutsche Besatzung 1943.

Sein Hauptaugenmerk gilt indessen dem albanisch-deutschen Verhältnis nach dem II. Weltkrieg. In den folgenden vier Kapiteln, die den Hauptteil des Buches ausmachen, untersucht er die Haltung des voksdemokratischen albanischen Staates zur deutschen Frage und zu einem Friedensschluss mit dem besiegten Deutschland und die Beziehungen zwischen Albanien und der DDR.

Ausführlich beschreibt er den steinigen Weg, der das Verhältnis zwischen Tirana und Bonn während des Kalten Krieges prägte. Abschließend widmet sich der Autor dem schwierigen Übergangsprozess im Land nach der politische Wende seit Beginn der neunziger Jahre bis zu dem 2014 von der deutschen Bundesregierung gegebenen Impuls für die Integration Albaniens und des Westbalkans in die Europäische Union.

Wenngleich es sich um eine Gesamtdarstellung handelt, begnügt er sich nicht mit einem Überblick in großen Zügen. Sieht man von dem gescheiterten Versuch der dominierenden europäischen Mächte und der deutschen Außenpolitik am Vorabend des I. Weltkrieges ab, den deutschen Prinzen Wilhelm zu Wied auf den albanischen Thron zu setzen, so nahmen die diplomatischen sowie Handels- und Wirtschaftsbeziehungen in der Zeit der Weimarer Republik seit 1922 einen zwar begrenzten, jedoch kontinuierlichen Weg. Einschränkungen waren wesentlich den Bestimmungen des Versailler Vertrages und der argwöhnischen Konkurrenz der Siegermächte geschuldet.

Das albanisch-deutsche Verhältnis gestaltete sich allerdings nicht kontinuierlich, mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht im September 1943 erfuhren die Beziehungen einen Tiefpunkt – trotz der Versuche des „nationalsozialistischen“ Deutschlands, sich als „Freund“ Albaniens zu gerieren. Die wirtschaftliche Ausplünderung des Landes und brutales militärisches Vorgehen gegen die Antifaschistische Nationale Befreiungsfront belegt das. Die Verbrechen des deutschen Faschismus haben, wie Milo schreibt, unauslöschliche Spuren im Gedächtnis des albanischen Volkes hinterlassen. Aber die Albaner blieben nicht Gefangene der Geschichte, und die Entschuldigung durch die deutschen Nachkriegsgenerationen für das Unheil und Leid, das die deutschen Faschisten anderen Völkern, darunter dem albanischen, angetan haben, öffnete den Weg in die Zukunft.

Die Errichtung der sozialistischen Macht in Albanien, deren Charakter als stalinistisches Regime Milo zumindest für die Anfangszeit differenziert betrachtet, habe gezeigt, dass die Möglichkeiten für die Neugestaltung von Politik in der albanischen Nachkriegsgesellschaft und der bilateralen Zusammenarbeit im Rahmen des RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) und des Warschauer Paktes eher begrenzt waren. Was die schon frühzeitig im Februar/März 1950 beschlossene Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Volksrepublik Albanien und der DDR betrifft, so bezeichnet er diese wohl zu pauschal als „große Theaterkulisse“, vor der nach Vorgaben aus Moskau gespielt wurde (S. 199).

Dagegen bewertet er die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen sachlich. Sie waren für das durch Besatzung und Krieg zerstörte Land von großer Relevanz. Mit Hilfe der von der DDR gewährten Kredite, die großzügig erlassen wurden, konnten wichtige Industrieobjekte gebaut werden. Auf der Grundlage des im Juli 1953 unterzeichneten Kulturabkommens entwickelte sich die Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen von Kultur, Kunst und Wissenschaft. In den Jahren 1960/1961 gab es 98 albanische Studenten in der DDR. Auch die ersten deutschen Studenten nach dem II. Weltkrieg nahmen 1956 in Tirana das Studium auf.

Dazu sei aufgrund persönlichen Erlebens angemerkt: So bescheiden die Anfänge waren, wurde damit ein Grundstein gelegt, die reichen Traditionen der deutschsprachigen Albanienforschung wieder aufzunehmen und erfolgreich weiterzuführen.

Zu den Vorzügen des Buches gehört, dass Milo es versteht, lesenswerte Details, wie beispielsweise über die letzten deutschen Militärangehörigen in Albanien und deren Repatriierung oder zur Zusammenarbeit des albanischen Sicherheitsdienstes mit dem der DDR, mit der Identitätsproblematik und den Perspektiven der europäischen Einigung zu verknüpfen. Das betrifft namentlich die Herstellung diplomatischer Beziehungen zwischen der Sozialistischen Volksrepublik Albanien und der BRD im Jahre 1987 sowie die aktuellen Probleme in der bilateralen Kooperation und europäischen Integration.

In der Tat dauerte es nahezu 15 Jahre bis es zur Aufnahme direkter Verbindungen zwischen beiden Ländern kam, seit Willy Brandt im April 1973 in Belgrad mit seiner Ostpolitik dazu den Anstoß gegeben hatte. Der Hauptgrund dafür war, dass von albanischer Seite eine enge Verbindung zwischen der Aufnahme diplomatischer Beziehungen und der Zahlung von Reparationen durch die Bundesrepublik hergestellt wurde. Dass es angesichts der nicht unbegründeten albanischen Ansprüche auf Reparationszahlungen, die schon unmittelbar nach dem Krieg nicht realisiert worden waren, zu einer Kompromisslösung kam, war mit ein Verdienst des bayrischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß, der 1984 mit seinem Privatbesuch und 1986 offiziell in Tirana um gegenseitiges Vertrauen warb.

Die albanisch-deutsche Zusammenarbeit ist seitdem qualitativ und quantitativ gewachsen. Im Gegensatz zur Politik der Selbstisolierung vor dem Systemwechsel wurde das albanische Selbstwertgefühl gesteigert. Der Autor betont, dass die Albaner auf den Einsatz der Bundesrepublik bei der Entwicklung des Adrialandes, bei der Überwindung innerer Krisen und bei der schrittweisen Integration in die Europäische Union vertrauen. Der Grundgedanke, von dem er sich leiten lässt, basiert auf seinen langjährigen Erfahrungen auch als Außenpolitiker. Das zielt darauf ab, durch vertieftes Miteinander friedliche und gleichberechtigte Beziehungen zum beiderseitigen Nutzen zu erreichen.

Die Lektüre des Buches ist unbedingt zu empfehlen. Der Leser findet darin nicht alltägliche Informationen zu den Wegmarken im Prozess des albanisch-deutschen Verhältnisses und interessante Denkanstöße zu den gemeinsamen Wurzeln in der europäischen Geschichte. Die Idee zu der Monografie geht im Übrigen zurück auf ein Projekt an der Freien Universität Berlin, in dem die Wechselbeziehungen vom I. Weltkrieg bis heute aus deutscher wie albanischer Sicht aufgearbeitet werden sollen. Milo ist gewissermaßen in „Vorleistung“ gegangen. Es ist also damit zu rechnen, wie Mathias Dornfeldt und Enrico Seewaldt von der Freien Universität in der Vorbemerkung schreiben, dass das Buch bald in deutscher Übersetzung vorliegen wird.

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