Verunsicherung auf der Großbaustelle Albanien

29. Januar 2017 | Von | Kategorie: Berichte

Die Metallröhren liegen schon bereit um zusammengeschweißt zu werden. (Foto: Bankwatch)

„In Albanien sind wir auch mit wenig zufrieden“, sagte Agim mit einem melancholischen Lächeln. Er steht neben seinem Pferdewagen auf einem Acker mit seiner Frau. 2016 wird womöglich das letzte Jahr sein, in dem sie die Ernte hier einbringen werden. Ein großteil des Ackers wurde schon in einen 25 Meter breiten, unfruchtbaren Landstrich verwandelt – für eine Gasfernleitung, die mehr als 3000 Kilometer entfernt ihren Ursprung hat.

Die Transadriatic Pipeline, TAP genannt, ist Teil des Southern Gas Corridors, welches 10 Milliarden Kubikmeter Erdgas im Jahr aus Aserbaidschan nach Europa und 6 Milliarden Kubikmeter in die Türkei liefern soll. Dieses riesige Unternehmen ist das größte Infrastrukturprojekt, an dem sich die Europäische Union derzeit beteiligt.

Vor Ort, in den Ländern durch die die Pipeline führt, fühlen sich die Menschen übergangen – darunter vor allem die Menschen denen des Land gehörte, wo in Zukunft die riesigen schwarzen Röhren liegen werden.

Ende des vergangenen Sommers besuchten Mitarbeiter von Helsinki Committee und Bankwatch über 30 albanische Gemeinden, durch die die Pipeline führen wird. Eines dieser Dörfer ist Seman, knapp acht Kilometer von der Adriaküste entfernt. Dort wohnt Agim mit seiner Familie. Die dunklen Metallröhren von etwa zwei Metern Durchmesser liegen schon bereit um zusammengeschweißt zu werden. Bis zu dem Zeitpunkt dienen sie noch als Spielplatz für die Kinder im Dorf.

Die Pipeline windet sich durch Südalbanien vo der griechischen Grenze in der Region Devoll im Osten bis nach Seman am gleichnamigen Fluss südlich der Karavasta Lagune. Die schleppende Klärung der Landeigentumsverhältnisse hat sich entlang dieser Route sehr beschleunigt. Die rechtlichen Besitzer des Landes müssen ja identifiziert werden, wenn man sie entschädigen will!

Der Vertreter von Abkons, der für den Bau des durch Albanien führenden Abschnitts der Pipeline, bot Agim eine auf der Grundlage einer komplizierten und alles andere als transparenter Hochrechnung  des Wertes der Ernte, worauf er werde verzichten müssen basierende Entschädigung in Höhe von mehrerer Million Lek (100 Lek = ca 0,70 EUR/ 1 Mil. Lek = ca. 7.000 EUR).

Agim hat das Geld genommen, aber nicht weil er glaubte, dass die Entschädigung die tatsächliche Produktivität des Landes entspräche. Wie viele andere hat er es genommen, weil er sich damit abgefunden hat, sein Feld –und so seine Lebensgrundlage – zu verlieren. Er hat nie daran gedacht, dass es irgendeine Alternative geben könnte, oder dass er etwas hätte dagegen tun können.

Ein Kornfeld ist da das eine – einen Obstgarten oder gar ein Olivenhain dagegen ist etwas ganz anderes. Im Qark Berat, gehört Arjan ein großer Olivenhain mit Blick auf das Dorf Otllak. Der Olivenhain hat über hundert Bäume, viele von ihnen kurz nach dem Zeiten Weltkrieg gepflanzt. Die Ernte bringt Arjan geschätzt 3,5 Millionen Lek (24.500 EUR) im Jahr. Es ist die einzige Einnahmequelle seiner 12-köpfigen Familie. Und Arjan ist zutiefst besorgt, dass er den Hain an der TAP-Pipeline verlieren könnte.

Einige Bäume wurden schon zum Fällen markiert. Die Arbeiter, die das Gelände vermessen haben, sind eines Tages einfach aufgetaucht, ohne um Erlaubnis zu fragen oder ihn sogar im Voraus zu informieren. Und das, obwohl er sich vehement geweigert habe, den Entschädigungsvertrag mit Abkons zu unterzeichnen.

Die TAP-Pipeline führt quer durch Südalbanien. (Foto: Bankwatch)

Die Zylyftari-Brüder aus dem kleinen Dorf Buzuq wehren sich. Die Abkons-Mitarbeiter haben sich auch bei ihnen nicht gemeldet, als sie ihren Weinberg vermessen haben. „Das Projekt wird sowieso durchgeführt, es gibt kein Zurück mehr“ sagen sie, „wir wollen nur, dass alles nach transparenten Regeln durchgeführt wird, ohne sich über uns lustig zu machen.“

Genau wie in Seman, Otllak und vielen anderen Gemeinden waren die Brüder zutiefst frustriert über die Höhe der Entschädigung, die ihnen angeboten worden war, und konnten deren Berechnung nicht nachvollziehen. „Sie sagen uns, dass sie uns mit 200 Lek (1,40 EUR) pro Quadratmeter entschädigen werden“ sagten sie, „der Preis für eine Tasse Kaffee pro Quadratmeter.“

Ihre Nachbarin, Natascha, weiß gar nicht, ob sie in weiter in ihrem eigenen Haus werde leben können. Die Pläne, die ihren Entschädigungsvertrag beiliegen zeigt, dass die Pipeline, nur wenige Meter von ihrem Haus entfernt gelegt werden soll. Um das Haus zu bauen, mussten sie und ihren Mann lange Jahre in Griechenland arbeiten. „Wir haben dort fünf Monate gearbeitet um dann einige Monaten am Haus weiter zu bauen“. Das ging bis zum Jahr 2000 so; und jetzt ist sie nicht sicher, was mit ihrem Haus passieren wird. „Ich habe keine Antwort erhalten, ob das Haus abgerissen oder beschädigt wird. Nichts. Sie sagten nur, wenn der Bau beginnt, werden wir die Sache klären.“

Einige Menschen – darunter auch solche, die prinzipiell gegen das Projekt waren – waren der Hoffnung, dass das Pipeline-Projekt doch für dringend benötigte Arbeitsplätze sorgen würde. Viele werden es nicht sein. Die meisten qualifizierten Arbeitskräfte werden aus dem Ausland kommen müssen. Und eine in Seman ausgehängte Anzeige macht deutlich, was vor Ort noch an Arbeit abfallen wird: ein französischer Subunternehmer möchte Arbeiter ohne Qualifikationen für einen Zeitraum von nicht mehr als zwei Monaten rekrutieren.
Die Bauern in Cangonj, nahe der Grenze zu Griechenland, haben gemeinsam beschlossen, sich zu wehren. Sie haben einen Brief an die Geschäftsführung von TAP in der Schweiz geschrieben, protestierten dagegen, die Pipeline durch ihre Pflaumenplantagen zu bauen. Nicht weniger als 120 Personen haben den Brief unterschrieben. Jenseits der Grenze protestierten Bauern auch. Auch sie befürchten ihren Lebensunterhalt zu verlieren.

Die Europäische Investitionsbank (EIB) steht mit mehreren Milliarden Euro hinter dem Projekt. Die Beschwerden aus Albanien sind dort angekommen und es wurde behauptet, dass die betroffenen Gemeinden besucht werden sollen. Ob das was bringen wird? Wird ein solcher Ausschuss den  Schaden, der schon entstanden ist reparieren können? Die überwiegende Mehrheit der Menschen entlang der TAP-Route fühlt sich schlecht informiert über den gesamten Prozess. Sie fühlen sich über den Tisch gezogen, wissen nicht, was die Bauarbeiten mit sich bringen werden und inwieweit sie überhaupt damit rechnen können, wieder zurück zur Landwirtschaft kehren zu können. Die meisten Menschen können nicht einmal sagen, wann die Bauarbeiten beginnen sollen. Die Narben dieser Pipeline werden nicht nur in der Landschaft hinterlassen.

 

Dieser Beitrag basiert auf den Bericht von Bankwatch

 

 

Letzte Beiträge

Teilen:

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedintumblrmail
Schlagworte: , , ,

Schreibe einen Kommentar