Ein Albaner spielt den neuen Winnetou

2. Januar 2017 | Von | Kategorie: Berichte

Nik Xhelilaj ist Winnetou und Wotan Wilke Möhring spielt Old Shatterhand. Foto: RTL/Nikola Predovic, RatPack

Für die deutschen Freunde Albaniens ist Karl May wegen der dort spielenden Passagen des „Orientzyklus“ (Bd. V: Durch das Land der Skipetaren) eine wichtige kulturelle Brücke zwischen beiden Ländern, zumal May bis heute der deutsche Autor mit der höchsten Gesamtauflage ist. Eine neue Brücke zwischen May und Albanien legte jetzt zu Weihnachten 2016 RTL mit einem aus Albanien stammenden Winnetou, Nik Xhelilaj.

„Sein Kopf war unbedeckt; das dunkle Haar hatte er in einen helmartigen Schopf aufgebunden, in welchem eine Adlerfeder, das Zeichen der Häuptlingswürde, steckte. Der Anzug bestand aus Mokassins, ausgefransten Leggins und einem ledernen Jagdrocke, dies alles sehr einfach und dauerhaft gefertigt. Im Gürtel steckte ein Messer, und an demselben hingen mehrere Beutel, in denen alle die Kleinigkeiten steckten, welche einem Westmanne nötig sind. Der Medizinbeutel hing an seinem Halse, daneben die Friedenspfeife mit dem aus heiligem Tone geschnittenen Kopfe. In der Hand hielt er ein doppelläufiges Gewehr, dessen Holzteile dicht mit silbernen Nägeln beschlagen waren.

Der Jüngere war genau so gekleidet wie sein Vater, nur dass sein Anzug zierlicher gefertigt worden war. Seine Mokassins waren mit Stachelschweinsborsten und die Nähte seiner Leggins und des Jagdrockes mit feinen, roten Nähten geschmückt. Auch er trug den Medizinbeutel am Halse und das Kalumet dazu. Seine Bewaffnung bestand wie bei seinem Vater aus einem Messer und einem Doppelgewehre. Auch er trug den Kopf unbedeckt und hatte das Haar zu einem Schopfe aufgewunden, aber ohne es mit einer Feder zu schmücken. Es war so lang, dass es dann noch reich und schwer auf den Rücken niederfiel. Gewiss hätte ihn manche Dame um dieses herrliche, blauschimmernde Haar beneidet. Sein Gesicht war fast noch edler als dasjenige seines Vaters und die Farbe desselben ein mattes Hellbraun mit einem leisen Bronzehauch.“

Diese klassische Beschreibung des Apatschenhäuptlings Intschu-Tschuna und seines Sohnes Winnetou stammt von der ersten Begegnung Winnetous und des Ich-Erzählers Karl May, der nach dramatischen Verwicklungen als Old Shatterhand der beste Freund des Apachen wird. Die bildliche Realisierung verbindet sich für die Nachkriegsgeneration mit dem 2015 verstorbenen Pierre Brice, der diese Rolle in elf Filmen zwischen 1962 und 1968 so verkörperte, dass er bis heute als authentische Verkörperung dieser literarischen Ikone gilt.

Die Karl-May-Rezeption erfolgte für viele (West-)Deutsche (die DDR tat sich mit Mays Werk wegen Hitlers Vorliebe für ihn, wegen nicht zu leugnender rassistischer Stereotype und wegen seiner undifferenzierten Verherrlichung Deutschlands bis in die 1980er Jahre schwer) über die Filme von Harald Reinl, Alfred Vohrer u.a.. Die Leute fingen erst an, Mays Bücher zu lesen, nachdem sie die Filme gesehen hatten.

Das Problem dabei ist, dass Filme von 90 Minuten Dauer die recht umfangreichen Bücher zwangsläufig kürzen mussten. Während sich „Winnetou I“ noch bei einigen Abweichungen einigermaßen an das Buch hielt, wurden die Drehbuchschreiber danach immer „kreativer“ – nicht im guten Sinne; die letzten Filme hatten mit den Büchern nur noch einige Namen gemein und wurden immer trashiger. Der von Stewart Granger mit einer Mischung aus bemühtem Humor und Lustlosigkeit verkörperte „Old Surehand“ hatte mit Mays Figur nullkommagarnix gemeinsam.

Kein Zweifel: Karl May ist aus der Mode gekommen. Auch sein 100. Todestag 2012 hat nicht zu einer Renaissance geführt. Er wird literarisch, philologisch und kulturell erforscht, besonders durch die Karl-May-Gesellschaft e.V. (www.karl-may-gesellschaft.de), aber jüngeren Lesern kann man heute nicht mit Romanen aus dem Wilden Westen, dem Nahen Osten oder gar den bizarren Haupt-und-Staats-Romanen aus Mays Kolportage-Frühzeit mit Hauptfiguren wie Kaiser Maximilian von Mexiko oder König Ludwig II. von Bayern kommen.

RTL unternahm das Wagnis, gegen die bis zum Überdruss wiederholten Filme der 1960er Jahre eine neue dreiteilige Verfilmung des Winnetou zu setzen. In „Winnetou – Der Mythos lebt“ unternahmen der Regisseur Philipp Stölzl („Goethe!“, „Der Medicus) und die Drehbuchautoren Jan Berger und Alexander Rümelin von vornherein keinen Versuch, die drei „Winnetou“-Bände werkgetreu zu verfilmen; Stölzl nennt seine Filme „Neuerzählungen“. Lediglich der erste Teil „Eine neue Welt“ folgt noch einigen Grundlinien von „Winnetou I“, während „Das Geheimnis vom Silbersee“ wenig und „Der letzte Kampf“ gar nichts mehr mit den Büchern zu tun haben.

Die Besetzung ist crème de la crème: Wotan Wilke Möhring gibt den jungen Amerika-Immigranten Karl May, der kein schier unbesiegbarer und allwissender Übermensch ist, sondern ein sehr differenziert gezeichneter Charakter, der seine Schwierigkeit artikuliert, plötzlich ein Apache sein zu sollen und sogar Nscho-Tschis Heiratsantrag ablehnt, ihr wenig später aber selbst einen macht – schauspielerisch um drei Klassen besser als der hölzerne Lex Barker und dem realen May physisch gar nicht unähnlich.

Entgegen der Vorlage wird Nscho-Tschi, Winnetous Schwester und Stammesschamanin, nicht ermordet, sondern heiratet Old Shatterhand. Iazua Larios (man glaubt es kaum – eine Indianerin darf eine Indianerin spielen!) hat nichts von Marie Versinis Niedlichkeitsfaktor; sie beschränkt sich nicht still leidend auf die Pflege des verwundeten Old Shatterhand, sondern rettet ihm mehrfach das Leben, so wie er ihres.

Jürgen Vogel spielt den Vorarbeiter Rattler – eine Figur, die in dem Film von 1963 kurzerhand mit Santer verschmolzen wurde – als brutalen und zynischen Lumpenproleten, der von einem besseren Leben träumt und dem Bauleiter, der ihm vorhält, sie sollten eine Eisenbahn bauen und keinen Krieg anfangen, antwortet: „Und wo ist da der Unterschied?“

Milan Peschel holt Sam Hawkens, Old Shatterhands ersten Lehrmeister, auf den Boden, nachdem Ralf Wolter ihn damals zur albernen Schießbudenfigur hatte verkommen lassen.
Gojko Mitić, der in der DDR immer den edlen Wilden spielen durfte, wird als Intschu-Tschuna ziemlich früh erschossen.

Der einzige Schauspieler von 1963, der noch am Leben und in der Lage ist zu agieren, ist Mario Adorf als Santer, damals der Mörder von Winnetous Lehrer, Schwester und Vater, jetzt ein alter, politisch mächtiger Großkapitalist, der seinen soziopathischen Sohn (Michael Maertens) immer wieder von der Justiz freikauft und davon träumt, ihn zum Präsidenten aufbauen zu können – woraus nichts wird, denn Santer Junior kann zwar Winnetou töten, wird dann aber vom Bruder eines seiner Opfer erschossen.

Nik Xhelilaj spielt Winnetou im RTL-Remake des Karl-May-Klassikers. Foto: RTL/Nikola Predovic, RatPack

Bleibt Winnetou, die wegen des stilbildenden Pierre Brice schwierigste Rolle. Am 23.8.2015 gab RTL bekannt, dass Nik (= Kreshnik) Xhelilaj den Häuptling der Apachen spielen soll. Der am 5.3.1983 in Tirana geborene Sohn einer Offiziersfamilie brach eine Ausbildung an einer Militärschule in Istanbul ab und studierte ab 2003 Schauspiel an der Kunsthochschule Tirana. Bereits ab 2005 hatte er größere Filmrollen, darunter Hauptrollen in Pirro Milkanis albanisch-tschechischer Koproduktion „Die Traurigkeit der Frau Schneider“ und in der Emigrantentragödie „Der Albaner“, die auch in Deutschland zu sehen war. Darüber hinaus war er in Albanien auch auf der Bühne zu sehen, z.B. 2007 als Stanley Kowalski in „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams.

Xhelilaj hat eine recht hohe Medienpräsenz in seiner Heimat, wo er schon den ESC-Vorentscheid 2012 moderiert hat. In Deutschland ist er – im Gegensatz zu Möhring – ein unverbrauchtes Gesicht. Mit Pierre Brice teilte er ein Handicap – oder vielleicht sogar eine Chance: er kannte bisher weder Karl May noch Winnetou. May ist in Albanien kaum verankert. 2009 brachte die Albanerin Ingrid Schätz bei Toena eine albanische Ausgabe von „Durch das Land der Skipetaren“ (Udhëtim në trojet shqiptare) heraus – ein ziemlich unsinniges Unterfangen, weil es der fünfte Teil einer sechsbändigen durchlaufenden Erzählung ist. Angeblich sollen die anderen Teile des „Orientzyklus“ auch noch übersetzt werden.

Nik Xhelilaj bemüht sich nicht, Brice zu kopieren. Er agiert nicht als Standbild seiner selbst, sondern zeigt Humor und auch bei Indianern angeblich so verpönte Emotionen. Sein Winnetou macht sich gegenüber seiner Schwester über die missglückten Reit- und Jagdversuche seines neuen Freundes und „Lehrlings“ lustig. Die Indianer sprechen untereinander Lakota (mit deutschen Untertiteln) – keine sehr nahe liegende Wahl, da bei May die Sioux, die Lakota sprechen, regelmäßig mit den Apachen verfeindet sind, aber wer versteht schon irgendeine Indianersprache? Und als May vor Nscho-Tschi auf die Knie fällt und ihr einen klassischen Antrag macht, lässt Winnetou ein Tränchen fließen und sagt zu einem Apachen, der das bemerkt: „Der Wind!“, darauf der andere „Sicher!“.

Die Resonanz des Publikums war verhalten, wobei das Programmangebot in der Weihnachtszeit immer mit vielen attraktiven Angeboten gefüllt ist. Den ersten Teil sahen am 25.12.2016 5,06 Millionen Zuschauern (Marktanteil: 15,4 %), 4,33 Millionen am 27.12. den zweiten Teil (Marktanteil 12,9 %), 2,97 Millionen am 29.12. den dritten Teil (Marktanteil nur noch 9,5 %).

Mein Fazit: das Experiment ist geglückt. Man kann Karl May immer noch verfilmen. Aber Stölzl und Co. sollten der Versuchung widerstehen, eine Filmserie zu produzieren und zu jedem Weihnachtsfest einen weiteren Winnetou-Film vorzuführen. Nik Xhelilaj hat sich nach dem Film „Der Albaner“, der kein sehr breites Publikum erreicht hat, an der Seite zahlreicher prominenter Schauspieler bei den deutschen Zuschauern etabliert. Wenn erst einmal sein Deutsch besser ist, wird er hoffentlich häufiger bei uns zu sehen sein.

 

 

 

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