Kosovo – Was kann man aus den Ergebnissen der PISA-Studie lernen?

9. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Berichte

Klassenzimmer einer Grundschule in Gjakovë. Foto: Wikipedia/Shkumbin Saneja

Die Ergebnisse der PISA-Erhebung von 2015 wurden vergangenen Dienstag veröffentlicht. Im internationalem Ranking liegt Kosovo ganz weiten hinten, mit – man kann es nicht anders sagen – katastrophalen Ergebnisse in der Mathematik, in den Naturwissenschaften und bei der Lesekompetenz.

PISA, eine von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OEZD) organisierte Evaluierung von Schülerleistungen, testet 15-jährige Schülerinnen und Schüler in den Bereichen Naturwissenschaften, Mathematik und Lesekompetenz. Die Ergebnisse wurden Anfang Dezember in Paris von OEZD Generalsekretär José Ángel Gurría vorgestellt: Kosovo erreicht dabei lediglich Platz 70  – von 72 untersuchten Ländern insgesamt. Nur Algerien und die Dominikanische Republik erzielten schlechtere Resultate.

Der PISA-Koordinator Andreas Schleicher machte es in Bezug auf die Leistungen der Schüler in Kosovo gegenüber dem Internetportal „Prishtina Insight“ deutlich: Die schlechtesten 10% der Schüler in Portugal, Estland oder auch Slowenien stehen auf einem Niveau mit den besten 10% in Kosovo.

Das kosovarische Bildungsministerium in Prishtina. Foto: BIRN

Der kosovarische Bildungsminister Arsim Bajrami sagte auf einer Pressekonferenz dazu, dass Kosovo „die Ergebnisse akzeptiert und diese auch nicht bestreiten wird. Sie waren nicht unerwartet.“ Er hält die Entscheidung an PISA teilzunehmen aber nach wie vor für richtig. „Es war eine mutige Entscheidung und eine Selbstverpflichtung, die Qualität der Bildung in unserem Land zu erhöhen.“

Bajrami setzt auf die 2011 eingeleiteten Reformen: „Im Jahr 2018, wenn die Ergebnisse unserer Arbeit zu sehen sein werden, werden wir mit europäischen Ländern vergleichbar sein“, sagte Bajrami. Nur steht zu befürchten, dass auch diese von internationalen Experten, darunter auch die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) konzipierte Bildungsreform, die sich mehr oder minder die Realitäten des Schulalltags zu berücksichtigten verweigert, daneben greift. Das Rahmenkonzept ist kaum anschlussfähig, so die Kritiker. Es lässt Lehrende und Lernende zugleich mit ephemeren Erwartungen und hohlen Phrasen im Regen stehen. Es hat in den oberen Etagen des Ministeriums viel Energie und Ressourcen in Anspruch genommen; unten, im Klassenzimmer, hat es eher zu verwirren und zusätzlich zu frustrieren vermocht.

Dreh- und Angelpunkt einer guten Bildungsarbeit sind motivierte Lehrerinnen und Lehrer, bestätigt PISA-Koordinator Andreas Schliecher gegenüber „Prishtina Insight“. „Die Lehrer müssen ermächtigt werden, solche Reformprozesse zu gestalten; aber das kann nur geschehen, wenn sie auch wissen, was von ihnen erwartet wird – und wenn sie auch die notwendige Unterstützung bekommen, effektiv zu lehren.“

Minister Bajrami unterstrich ebenfalls die Bedeutung des Lehrpersonals und appellierte wage, „sich einem Wandel von einem klassischen zu einem modernen Lehrer zu öffnen, was auch bedeutet, sich den neueste Informationstechnologien gegenüber zu öffnen.“ Was genau hinter dieser Aussage steckt beliebt abzuwarten, aber es klingt leider so, als würde er die Lösung darin sehen, den internationalen Experten in ihrem Faible für das Digitale zu folgen.

Die Dorfschule in Kokaj zeigt die Realitäten, die eine Bildungsreform berücksichtigt müsste. Foto: Wikipedia/Planeti

Dabei wird vernachlässigt, dass das gesamte Lehr- und Lernumfeld im Kosovo oft miserabel ist. Anhaltende Strom- und Heizungsausfälle, fehlende Räumlichkeiten, Mehrschichtsysteme und schlechte Bezahlung der Lehrkräfte, um nur einige der Faktoren zu nennen, beeinträchtigen das Lehren und Lernen. Auch die weit verbreitete Armut im Land ist für die Bildung nicht ohne Bedeutung. Wohlhabende Familien umgehen das Bildungschaos, indem sie ihre Kinder auf Privatschule schicken.

Ein Computerraum einzurichten und die digitale bzw. die digitalisierte Schule auszurufen schießt daneben: Es ist auch sinnlos, solange die Schülerinnen und Schüler nicht über die Kompetenzen verfügen, um diese Computer auch effektiv einzusetzen – von den Lehrenden ganz abgesehen, die ohne grundlegende berufliche Weiterbildungen gleichwohl damit überfordert wären.

Das ist nicht zu sagen, dass Jugendliche im Kosovo nicht mit Technologie umgehen können „Das Schulsystem dort,“ so die Reaktion eines in Deutschland studierenden Kosovoalbaners, „heißt Facebook, Instagram und Snapchat. Ein Wettbewerb, in dem der mit dem größten Spargeltarzan-Bild und die mit dem DickstenBooty-Bild die beste Note bekommt.“ Man kann die Schuld für die derzeitige Misere also nicht nur dem Bildungsministerium anlasten oder den internationalen Beratergremien – und am wenigsten den z.T. noch im ehemaligen Jugoslawien ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern. Auch die Schülerinnen und Schüler sind gefragt – und gewissermaßen die Gesellschaft als Ganzes.

Das zeigen auch die Diskussionen zu diesem Thema in den sozialen Medien: Da wird die Oberflächlichkeit und auch die mangelnde Selbstkritik nicht nur der jungen Menschen im Kosovo gegeißelt; sie interessieren sich nicht für Bildung sondern nur für das „schnelle Geld“, „dicke Autos“ und „attraktive Partner“. Auch das Wissen, dass man als Lehrer vor allem auf dem Dorf „dem Kind des eigenen mahalles (alb.= Viertels bzw. Sippe) keine schlechte Note geben kann“ wird als Problem erkannt, „sonst wird man nicht mehr zum qaj (alb.= Tee) eingeladen.“ Aber nicht nur das gesellschaftliche Umfeld und die Bestechlichkeit – im Kleinen wie im Großen – spielt eine Rolle. Ebenso wichtig und demotivierend ist die Tatsache, dass egal wie die Schülerinnen und Schüler in der Schule abschneiden, sie im Kosovo nur wenig Aussicht auf eine Arbeitsstelle haben (und wenn doch, dann nicht weil man in der Schule gute Leistungen gebracht hat).

Viele Eltern weichen aus gutem Grund auf private Schulen aus. Foto: USAID

All das bedeutet nicht, dass die Schüler in Kosovo dumm sind. Ganz im Gegenteil. Die vielen  Kosovarinnen und Kosvaren die in Deutschland erfolgreich studieren – darunter viele mit einem kosovarischen Schulabschluss – sind der Beweis dafür, dass das PISA-Ergebnis nur ein Teil der Realität abbildet. Es scheint eher eine Frage des nicht abberufenen Potentials zu sein.

Insofern haben die kosovarischen Bildungspolitiker womöglich geschickt agiert, als sie sich für die Teilnahme an der PISA-Studie entschieden haben. Sie wussten ja, dass die Ergebnisse schlecht sein würden. Vielleicht hoffen sie, dass das Ergebnis so viel Empörung nach sich zieht, dass die Menschen sich an der eigenen Nase fassen und sich ernsthaft mit der Bildung im Kosovo auseinandersetzen. Erforderlich ist nicht nur ein größeres Budget für Bildungsinfrastruktur, Bibliotheken, Bildungsprogramme für Lehrkräfte und weiteres mehr. Vielmehr muss ein Umdenken in der Bevölkerung stattfinden, eine andere Haltung bezüglich Schule und Bildung als solches. Von den vielen Baustelen im Land sollte die Bildung erste und höchste Priorität haben. So auch Andreas Schleicher, der es auf den Punkt bringt: „Das Schulsystem von heute ist die Wirtschaft und Gesellschaft von morgen.“

Andere Beispiele zeigen, so Andreas Schleicher weiter, dass eine schnelle Verbesserung möglich sei: „Einst war Brasilien das schwächste Land im PISA-Test. Es war ein Schock, aber seitdem zeichnet sich Brasilien als eines der sich am schnellsten verbessernden Bildungssysteme weltweit ab“.

Man muss aber gar nicht das Beispiel Brasiliens bemühen. Ein Blick nach Albanien reicht um zu sehen, was möglich ist, wenn man sich ernsthaft bemüht: Albanien nimmt seit 2000 an den PISA-Evaluierungen teil, lag zuerst auch ganz hinten, auch an drittletzter Stelle. Im Jahr 2012 rangierte Albanien auf Platz 56 unter den knapp über 70 teilnehmenden Ländern. Aktuell hat sich Albanien nochmals verbessert und liegt mittlerweile auf Platz 51 weltweit. Diese Entwicklung wurde von Helene Skikos, Balkan-Koordinatorin in der Generaldirektion Bildung und Kultur der Europäischen Kommission, mit Blick auf Albaniens Annäherung an die EU als „fantastische Leistung“ quittiert.

 

 

 

 

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