Wir sollten eher auf Antigone hören – Jeton Nezirajs „Kosovo for Dummies“

12. November 2016 | Von | Kategorie: Berichte
Kosovo for Dummies, mit Albana Agaj, Gunther Kaindl, Ursula Staeubli, Robert Baranowski, Nadim Jarrar. Autor: Jeton Neziraj, Regie: Johannes Mager. (Yoshiko Kusano)

Kosovo for Dummies, mit Albana Agaj, Gunther Kaindl, Ursula Staeubli, Robert Baranowski, Nadim Jarrar. Autor: Jeton Neziraj, Regie: Johannes Mager. (Yoshiko Kusano)

Er wird ständig unterbrochen, der Autor, als er sein Werk präsentieren will: „Kosovo for Dummies“. Nicht Jeton Neziraj, Autor des gleichnamigen Theaterstücks, das am 11. November 2016 in Leipzig Deutschlandpremiere gefeiert hat, nein, sondern Herr Schmidt, der Autor des Werkes im Werk. Herr Schmidt hat sich vorgenommen, in den Kosovo zu reisen und ein Buch zu schreiben über dieses Land, von dem keiner etwas weiß.

Er wird ständig unterbrochen, der Autor, als er sein Werk präsentieren will. Zuerst von Salal, dem türkischen Dönerbudenbetreiber, der sich ganz unwohl dabei fühlt, wenn er nicht nach einem möglichen Bombengürtel abgetastet wird. Am Ende steht er, um seine Unschuld vorsorglich zu unterstreichen, in seiner Unterhose da. Dann erscheint noch die leicht verwirrte und arg malträtierte Frau mit Hund. Sie kommt zu spät zur Lesung und muss sich wortreich entschuldigen.

Herrn Schmidts „Kosovo for Dummies“ ist in drei Kapitel eingeteilt. Das erste lautet „Kosovo for Dummies“ und soll die ganz Dummen ansprechen, die nicht mal wissen, ob Kosovo in Afrika oder Lateinamerika liegt. Im zweiten, auch „Kosovo for Dummies“ überschriebenen Kapitel möchte Herr Schmidt diejenigen ansprechen, die schon eine Ahnung davon haben, dass das Land nicht hinterm Mond liegt. Im dritten und letzten Kapitel spricht er die Kulturelite an, die mindestens zehn Stunden am Tag in der Bibliothek sitzt. Dieses dritte und letzte Kapitel heißt wiederum: „Kosovo for Dummies“.

Was soll das? Was will Jeton Neziraj uns damit sagen? Warum meint Herr Schmidt ein solches Buch schreiben zu können? Schreiben zu müssen?

Um Kosovo geht es letztendlich ja gar nicht in „Kosovo for Dummies“. Kosovo ist hier nicht mehr als ein Platzhalter. Es geht um hier und dort. Es geht um den Irrsinn der Flucht. Es geht um die junge Antigone – aus einer inzestuösen Ehe geboren und sich den Gesetzen widersetzend – eine Geflüchtete. Der Beamte Hartmann will sie abschieben. Herr Schmidt will sie retten.

Antigones Geschichte wird über etwa 100 Minuten vielschichtig erzählt, man kann sich vor augenzwinkernden Querverweisen kaum retten, auch wenn diese manchmal etwas dick aufgetragen werden.

Die ganze Zeit habe ich gedacht (wie bei der einen oder anderen Veranstaltung im vergangenen Jahr auch, in der es um Flucht und Vertreibung ging), es säßen die Falschen im Saal. Dort saßen die liberalen Theaterbesucher, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben, die die für Liberale eben richtige Haltung haben und sich ggf. auch für diese Haltung gegenseitig feiern. Es sollten stattdessen diejenigen dort auf der Tribüne sitzen – so habe ich gedacht –, die sich noch keine oder nicht ausreichende Gedanken über das Thema gemacht haben.

Aber nein, auch die liberale Kulturelite gehört zu den Dummies. Das hat Herr Schmidt schon richtig erkannt. Nur ist es nicht Herr Schmidt aus seiner bequemen Vogelperspektive, der den Dummies die Welt erklären sollte. Man sollte schon eher auf Antigone hören – und nicht nur in Sachen Flucht, wie in den letzten Tagen wieder mehr als deutlich wurde.

Jeton Neziraj war zur Vorstellung in Leipzig am Freitagabend da – es wurde ursprünglich abgesprochen, so erzählt er, dass man dem Stück einer kleinen Diskussionsrunde anhängt. Es wurde dann aber dagegen entschieden. Das halten die Zuschauer, so die Meinung der Festivalleitung, mit einer Spielzeit von knapp 100 Minuten und dem Verzicht auf eine Pause kaum aus. Da kann ich nur zustimmen. Der Kopf brummte. Aber auch Jeton Neziraj war mit dem Kopf viel weiter. Er wird noch am Wochenende mit einem Berliner Choreographen nach Prishtina zurück fliegen, um die nächste Inszenierung vorzubereiten. Und eine ziemlich weit gereifte deutsche Übersetzung seines jüngsten Stücks lag auch noch auf dem Tisch im Theatercafé. Er bleibt viel beschäftigt, der Jeton Neziraj.

Andreas Hemming

 

 

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