Gjirokastras versteckte Kleinode

20. September 2016 | Von | Kategorie: Berichte

Shen Mihali/St. Michaelskirche (auch Erzenegelkirche genannt)

Shen Mihali/St. Michaelskirche (auch Erzenegelkirche genannt)

Reiche Gebäudebemalung, Ziermauerwerk, enge Gässchen, dörflich angehauchtes Alltagsleben, versteckte Kirchen und unbekannte Ausblicke – Wer sich auf eine kleine Entdeckungstour einlässt, der kann in Gjirokastra Dinge entdecken, die vielen Touristen sonst entgehen.

Ein Besuch der Welterbestadt Gjirokastra steht bei vielen Albanienreisende weit oben auf der Liste – und das völlig zu Recht. Neben den Basarstraßen am und um Qafa e Pazarit, der imposanten Burganlage und diversen Einzeldenkmalen, wie etwa dem Zekate-, dem Angonate-, dem Skendulate-, sowie dem Fico– oder dem Kadare-Haus, gibt es unter den 56 Einzel- und über 500 Ensembledenkmalen aber auch eine ganze Reihe Kleinode, die nur selten von Touristen aufgesucht werden. Viele davon fallen davon schlichtweg aufgrund ihrer Lage am Rande der touristischen Kernzone aus dem Standart-Programm. Wer aber den Weg zu ihnen über das durchaus fußläufig zu bewältigende Welterbeareal auf sich nimmt, wird mit Ein- und Ausblicken in verschiedene noch wenig entdeckte architektonische und stadtgeschichtliche Besonderheiten belohnt.

Zu erwähnen wären hier z.B. die beiden historischen orthodoxen Kirchen der Stadt. Die Verklärungskirche St. Sotir (1784) im Stadtviertel Pazari i Vjetër (also dem „Alten Bazar“) birgt nicht nur eine prächtige Perspektive auf den Stadtteil Hazmurat, das sich auf dem nächstgelegenen nördlichen Bergsporn befindet, sondern wenn man Glück hat und die Tür nicht verschlossen ist, auch eine bezaubernde Innenansicht. Gleichzeitig liegt die Kirche im ältesten Teil der Altstadt. Dieser entstand nachdem die Siedlungsfläche (von der heute nur noch archäologische Funde) zeugen innerhalb der schützenden Burgmauern nicht mehr ausreichte. In dem noch relativ geschützten und sehr steilen Gebiet am nord-östlichen Sporn des Burgberges entstanden dort im 17. Jhd. die ersten Wohngebäude. Die zweite Kirche, welche Baudenkmal ist und zum Welterbes gehört, ist die St. Michaelskirche (Alb: Shën Mihali, auch Erzengelkirche genannt). Sie liegt außerhalb des Welterbeareals und ist schwer zu finden, da sie inzwischen von verschiedenen Hochhausbauten in der Neustadt eingebaut ist. Sie stammt ursprünglich von 1776 und wurde nach einem Brand im Jahr 1833 neu errichtet. Zu erreichen ist sie über den Hinterhof eines Gymnasiums, am Südwestende des Boulevards 18 Shtatori, wenn man kurz vor der Rr. Gole Gushi nach Norden abbiegt.

Ebenfalls nur sehr selten werden die „hinter“ bzw. südlich der Burg gelegenen Stadtteile Manalat und Cfakë sowie einige außerhalb der Welterbe-Kernzone liegende Denkmale in diesem Areal besucht. Und dennoch gibt es hier einiges bestaunens- und wissenswertes über Gjirokastra zu entdecken. Dabei ist die Tatsache zu beachten, dass zu den 56 Einzeldenkmalen der Stadt nicht nur die prächtigsten Gebäude gezählt wurden, sondern bereits in den 1960er Jahren bei der Klassifizierung der Denkmale von Prof. Emin Riza darauf geachtet wurde, möglichst alle Entwicklungsphasen der gjirokastriter Architektur einzufangen. Diese Stadtteile sind es auch, die zusammen mit dem Gebiet Namens Dunavat II das „rurbane“ Gjirokastra darstellen. Denn mit seinen kleinen, teilweise eher Pfaden gleichenden Gässchen und den großen Grundstücken, die von Gärten mit allerhand Obstbäumen und Gemüsebeeten umgeben sind, vermitteln diese Stadtteile eher dörflichen Charakter. Gleichzeitig befinden sie sich aber in einem unmittelbar urbanen Umfeld.

Wandebmalungen am Kikino-Haus

Wandebmalungen am Kikino-Haus

Man erreicht das Gebiet über mehrere Wege: So z.B. bei der Anfahrt zur Altstadt vom südlichen Kreisverkehr an der SH4 auf die Rr. Gjin Zenebis(h)i. Dort vor der kleinen Brücke links abbiegen (Rr. Reshat Isufati oder Rr. Qani Shehu). Sehr bald trifft man in Cfakë rechter Hand dann auf das Muhedini-Haus mit seinem beeindruckenden Eingangstor, dessen Dach auf vier Säulen ruht. Folgt man der Straße nach Westen, erreicht man im Stadtviertel Manalat die beiden Gebäude namens Llaçi und Baboçi, die den einfachsten, rechteckigen Gebäudegrundrisstyp der gjirokastriter Architektur repräsentieren. Dazu gehört auch die sog. Stera a Baboçëve aus dem Jahre 1784, einer der ehemals vielen Zisternen, die auch heute noch in manchen Haushalten und Nachbarschaften die Wasserversorgung garantieren. In nächster Nähe befindet sich auch das sog. Sinojmeri-Haus, welches bis heute mit historischen Wandschränken und Kassettendecken ausgestattet ist. Zuletzt erreicht man noch weiter westlich, irgendwo zwischen den Stadtvierteln Manalat und Dunavat II und einer Abzweigung der Rr. Bule Naipi folgend das Kikino-Haus (erbaut 1825). Dieses beindruckende, einflügelige Wehrtum-Haus besticht vor allem durch seine reiche Fassadenbemalung aus floralen Elementen, die typisch für die damalige Zeit im osmanischen Reich waren. Bemerkenswert ist auch eine gemalte Alltagszene der gjirokastriter Bevölkerung. Ebenso sehenswert ist das aufwändige Ziermauerwerk um den Altan des Gebäudes, welches den Reichtum der Bauherren unterstreicht.

Historischer Wandschrank im Sinojmeri-Haus

Historischer Wandschrank im Sinojmeri-Haus

Ein weiteres Kleinod Gjirokastras liegt im Stadtteil Meçite, nur unweit der touristischen Hauptattraktionen um das Basarviertel. Die sog. sieben Quellen (7 Krojet) bilden dabei eines der herausragendsten städtebaulichen Ensembles der Altstadt. Der wasserreichste Punkt der Stadt zeichnet sich durch sieben verschiedene Quellaustritte auf engstem Raum aus. Jede einzelne ist eingefasst und teilweise noch mit arabischen Plaketten übertitelt. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass in direkter Nähe noch eines der wenigen osmanischen Badehäuser (Hamam) Albaniens liegt. Es ist unverkennbar an den Runddächern zu erkennen. Ebenfalls befindet sich dort noch eine ehemalige Moschee mit geschleiftem Minarett, welche, ebenso wie Teile des Hamams, aktuell als Wohnhaus genutzt wird. Die dicken Stahlrohre um die sieben Quellen sind heute noch der Ort, an dem täglich die kommunale Wasserversorgung in der Altstadt für wenige Stunden zu- bzw. für weite Teile des Tages abgeschaltet wird. Zu erreichen ist das Ensemble z.B. über die Rr. Jonuz Cuci, entweder vom Sheshi Cerciz Topulli oder von der Rr. Alqi Kondi kommend. Ein spannender Rückweg zum Sheshi Cerciz Topulli ergibt sich über die Rr. Meçite.

 

 

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