Albanien auf der Friedenskonferenz 1919-1920

24. September 2016 | Von | Kategorie: Bücher

Muin Ҫami, Marenglen Verli: Shqipëria në Konferencën e Paqes 1919-1920 (Albanien auf der Friedenskonferenz 1919-1920). 756 S. „Kristalina KH“. Tirana 2015.

EPSON MFP imageWohl in keinem der kleinen europäischen Länder ist der Verlauf der Geschichte so sehr von der geografischen Verortung und damit verbundener fremder Begehrlichkeiten geprägt worden wie in Albanien. Die vorliegende umfangreiche (albanischsprachige) Monografie verdeutlicht das anhand eines für die Geschicke des jungen albanischen Staates dramatischen Zeitabschnitts. Ging es doch darum, die erst 1912 von 500- jähriger osmanischer Herrschaft errungene und nach Ende des Ersten Weltkrieges bedrohte Unabhängigkeit und territoriale Integrität zu bewahren.

Das Land war nach Beendigung des Weltkrieges von Truppen der siegreichen Entente besetzt, obwohl es weder mit dem Kriegsausbruch etwas zu tun hatte noch mit einem der gegnerischen Blöcke verbündet war. In dem im April 1915 in London vereinbarten Geheimvertrag war vorgesehen, Albanien zwischen Italien sowie den Balkannachbarn Griechenland und Serbien aufzuteilen, um diese für ein Zusammengehen mit der Entente gegen die Mittelmächte zu gewinnen. Von dem 1913 durch die Großmächte ohnehin schon stark beschnittenen Staat wäre lediglich ein Torso mit einer Einwohnerzahl von 250.000 Menschen in Mittelalbanien von der Vjosa bis zum Mati übrig geblieben.

Die Albaner erhofften sich von der Friedenskonferenz, wie die Autoren herausstellen, den Abzug der fremden Besatzungstruppen, vor allem jedoch Unterstützung, um der Zerstückelung und dem drohenden Verlust der Selbständigkeit Albaniens zu entgehen. Genährt wurden diese Hoffnungen durch die bei Kriegseintritt der USA von Präsident Woodrow Wilson verkündeten Prinzipien, wonach allen Völkern, ob groß oder klein, dasRecht auf ihre wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit, auf Freiheit und eine demokratische Entwicklung eingeräumt werden sollte.

Der Verlauf der Friedensverhandlungen verdeutlichte indessen, dass die albanischen Wünsche und Vorstellungen nicht als selbständige Angelegenheit behandelt wurden. Ҫami und Verli belassen es nicht bei dieser Feststellung. Sie hinterfragen das und untersuchen umfassend undüberzeugend, warum die albanische Frage ein Bestandteil der so genannten Adriafrage war, bei deren Lösung die fünf Siegermächte, insbesondere Italien, Frankreich und Großbritannien, nach dem Ausscheiden des Rivalen Österreich-Ungarn eine Neuregelung der Grenzen sowie die Befriedigung der Sicherheitsinteressen zu ihren Gunsten und ihrer Verbündeten im Adriaraum auf Kosten albanischer Territorien anstrebte. In Paris konnten die Vertreter der im Dezember 1918 gebildeten albanischen Regierung mündlich oder schriftlich nur dann auftreten, wenn sie von einer der Großmächte eingeladen wurden. Sie orientierten sich daher auf die italienische Diplomatie, die ihrerseits beabsichtigte, die Repräsentanten aus Albanien für die eigenen Ziele einzuspannen.

Die Autoren analysieren in sieben Kapiteln gestützt auf einen reichen Quellenfundus detailliert die Ereignisse und das komplizierte Geflecht unterschiedlicher Interessen und Widersprüche sowohl zwischen den Großmächten untereinander – beispielsweise zwischen Italien und den USA, was sogar zu einem zeitweiligen Rückzug der italienischen Delegierten aus Paris führte – als auch auftretende Gegensätze zwischen den Anrainerstaaten der Adria. Sie beschreiben die innere und äußere Lage Albaniens am Vorabend der Friedenskonferenz (Kapitel I), die Position Italiens, das darauf beharrte, die Festlegungen des Londoner Geheimvertrages durchzusetzen, sowie die Ansprüche Griechenlands auf Gebiete in Südalbanien und Jugoslawiens (SHS-Staat) im Norden Albaniens (Kapitel II).

Aufschlussreich werden die griechischen Grenzforderungen in der Kommission für griechische Angelegenheiten (Kapitel III) und die Debatten um die Befriedigung der Ansprüche Italiens und Jugoslawiens durch Abtretung albanischer Territorien (Kapitel IV) behandelt. Ebenso werden die antialbanischen Memoranden und Vereinbarungen zwischen Italien und Griechenland im Juli 1919 und das amerikanisch-französisch-britische Memorandum vom 9. Dezember 1919 (Kapitel V) untersucht. Breiten Raum nehmen die Reaktionen der albanischen Regierungsdelegation und anderer Vertreter politischer Richtungen aus dem Land in Paris (Kapitel VI) und die Pläne der Friedenskonferenz vom Dezember 1919 und Januar 1920, die auf die Umsetzung des Londoner Geheimvertrages zielten, ein (Kapitel VII).

Gründlich beschäftigen sich Ҫami und Verli mit dem Wirken der albanischen Delegierten auf der Friedenskonferenz, was in der bisherigen Forschung wenig beleuchtet worden ist. Nachdem Turhan Pasha, der sich durch seine Abhängigkeit von Italien diskreditiert hatte, im April 1919 aus der Regierungsdelegation ausgeschieden war und der katholische Bischof von Lezha, Mgr. Luigj Bumçi, die Leitung übernommen hatte, richtete sich deren Verhandlungsstrategie – unterstützt von Abgesandten aus dem Land und der Diaspora – darauf, dass die Großmächte endlich etwas zur Lösung der albanischen Angelegenheiten unternehmen und das Land nicht nur als Kompensationsobjekt für die Regelung der Adriafrage ansehen. Die angeführten historischen, ethnisch-geografischen wie wirtschaftlichen Faktoren und Argumente fanden allerdings keine Berücksichtigung.

Die Autoren zeichnen die Veränderungen nach, die sich angesichts der Entscheidungen der Konferenz in der albanischen Öffentlichkeit vollzogen. Mit einem untrüglichen Gespür für die daraus resultierende dramatische Situation beschreiben sie das Aufbranden der Nationalbewegung im Jahre 1920, die mit dem Kongress von Lushnja im Januar und dem bewaffneten Aufstand patriotischer Freiwilliger in Vlora im Sommer fremde Streitkräfte aus dem Land vertrieb und erreichte, dass die Unabhängigkeit von den Großmächten und dem Völkerbund Ende 1920 anerkannt werden musste.

Das Buch basiert auf einer Vielzahl unveröffentlichter und gedruckter Dokumente nationalerwie internationaler Provenienz. Im Anhang wird auf rund 300 Seiten – teilweise erstmals in albanischer Sprache – eine große Zahl aus albanischen, französischen oder italienischen Archiven sowie aus zeitgenössischen persönlichen Erinnerungen damaliger diplomatischer Vertreter abgedruckt.

Der Band wird abgeschlossen mit zahlreichen Illustrationen, Kartenmaterial und Fotos albanischer und internationaler Akteure. Ebenso wurde eine instruktive Zusammenfassung in englischer Sprache, ein Personen- und Ortsverzeichnis aufgenommen, die das Verständnis und den Zugang für Nutzer erleichtern.

Der Neuwert der Monografie ist darin zu sehen, dass die Autoren im Unterschied zu Arbeiten in der Vergangenheit, die stark von ideologischen Prämissen bestimmt waren, eine differenzierte und wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung des Themas vorgelegt haben – eine Arbeit, die für künftige Forschungen Maßstäbe setzt. Nicht von ungefähr findet das Buch hohe Wertschätzung in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit Albaniens, auf Veranstaltungen der Akademie der Wissenschaften und in Rezensionen.

Zu der sachlichen Besprechung des Bandes sei eine biografische Anmerkung zu den Autoren hinzugefügt:

Muin Ҫami (1923-2011) gehörte zu jener Historikergeneration, die Grundlagen für eine eigenständige Geschichtswissenschaft im Lande schuf. Geboren in Gjirokastra, einer Stadt mit reichen historischen und kulturellen Traditionen, nahm er als Jugendlicher aktiv am Widerstandskampf gegen die faschistische Okkupation Albaniens teil. Nach dem Geschichtsstudium in Tirana beschäftigte er sich am Akademie-Institut für Geschichte vorrangig mit der nationalen und demokratischen Bewegung während des Ersten Weltkrieges und in den zwanziger Jahren. Aus seiner Feder stammt eine Reihe von Aufsätzen, monografischen Veröffentlichungen und Dokumentenpublikationen zur Problematik. Er war Mitautor der Geschichte Albaniens, Bd. II (1965) und Bd. III (1984). In jahrzehntelanger Forschungs- und Quellenarbeit bereitete er die Monografie vor, die schon Ende der achtziger Jahre zu einem guten Teil vorlag. Die Veränderung des politischen Systems in Albanien nach 1990 sowie der sich verschlechternder Gesundheitszustand verzögerte jedoch eine rasche Veröffentlichung.

Im Oktober 2011, nur wenige Wochen vor seinem Tod, vertraute er das Projekt seinem Kollegen Marlen Verli (Jg 1951) an und bat ihn, es zu Ende zu führen. Dieser erfüllte das Vermächtnis des verdienstvollen Historikers, indem er das Manuskript durch das Kapitel VII ergänzte, die Auswahl der Dokumente besorgte und die aufgrund des neuen Forschungsstandes notwenigen wissenschaftlichen Arbeiten für die Drucklegung ausführte.

Muin Ҫami sei an dieser Stelle in memoriam für die uneigennützige und kollegiale Unterstützung, die er dem Absolventen der Universität Tirana angedeihen ließ, ausdrücklich gedankt.

Erwin Lewin

 

 

 

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