Neu im Bücherregal: State-Building und Demokratisierung im Kosovo

5. August 2016 | Von | Kategorie: Bücher

Dashnim Ismajli: State-Building und Demokratisierung im Kosovo – Eine Herausforderung für die internationale Gemeinschaft. E-book 412 S. Saarbrücken 2016. ISBN: 978-3-639-88489-0

IsmailiState-Building: eine politische Vision
Demokratisierung: ein Prozess in „die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen“
Der Kosovo: ein Pulverfass

Diese drei Elemente, verbunden mit meiner provokativen Beschreibung, weisen auf ein äusserst unwegsames Terrain hin. Genau in diese scheinbare Unwegsamkeit begibt sich aber das von Dashnim Ismajli verfasste Werk State-Building und Demokratisierung im Kosovo – Eine Herausforderung für die internationale Gemeinschaft, welches 2016 vom Akademikerverlag herausgegeben wurde. Darin werden verschiedene Aspekte des schwierigen Staatsbildungsprozesses der Republik Kosovo untersucht; dies mit Bezug auf das Engagement der internationalen Akteure.

Zu Beginn führt der Autor den Leser mittels einer Einleitung und der Beschreibung des Untersuchungsgegenstandes in die Thematik ein. Danach erläutert er die theoretischen Grundlagen seiner Arbeit, insbesondere die Entwicklung der internationalen Friedenssicherung. Hier wird ausführlich auf die Konzepte zur Erhaltung bzw. Konsolidierung des Friedens eingegangen, wobei die friedenserhaltenden Missionen in ihren jeweiligen Versionen und ihrem Bezug zur weltpolitischen Lage erläutert werden. Sodann folgt eine Darlegung der verschiedenen Aspekte der Staatsbildung, die den Aufbau eines funktionsfähigen Staates ermöglichen.

Anschließend wird die jüngere Entwicklung des Kosovo behandelt: Den Anfang macht die jugoslawische Staatskrise von 1981, welche u.a. auch politische Unruhen in der – damals jugoslawischen – Provinz Kosovo auslöste, weswegen der Ausnahmezustand über das kosovarische Territorium verhängt wurde. Danach wird auf die Bildung des Schattenstaates Kosovo durch die mehrheitlich albanischen Bürger dieser Provinz eingegangen, als Folge der Aufhebung ihres Autonomiestatus. Als nächstes werden die späteren, bewaffneten Auseinandersetzungen bzw. der Krieg dargelegt, welche mit einem Friedensschluss der Konfliktparteien endeten. Sodann wird auch die durch den UN-Sicherheitsrat beschlossene Einsetzung einer zivilen Übergangsverwaltung (UNMIK) und die Entsendung einer NATO-geführten Friedenstruppe (KFOR) erörtert; zwei Maßnahmen, die den Kosovo vorläufig zu einer Art Protektorat der Vereinten Nationen machten. Vorderhand sollte die wirtschaftliche Lage des Landes verbessert werden, weswegen die politischen Ereignisse vom Grundsatz „Standard vor Status“ geprägt waren. Abgerundet wird dieses Kapitel mit einer Beschreibung der Anstrengungen zur Unabhängigkeit und der einseitigen Ausrufung der souveränen Republik Kosovo.

In einem weiteren Teil kommen dann die verschiedenen Mitwirkenden, die ihren Beitrag zur Staatenbildung und zur Demokratisierung geleistet haben, zur Sprache. Vordergründig sind dies internationale, aber auch lokale Akteure und Institutionen.
Schließlich werden auch einige negative Einwirkungsfaktoren der politischen Kultur Kosovos erläutert: Organisierte Kriminalität, familiäre Strukturen und Klientelisierung der Gesellschaft sowie Korruption.

Im Bereich rund um das Thema der Staatenbildung scheinen die Prozesse im Kosovo ein viel verwendetes Beispiel zu sein. Dies weil gegenwärtig 194 Staaten Mitglied der Vereinten Nationen sind und sich deshalb schon konsolidiert haben; lediglich bei 13 weiteren Staaten, Nationen, Ländern oder Territorien ist die Staatseigenschaft umstritten bzw. unklar, ob eine Assoziierung zu anderen Staaten besteht. Deshalb erscheint mir auch der Inhalt des oben erwähnten Werkes treffend gewählt sowie die diesbezüglichen Informationen reichhaltig. Letztere sind jedoch manchmal etwas unstrukturiert und verwirrend, was schade ist, da so dieser Untersuchung eine höhere Bedeutung beigekommen wäre. An erster Stelle ist hier der Aufbau zu bemängeln, weil etwa im Kapitel der Theorie die Gliederung etwas zufällig gewählt erscheint. Zudem ist der Gedankengang des Autors nicht klar genug. Deswegen wären im Text mehr Hinweise oder auch die eigene Meinung wünschenswert, damit der Leser sich nicht verliert und letztlich auch den Standpunkt des Autors erfährt. Inhaltlich hingegen ist das Werk sehr reichhaltig an Informationen. Interessant erscheinen Anmerkungen, wie etwa diejenige, dass politische Parteien im Kosovo persönliche Interessen vor den nationalen stellen oder dass die Lage im Kosovo zwar stabil, aber explosiv sei. Bemerkenswert sind auch der Einbezug zahlreicher Lehrmeinungen und der Umfang der verwendeten Literatur. In Bezug zum letzten Aspekt wirken jedoch die manchmal als Quellen angegebenen (lokalen) Zeitungen weniger wissenschaftlich. Trotz dieser kritischen Punkte kann den grundlegenden Zielen dieser Untersuchung gefolgt werden. Die Sprache ist verständlich und erleichtert so den Zugang zur komplexen Thematik. Unangenehm auffallend sind jedoch die zahlreichen Sprachfehler, die sich im Text eingeschlichen haben. Für den Leser mühsam sind auch die stellenweise unzähligen Wortwiederholungen sowie die teilweise inkohärenten Schreibweisen.

Abgesehen davon wurde aber meines Erachtens im Werk:
Die Vision des State-Buildings beschrieben – und dies umfassend.
Die Regierungsform der Demokratie gebührend gewürdigt – immer noch besser als alle anderen.
Das Pulver im Fass verortet – jedoch nicht angezündet.

Damit wurde nicht nur eine Spur in vermeintlich unwegsame Gebiete gelegt, sondern ein wissenschaftlicher Weg eröffnet, den nachzugehen, es sich lohnt. Deswegen ist auch die Lektüre v.a. für die Fachleute zu empfehlen.

Burim Ramaj, Freiburg i.Ue.

 

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