Dritëro Agolli: Den sozialistischen Idealen treu geblieben

15. Juni 2016 | Von | Kategorie: Bücher

Thomas Kacza: Dritëro Agolli – Literat und Intellektueller in zwei Systemen. 44 S. brosch. Privatdruck. Bad Salzuflen 2016

Kazca_AgolliThomas Kacza hat in diesem Jahr erneut eine sehr bemerkenswerte Schrift über eine albanische Persönlichkeit – den Schriftsteller Dritëro Agolli – vorgelegt. Für diese Fleißarbeit aus Recherche und aussagekräftiger Zusammenfassung ist ihm Dank zu sagen. Vor allem, weil er damit erstmals in deutscher eine umfassende Würdigung des Menschen Agolli publiziert. Leider aber nur im Privatdruck, was der Verbreitung und öffentlichen Wahrnehmung doch sehr hinderlich sein dürfte. Nach der Lektüre dieser Schrift möchte ich neben Dank und Lob, jedoch auch ein „Aber“ sowie ein „Und“ beifügen.

Zunächst zum „Aber“. Abgesehen von der Kleinstauflage eines Privatdruckes, eine Untergliederung in Kapitel oder mit Zwischenüberschriften wäre für Lesbarkeit und das Verständnis der Lebensabschnitte Agollis von Vorteil gewesen. Außerdem hätten dem Text (43 Seiten „Bleiwüste“) und ebenfalls dem Verständnis einige Illustrationen gut getan: Fotos von Agolli und Repros ausgewählter Buchumschläge.

Kacza unternimmt mit dem Leser einen informativen Streifzug durch Agollis Lebens, das am 14. Oktober 1931 als Sohn einer armen Bauernfamilie begann. Er „gehört damit einer Generation an, deren Lebensweg auf nachhaltige Weise von der (…) sozialistischen Umgestaltung Albaniens beeinflußt wurde“. Schon als Neunjähriger unterstützte er die kommunistischen Partisanen im antifaschistischen Befreiungskrieg; nach deren Sieg erhielt Agolli die Möglichkeit zu höherer Schulbildung und von 1952 bis 1957 gehörte er zu den ersten 100 Albanern, die zu einem Hochschulstudium in die Sowjetunion delegiert wurden. Dieses Studium der Journalistik und Literaturwissenschaft schloss er mit Bestnote ab und arbeitete danach bis 1972 in Tirana als Journalist bei der Perteizeitung „Zeri i Popullit“.

Schon als Schüler hatte Agolli erste Gedichte geschrieben; auch in seiner Redakteurstätigkeit verfaßte er Gedichte und bereits erste Romane. Als produktiver freischaffender Schriftsteller legte er bis heute ein breitgefächertes Werk vor: Gedichte, Erzählungen und Romane, Essays und Dramen sowie Übersetzungen aus dem Russischen; von den Romanen sind auch einige verfilmt worden. Nur wenig davon wurden in beiden deutschen Staaten bekannt und das ist leider bis heute so geblieben.

Aber Agolli war nicht nur Künstler, sondern wie viele Intellektuelle der ersten Generation in den sozialistischen Ländern auch ein politischer Mensch: Von 1973 bis 1992 war er Vorsitzender des albanischen Schriftstellerverbandes. In der Volksrepublik wurde er außerdem Abgeordneter des Parlamentes und Mitglied des Zentralkomitees der Partei der Arbeit Albaniens (PAA).

Von Ansehen und Resonanz von Agolli und seinem Werk (aber auch vom Stellenwert der Literatur im sozialistischen Albanien insgesamt) künden in Kaczas Schrift sogar einige Zahlen. So schreibt er auf Seite 15, dass sein Versepos „Mutter Albanien“ (1976) eine Auflage von fast 100.000 Exemplaren erreichte – und das bei damals deutlich weniger als drei Millionen Einwohnern. Seinerzeit habe die durchschnittliche Auflage von Werken der Lyrik bei 2.500 Exemplaren und die von Prosawerken bei 10.000 gelegen. Von solchen Auflagenzahlen, nebenbei bemerkt, können heute in Deutschland die meisten Autoren nur träumen.

Agolli erwarb sich hohes Ansehen, so dass er einer der ganz wenigen bis dato führenden Parteimitglieder war, die nach der Restauration kapitalistischer Verhältnisse auch in einem anderen politischen System in verantwortliche Positionen gewählt worden sind: ins Zentralkomitee der „Sozialistischen Partei“ ebenso wie ins Parlament.

Dennoch verschweigt Kacza die Kontroversen um Künstler und Werk vor 1990 und danach keinesfalls. Allerdings gerät hier manches zu oberflächlich und geschieht von bundesdeutscher Warte herab.

Von Anfang an stellt Kacza den Schriftseteller und politischen Menschen Agolli in Relation zu Ismael Kadare, dem anderen herausragenden Schriftsteller Albaniens. Letzterer wurde allerdings im Ausland bekannter als Agolli. In diesen Vergleichen kommt jedoch Agolli trotz seines loyalen und aktiven Engagements für Sozialismus und Volksrepublik besser weg. Er sei seinen Idealen treu geblieben und habe versucht, diese im Alltag wie in den politischen Funktionen auch zu leben, während Kadare sich erst in letzter Minute als Dissident und Antikommunist zu stilisieren versuchte, obwohl er in der Volksrepublik materielle Privilegien sichtlich genossen hat.

Auf den Inhalt von Kaczas – trotz des oben erwähnten „Abers“ – empfehlenswerter Schrift soll hier nicht weiter eingegangen werden – schließlich soll diese Besprechung ausdrücklich zum Erwerb derselben anregen!

Damit will der Rezensent zum „Und“ kommen. Denn Kaczas Schrift regte ihn als DDR-sozialisierten Kulturwisenschaftler zum Nach- und Weiterdenken an. Weniger zu Agolli und dessen Schaffen, sondern zu einigen allgemeinen Fragen und Themen – die eigentlich alle einst sozialistisch orientierten Staaten betreffen.

Das betrifft die Schwierigkeiten der „Westler“, der „Wendehälse“ und der Nachgeborenen mit seinerzeitigen Begriffen (wie „sozialistischer Realismus“) sowie zumeist einseitig subjektiven Betrachtungen. Da wird immer, wenn es um diese Länder geht, von „Kommunismus“ oder „kommunistisch“ gesprochen. Aber üblich war die Selbstbezeichnung als „sozialistisch“, was etwas anderes und realistischer ist.

Und speziell zu Albanien kommt der Rezensent mit seiner DDR-Biographie zu der Einschätzung „roher Frühsozialismus, der aus äußeren und inneren Faktoren heraus zu Deformationen in der Gesellschaft führte“. Am besten wäre es, von den Jahren 1944 bis 1990 die sachlichere und objektivere Bezeichnung „volksrepublikanische Zeit“ zu gebrauchen. Und so fehlt auch bei nicht wenigen Bewertungen Kaczas Albaniens und des politischen Wirkens Agollis damals doch das Einfühlungsvermögen in die konkreten gesellschaftlichen Verhältnisse. Er und andere sehen zu oft nur Äußerlichkeiten, lassen aber Hintergründe und Zusammenhänge außer Acht.

Die einen wollen in den einstmals sozialistisch orientierten Gesellschaften nur eine Unterdrückungsgeschichte sehen, die anderen beklagen, dass doch nicht alles schlecht war. Wiederum andere meinen, es hätte eine ideale Gesellschaft sein müssen und weil sie es nicht war, verdammen sie nun ihre einstigen Idole. Und Kulturpolitik wird nur als Zensur verstanden. Aber; was ist denn heute und hierzulande ein Autor ohne (s)einen guten Verlagslektor? Und man sollte sich stets hüten, in reale Geschehnisse eigene Vorurteile bzw. eigene Unkenntnis hinein zu interpretieren. Das Leben in jeder Gesellschaft und in jedem Staat besteht eben nicht nur aus Schwarz und Weiß und es verläuft auch nicht konfliktfrei wie nach einem Rezeptbuch oder in einem „Utopia“: Widersprüche und Konflikte bestehen immer, es kommt nur darauf, wie man diese lösen will. Und wenn es um Künstler geht, dann spielen dazu außerdem noch persönliche Eitelkeiten, Missgunst etc. eine nicht unwichtige Rolle.

Ja, auch zu solchen Gedanken hat die Lektüre von Thomas Kaczas biographischer Annäherung an Dritëro Agolli geführt. Und nicht zuletzt zu diesem Resümee: Es müssen wohl noch eine oder zwei Generationen folgen, um Geschichte und die seinerzeit agierenden Menschen wirklich vorurteilsfrei und in all ihren Facetten betrachten zu können.

Diese Rezension ist parallel auf www.freigeist-weimar.de erschienen.

Die Broschüre ist nur hier über die DAFG zu beziehen.

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