In der nächsten Ausgabe der Albanischen Hefte: Ein Gespräch mit Osman Shahini vom kosovarischen Diaspora-Ministerium

18. Mai 2016 | Von | Kategorie: Albanische Hefte

Nach Schätzungen des kosovarischen Diaspora-Ministeriums wohnen 450.000 Albanerinnen und Albaner in Deutschland und weitere 300.000 in der Schweiz. Seit 2011 zeichnet sich das neugegründete Ministerium dafür zuständig, den Kontakt mit der Diaspora zu verstärken, derzeit zu etwa 100 albanischen und kosovarischen Organisationen in 19 Ländern, überwiegend in Deutschland, in die Schweiz und nach Schweden. Stephan Lipsius hat mit Staatssekretär Osman Shahini über die Arbeit des Minsiteriums gesprochen.

Das Interview erscheint hier in verkürzter Form. Das vollständige Interview wird in der nächsten Ausgabe der Albansichen Heften erscheinen.

Foto: Stephan Lipsius

Foto: Stephan Lipsius

Frage: Herr Staatssekretär, könnten Sie uns bitte zu Beginn des Gesprächs Ihr Ministerium mit einigen Angaben zur Struktur und zu der Anzahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kurz vorstellen?

Osman Shahini: Unter den Ressorts im Kosovo sind wir das jüngste. Das kosovarische Diaspora-Ministerium wurde im Jahr 2011 zu Beginn der zweiten Amtszeit der Regierung Hashim Thaçi etabliert. Derzeit besteht unser  Ministerium aus den fünf Abteilungen „Finanzen und Verwaltung“,  „Bildung und Kultur“, „Rechtsabteilung“, „Kulturzentren“ sowie „Investitionsförderung aus der Diaspora“. Unser Ministerium beschäftigt derzeit 67 Personen.

Frage: Über welches Budget verfügt das Diaspora-Ministerium und wie werden die finanziellen Mittel bislang eingesetzt und verwendet?

Osman Shahini: Unser Budget betrug im Jahr 2015 etwa 1,6 Millionen EURO. Davon standen uns etwa 900.000 EURO für Projekte und Maßnahmen im Sinne der Aufgabenstellung unseres Ministeriums zur Verfügung. Die restlichen 700.000 EURO entfielen auf laufende Verwaltungskosten im weitesten Sinne. Insgesamt gut 130.000 EURO flossen ins Ausland. Wie Sie sehen, sind unsere finanziellen Möglichkeiten sehr begrenzt. Die finanzielle Ausstattung unseres Ministeriums wird der Bedeutung der albanischen Diaspora, gerade auch in wirtschaftlicher Hinsicht, damit bei weitem nicht gerecht.

Frage: Mit wie vielen albanischen bzw. kosovarischen Organisationen steht Ihr Ministerium im Ausland in Kontakt und auf welchen Staaten liegt der Schwerpunkt bei den Arbeitsbeziehungen?

Osman Shahini: Zunächst möchte ich in diesem Zusammenhang betonen, dass wir seitens unseres Ministeriums nicht zwischen albanischer und kosovarischer Diaspora unterscheiden. Dies wäre in der Praxis auch kaum möglich, da in vielen Vereinen im Ausland Albaner mit familiären Wurzeln aus allen albanischen Siedlungsgebieten auf dem Balkan Mitglied sind. Unser Ministerium unterhält derzeit in 19 Ländern zu etwa 100 albanischen und kosovarischen Organisationen Kontakt, wobei unsere Beziehungen nach Deutschland, in die Schweiz und nach Schweden am intensivsten sind.

Frage: Gibt es Unterschiede im Organisationsgrad und in der Form der Organisation zwischen Staaten mit alter und neuer albanischer Diaspora? Nicht zuletzt durch die wirtschaftlich bedingte Emigration leben Albaner inzwischen ja fast in allen Staaten der Welt.

Osman Shahini: Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Nach unseren Eindrücken hat die Frage der Organisation weniger mit dem Zeitpunkt der Entstehung der Diaspora und den verschiedenen Emigrationswellen der Albaner als vielmehr mit dem jeweiligen Kulturkreis der Zielländer zu tun.

Frage: Können Sie uns Ihre Erfahrungen an einigen Beispielen ein wenig konkretisieren?

Osman Shahini: Generell lässt sich feststellen, dass etwa im arabischen Raum und im Nahen Osten der Assimilierungsdruck deutlich höher ist, als etwa in Westeuropa. Nehmen Sie das Beispiel Ägypten, wo nach Schätzungen aus den 1990er Jahren mehr als drei Millionen Bewohner ursprünglich albanisch stämmig sind, dies den Betreffenden jedoch zum größten Teil gar nicht mehr bewusst ist. Ein weiteres Beispiel ist Syrien, wo vor dem Krieg etwa 10.000 Albaner vorwiegend in Damaskus lebten, von denen übrigens etwa 1.000 inzwischen im Kosovo Zuflucht gefunden haben. In beiden Ländern haben wir keine Ansprechpartner und unterhalten dementsprechend auch keine Kontakte. Eine positive Entwicklung gibt es jedoch aus dem Libanon zu vermelden. So wurde letztes Jahr in Beirut ein kosovarischer Kulturverein gegründet.

Frage: Werfen wir einen Blick nach Europa. Schon hinsichtlich der rein zahlenmäßigen Größenordnungen der albanischen Diaspora in den jeweiligen Ländern ist das Bild ja alles andere als einheitlich.

Osman Shahini: Nicht nur hinsichtlich der Anzahl von Albanern gibt es beachtliche Unterschiede zwischen einzelnen europäischen Ländern. Auch die Bedingungen in den Staaten selbst sind sehr verschieden. Nehmen wir die Türkei. Angesichts einer geschätzten Zahl von etwa fünf Millionen Albanern ist der Organisationsgrad dort sehr gering und nur wenige Albaner pflegen ihre nationale Identität, da die türkische Politik auf Assimilation ausgerichtet ist. Schwierig ist aus verschiedenen Gründen traditionell auch die Lage der Albaner in Griechenland, wobei inzwischen vor allem die angespannte Wirtschaftslage des Landes wenig Raum für den Erhalt der albanischen Kultur lässt und viele Albaner sich aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit zur Rückkehr in ihre Heimatländer gezwungen sehen. In anderen Fällen behindert wiederum die fehlende völkerrechtliche Anerkennung der Unabhängigkeit Kosovos eine intensivere Kooperation, was etwa für Rumänien und die dort etwa 10.000 lebenden Albaner gilt. Daneben gibt es Länder wie Belgien mit gut 60.000 oder Frankreich mit etwa 30.000 Albanern, aber eben auch Staaten wie die Tschechische Republik mit 5.000 oder Ungarn mit weniger als 2.000 Albanern.

Frage: Herr Staatssekretär, wie sieht die Lage der albanischen Diaspora in den Staaten West- und Nordeuropas, in den USA oder auch in Argentinien aus?

Osman Shahini: Zu den etwa 50.000 Albanern in Argentinien, unter denen sich auch eine größere Anzahl von eingewanderten Arbëreshen aus Italien befindet, haben wir bislang keine Verbindungen. Die Behörden in Tirana unterhalten jedoch entsprechende Kontakte. Hervorragend vernetz und teilweise auch politisch sehr aktiv sind traditionell die Albaner in den USA. Ausdrücklich erwähnen möchte ich die guten Bedingungen in Schweden, wo allein im Großraum Malmö etwa 30.000 Albaner leben. In der Förderung des muttersprachlichen Albanisch-Unterrichts an den Schulen des Landes ist Schweden wirklich vorbildlich.

Frage: In den klassischen Emigrationsländern leben Albaner bereits teilweise seit mehreren Generationen. Nimmt in diesen Fällen die Bindung an die Heimatländer nicht weitgehend von allein ab und damit nicht auch die Nachfrage nach einem muttersprachlichen Albanisch-Unterricht?

Osman Shahini: Es ist richtig, dass mit der Zeit durch Assimilation und andere Faktoren die Bindungen schwächer werden. Allerdings beobachten wir in diesem Zusammenhang sehr unterschiedliche und teils auch gegensätzliche Entwicklungen. Durch die sozialen Medien wie etwa Facebook werden auch  Kontakte und Verbindungen in die Heimatländer intensiviert und teilweise sogar neu begründet. Das ist ein interessanter Prozess. Auf der anderen Seite gehen wir als Ministerium auf unsere Landsleute im Ausland aktiv zu und werben für eine freiwillige Registrierung.

Frage: Wie viel Albaner aus der Diaspora wurden bislang von Ihrem Ministerium registriert?

Osman Shahini: Eine Registrierung ist sowohl online im Internet als auch an einem Stand unseres Ministeriums am Flughafen Prishtina möglich. Im Jahr 2014 wurden etwa 38.000 Albaner aus dem Ausland registriert. Im Jahr 2015 betrug die Zahl der neu registrierten Auslands-Albaner gut 230.000 Personen, wobei monatlich allein am Flughafen Prishtina durchschnittlich 15.000 Personen neu erfasst wurden. Erfragt werden bei der Registrierung beispielsweise auch Angaben über den Bildungsabschluss. So verfügen etwa 30.000 der bislang registrierten Auslands-Albaner über einen Universitätsabschluss, wovon wiederum 2.000 Personen weltweit als Professoren tätig sind. Ab dem Jahr 2017 wird allerdings nur noch eine Online-Registrierung möglich sein.

Frage: Nach einem Beschluss der kosovarischen Regierung sollen in sechs Ländern offizielle kosovarische Kulturzentren errichtet werden. Inwieweit wurde das Vorhaben inzwischen bereits umgesetzt?

Osman Shahini: Bislang existieren im Ausland drei staatliche kosovarische Kulturzentren, die unserem Ministerium unterstehen. Als erstes wurde 2012 das Kulturzentrum in der Türkei mit Sitz in Istanbul eröffnet. Ein Jahr später folgten die Zentren in Zürich, das sich im selben Gebäude wie das dortige kosovarische Generalkonsulat befindet, sowie jenes in Halmstad auf halbem Wege zwischen  Malmö und Göteborg in Schweden. Das Kulturzentrum in Schweden ist derzeit jedoch vorübergehend geschlossen. Darüber hinaus gibt es Pläne für die Errichtung von drei weiteren kosovarischen Kulturzentren in den USA, Großbritannien und Deutschland, wobei unserem Ministerium derzeit dafür die notwendigen finanziellen Mittel fehlen. In Deutschland gibt es Überlegungen für ein Kulturzentrum im Ruhrgebiet, da dort kein kosovarisches Konsulat existiert.

Frage: Sie erwähnten bereits, dass Ihr Ministerium nicht zwischen einer albanischen und kosovarischen Diaspora unterscheidet. Wie gestaltet sich vor diesem Hintergrund die Zusammenarbeit mit den albanischen Behörden in Tirana?

Osman Shahini: In Albanien existiert bekanntlich kein Ministerium für die Diaspora. Für die Belange der Auslands-Albaner gibt es in Tirana Abteilungen in verschiedenen Ministerien und Behörden. Wir arbeiten eng mit Albanien zusammen, was beispielsweise auch für unser Praktikumsprogramm gilt, das es im Sommerhalbjahr jeweils zwölf Studierenden aus der Diaspora ermöglicht, ein Praktikum zur Hälfte in unserem Ministerium und zu anderen Hälfte in Albanien zu absolvieren. Aber auch bei der Förderung des muttersprachlichen Albanisch-Unterrichts für die Albaner im Ausland kooperieren wir eng mit Tirana.

 

 

 

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