Neue Analyse der Welterbestätte in Gjirokastra erschienen

8. Mai 2016 | Von | Kategorie: Bücher

Matthias Bickert: Welterbestädte Südosteuropas im Spannungsfeld von Cultural Governance und lokaler Zivilgesellschaft. Untersucht am Beispiel Gjirokastra (Albanien). University of Bamberg Press. Bamberg 2015. Paperback XX, 363 S. (= Bamberger Geographische Schriften 27) ISBN 9783863093006

BickertUnter dem obigen etwas sperrigen Titel hat Matthias Bickert seine umfangreiche Doktorarbeit über die Konzeption und Problematik der UNESCO-Welterbestädte und ihrer Umsetzung auf die lokale Ebene von Gjirokastra vorgelegt. Die Monographie erschien in der Reihe „Bamberger Geographische Schriften“ der Universität Bamberg, deren geographisches Institut sich schon seit vielen Jahren immer wieder mit der Geographie Albaniens beschäftigt. Erst 2008 erschien als Band 23 in derselben Reihe eine Arbeit von Christoph Baumann über Gjirokastra.

In dieser wissenschaftlichen Arbeit von über 360 Seiten überschneiden sich umfangreiche theoretisch/methodische Erläuterungen mit sehr lebensnahen, praktischen Ergebnissen einer mehrmonatigen Feldforschungsarbeit in Gjirokastra. Darin werden die drei Ebenen der Governanz der Welterbestädte, global durch die UNESCO, national durch das Kultusministerium und seiner Behörden, sowie lokal durch Stadtverwaltung und NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen) miteinander in Beziehung gesetzt. Damit möchte Matthias Bickert dazu beitragen, „für die regionalen Spezifika des Kulturerbeschutzes zu sensibilisieren.“ (S. 4) Außerdem streut er ab und zu summarische Exkursionen ein, die zeigen, dass er sich im Zuge seiner Arbeit auch intensiv mit der Geschichte und der sozial-politischen Entwicklung Albaniens beschäftigt hat. Beispielsweise beschreibt er im Abschnitt „Stand der Systemtransformation in Albanien“ (S. 60 ff.) das politische System Albaniens als „defekte“ oder „illiberale“ Demokratie. Bei der Behandlung des Themas Tourismus (S. 283 ff.) geht er zunächst auf die nationale Entwicklung des Tourismus ein und nimmt eine Kurzanalyse seiner Stärken und Schwächen vor.

Zunächst legt der Autor seine Vorgehensweise dar, wie er Situation des deutlich abgegrenzten Welterbegebietes von 162,5 ha in Gjirokastra durch Interviews mit Experten auf nationaler und regionaler Ebene und durch eine sehr intensive Befragung von über 300 betroffenen Bewohnern genauer zu erfassen versucht hat (Fragebogen S. 356 ff.).

Für Albanienfreunde, die sich um den Zustand des Kulturerbes von Gjirokastra sorgen, sind einige Abschnitte dieses Buches besonders interessant: So wird ab S. 150 ff. der Zustand des Welterbegebietes mit 56 geschützten Gebäuden der ersten Kategorie und 560 Gebäuden der zweiten Kategorie genau beschrieben. Die Erhaltung dieser Monumente wird dadurch erschwert, dass dafür völlig unterschiedliche Zuständigkeiten gelten: Die Infrastruktur ist Sache der Stadtverwaltung, die geschützten Wohnhäuser sind Privateigentum, die große Burganlage untersteht der Zentralregierung, und die Sakralbauten gehören den Religionsgemeinschaften. Dieses erfordert einen komplizierten Abstimmungsprozess. Erschwerend kommt hinzu, dass das Nominierungsdokument für das Welterbe von Gjirokastra von 2008 ein „unter Zeitdruck angehäuftes Sammelsurium aus verschiedenen Einzeldokumenten“ (S. 159) darstellt. Angesichts fehlender Erhebungen stützte sich die unter Vermittlung von Ismail Kadare erfolgte Nominierung auf die umfassende Bestandsaufnahme von Emin Riza aus dem Jahre 1960/61. Die gründliche Erhebung des Erhaltungszustandes der Gebäude durch den Autor selbst ergab, dass ca. 50 % durch Umbaumaßnahmen mehr oder weniger schwer verunstaltet sind, dass sich weitere 15 %, die von Minderbemittelten bewohnt werden, in einem desaströsen Zustand befinden, und ca. 10 % der Gebäude bereits zerfallen sind. Die oft für Großfamilien von 30 und mehr Personen errichteten Häuser wurden häufig unter den Erben aufgeteilt mit der Folge, dass die einen Erben beispielsweise einen Flügel des Hauses denkmalsgerecht renoviert, die anderen Erben dagegen den daneben liegenden Flügel mit Anbauten aus Beton (Balkons, Garagen…) völlig verunstaltet haben. Auch wohlmeinende historisierende Umbauten gefährden den Bestand der Denkmäler. Matthias Bickert schildert die Schwierigkeiten bei der Erhaltung des Kulturerbes mit großer Präzision und Anteil nehmender Sorge.

Weitere Kapitel des Buches sind der Kulturgovernanz Albaniens und Gjirokastras gewidmet. Auf globaler Ebene der UNESCO-Verwaltung wird das Informationsdefizit hinsichtlich Südosteuropas insgesamt und Gjirokastras im Besonderen beklagt. Die fehlende Abstimmung zwischen der internationalen und nationalen Ebene in der Verwaltung des Kulturerbes setzt sich fort in Unstimmigkeiten zwischen der nationalen Ebene, vertreten durch das Ministerium für Tourismus (MTKRS), dem Institut für Kulturmonumente (IMK) und dem Nationalrat für Restaurierung (KKR), und der lokalen Ebene, dem Regionaldirektoriat für nationale Kulturgüter (DRKK). In dieses Geflecht unterschiedlichster Zuständigkeiten und Ansprüchen müssen sich nun verschiedene Nicht-Regierungsorganisationen einfügen, wie die Organisation „Cultural Heritage without Borders“, die oft schon seit vielen Jahren in Gjirokastra vor Ort tätig sind. Staatliche Institutionen empfinden die Arbeit der zivilgesellschaftlichen Organisationen häufig als Störung anstatt als Unterstützung, so kommt es zu unterschiedlichen Konkurrenzsituationen. Während die lokalen Organisationen meist durch „Best practice“-Beispiele die Bewohner überzeugen möchten, reagieren die nationalen Behörden lieber mit administrativen Maßnahmen wie Androhung von Geldstrafen bzw. Verstaatlichung vernachlässigter denkmalgeschützter Gebäude.

Die ausführliche Bewohnerbefragung erbrachte interessante Ergebnisse: die Einwohner identifizieren sich mit der „Museumstadt“ Gjirokastra. Trotz infrastruktureller Mängel (Wasser- und Stromversorgung, Abwasserproblemen) ist ein großer Teil der Altstadtbewohner mit ihrer Wohn- und Lebenssituation durchaus zufrieden. Sie stehen dem Welterbe-Konzept überwiegend positiv gegenüber, sind aber darüber nur sehr unzureichend informiert. So werden falsche Erwartungen geäußert dahingehend, dass die UNESCO Häuser und Dächer restaurieren, oder auf Sauberkeit der Straßen achten würde. Bickert unterzieht die 311 vorliegenden Antworten einer genauen Analyse.

Im vorletzten Kapitel werden die Chancen der Welterbestadt Gjirokastra hinsichtlich ihrer touristischen Möglichkeiten erörtert. Bei momentan etwa 30 Besuchern pro Tag spielt der Tourismus eine geringe Rolle, die Kapazitäten des Tourismus sind noch weitgehend ungenutzt. Um diese ausschöpfen, muss ein umfassendes Tourismus-Konzept erarbeitet und professionell umgesetzt werden. Dazu macht Matthias Bickert verschiedene konkrete Vorschläge, wie etwa die Bündelung des Welterbemanagements in einem lokalen Welterbezentrum, dass auch die NGOs mit einbezieht. Um vom derzeitigen Tagestourismus zu einem mehrtägigen Tourismus zu kommen, sollte Gjirokastra und seine Umgebung wesentlich attraktiver gemacht werden. Dazu würde die Schaffung öffentlicher Begegnungszonen gehören, auf denen regelmäßige, ganzjährige Kulturveranstaltungen stattfinden. Bickert hält auch die „Entwicklung eines Genius loci“, möglicherweise um den Schriftsteller Ismael Kadare herum, für wichtig. Am Ende seines Buches steht ein Maßnahmenkatalog für die Kulturgovernanz in Albanien und Gjirokastra (Tab. 19, S. 321).

Das Buch wirft in der Verknüpfung von Problemen des globalen, staatlichen und nichtstaatlichen Managements mit aktuellen Erhebungen über den Zustand des Welterbes und das Befinden seiner Bewohner ein neues Licht auf die Welterbe-Problematik. Somit kann es wohl jetzt schon als ein Standardwerk über Gjirokastra gelten. Auch Leser, die sich nicht in alle Facetten der Kultur-Gouvernement einlesen möchten, finden darin zahlreiche konkrete Analysen, Zustandsbeschreibungen und Lösungsansätze für dieses erhaltenswerte UNESCO-Weltkulturerbe in Albanien.

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