Eine biographische Annäherung an Koço Tashko

31. Mai 2016 | Von | Kategorie: Bücher

Erwin Lewin: Koço Tashko. Ein politisches Leben in Albanien (Biographische Annäherung). 324 S. m.Abb. kart. NORA-Verlagsgemeinschaft. Berlin 2016. 19,90 Euro. ISBN 978-3-86557-388-9

9783865573889Dem ostdeutschen Historiker und Albanologen Erwin Lewin, er studierte von 1956 bis 1961 in Leipzig und Tirana, ist es zu danken, eine Persönlichkeit dem Vergessen unter zwei konträren Regimen entrissen zu haben. Seine im Jahre 2015 vorgelegte „biographische Annäherung“ an Koço Tashko ist aber zugleich ein wertvolles Mosaiksteinchen für eine objektive Zeitgeschichtsschreibung Albaniens in den beiden ersten Dritteln des 20. Jahrhunderts. Denn gerade Koshko, der polyglotte Intellektuelle, Revolutionär und Kommunist, steht für Aufbruch und Enttäuschungen, aber auch für Hoffnungen. Das eint ihn mit vielen Angehörigen seiner Generation, die in ihrem kleinen Land überholte, vorkapitalistische, Strukturen aufbrechen sowie demokratische und revolutionäre Veränderungen durchsetzen wollten.

Wer war nun dieser Koço Tashko? Was führte letztlich zu seinem Scheitern? Warum resignierte er nicht und wurde auch kein „Dissident“? Was kann seine Biographie auch außerhalb Albaniens heute vermitteln? Auf diese u.a. Fragen gründet sich Lewins Versuch der biographischen Annäherung. Als Marxist betrachtet er Tashkos Lebensweg nicht isoliert und er personalisiert / moralisiert auch nicht, wie es heute leider meist üblich geworden ist. Nein, Lewin bettet diesen persönlichen Lebensweg in die gesellschaftlichen Verhältnisse Albaniens ebenso ein wie in die der internationalen Politik jener Zeit.

Koço Tashko kam am 14. Juli 1899 in Fayoum/Ägypten zur Welt. Dorthin war sein Vater ausgewandert, um der Armut in Albanien zu entfliehen. Als patriotisch gesinnter Hotelbesitzer kam er zu Wohlstand, konnte so seinen sechs Kindern eine solide Ausbildung ermöglichen. Koço erwies sich schon früh als begabter Schüler. Sein Bildungsweg führte ihn schließlich in die USA, wo er als Werkstudent bis zum 28. Februar 1921 erfolgreich ein Studium der Verwaltungs- und Wirtschaftswissenschaften an der Harvard-Universität absolvieren konnte. In den USA kam der junge Mann mit patriotischen Vereinen albanischer Emigranten in Kontakt, wurde er politisch aktiv. Zeitweise war er in den USA sogar Konsul für die bürgerlich-demokratische Revolutionsregierung seines inzwischen unabhängig gewordenen Vaterlandes. Doch dort kam es bald zu einem konterrevolutionären Umschwung. Wie andere Patrioten eilte Tashko Mitte der 1920er Jahre nach Europa, wo sich im Exil demokratische und revolutionäre Organisationen gründeten. In der Emigration gewannen linksorientierte Patrioten an Einfluß, viele Organisationen revolutionierten sich. Es ging nun nicht mehr nur um Unabhängigkeit und Demokratie allein, sondern immer mehr kamen soziale Aspekte in den Blick: Ohne Bodenreform und wirtschaftliche Entwicklung gibt es keinen Fortschritt für das zu 80 Prozent aus Analphabeten bestehende albanische Volk. Das führte Tashko folgerichtig nach Moskau, wo er von 1930 bis 1932 die Internationale Lenin-Schule absolvierte. Hier wurde er auch Parteimitglied und Mitglied einer dort gegründeten Gruppe albanischer Kommunisten.

Beruflich wurde Tashko in der Internationalen Roten Hilfe tätig, in Moskau wie in Paris. Ab Mitte der 1930er Jahre setzte er alles daran, legal für einige Zeit nach Albanien einreisen zu können, um dort als Organisator der kommunistischen Bewegung zu wirken. Diese Einreise gelang schließlich sogar. Was nicht gelang, das war die Bildung einer Kommunistischen Partei. Was in einem Land ohne Arbeiterklasse und mit nur wenigen Intellektuellen nicht verwundern darf. Zwar gab es einige kommunistische Gruppen in Korça und Shkodra mit vielleicht 200 Mitgliedern, aber diese waren sektiererisch untereinander zerstritten.

Über diese Zeit verfaßte Tashko mehrere ausführliche Berichte an das Balkan-Ländersekretariat der Kommunistischen Internationale, die im Anhang im Wortlaut abgedruckt sind. Diese Berichte zeigen ihren Verfasser als einen genauen Beobachter und Analytiker der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in Albanien. Ungeschminkt sind auch seine Analysen der kommunistischen Gruppen und ihrer fraktionellen Kämpfe.

Nach der Okkupation Albaniens durch das faschistische Italien wurde die Lage noch schlimmer. Fatalismus griff um sich, aber auch erster Widerstand begann sich zu regen. Tashko, der mittlerweile wieder in Albanien weilte, reihte sich sofort in die Widerstandsbewegung ein. Die Gründung einer Kommunistischen Partei gewann Priorität, ebenso die Bildung einer Nationalen Befreiungsfront aller patriotischen und antifaschistischen Kräfte. Die Gründungsversammlung der Partei fand vom 8. bis 14. November 1941 statt: Ein provisorisches siebenköpfiges Zentralkomitee (ZK) wurde aus solchen Genossen gebildet, die nicht in frühere Fraktionskämpfe verwickelt waren. Auf Vorschlag Tashkos kam auch Enver Hoxha ins ZK, der bis dato nur als Sympathisant aufgefallen war, der aber redegewandt war und im Gegensatz zu den anderen Kommunisten nicht aus einer christlichen, sondern einer muslimischen Familie stammte. Tashko als Emissär der Komintern blieb wegen dieser Funktion außerhalb des ZK, wurde aber später in den Generalrat der Nationalen Befreiungsfront gewählt. Zu Hoxha ist in diesem Zusammenhang zu sagen, daß er ein Führer unter anderen war, aber eben nicht DER Führer und schon gar nicht der Initiator.

Über Parteigründung und Formierung des Widerstandes berichtet Tashko der Komintern im Herbst 1942 ausführlich. Auch dieser Bericht – wie ist er nach Moskau gelangt, ist er überhaupt dorthin gelangt? – stellt eine tiefschürfende Analyse dar. Vor allem die erheblichen Schwächen und die Probleme werden nicht verschwiegen. – Es sind übrigens gerade diese Dokumente, die das Buch so wertvoll und lesenswert machen.

Nach dem Sieg im Befreiungskrieg wurden Koço Tashko wichtige Funktionen in Partei und Staat übertragen. So wirkte er an der Ausarbeitung der Verfassung mit, wurde Abgeordneter und ZK-Mitglied. Er blieb sich aber immer treu, auch wenn die Politik im Grundsatz teilte: ungeschminkt kritisiert er Mißstände und Fehler ebenso wie das Fehlverhalten führender Funktionäre. Als es 1960/61 zum Bruch zwischen der Sowjetunion und Albanien kam, widersetzte er sich erstmals offen. Und so wurde er über Nacht aller Ämter enthoben, unter unwürdigen Bedingungen mit seiner Familie in ein abgelegenes Dorf verbannt, schließlich mit dem Anklagepunkt „Partei- und Volksfeind“ – er ist da bereits 70 – für viele Jahre ins Gefängnis geworfen. 1984 starb er ungebeugt. Seit dem Untergang der Volksrepublik wird Tashko von den neuen Machthabern aber nicht rehablitiert, sondern diesmal als Wegbereiter des Kommunismus diffamiert und totgeschwiegen.

Gerade das Kapitel über seine letzten Lebensjahre liest man mit Trauer und Wut. Wie konnte es nur kommen, daß hohe Ideale und richtige Ziele von einzelnen Funktionären verraten worden sind? Was trieb diese an, persönliche Macht mit terroristischen Methoden über alles andere zu stellen? Lewins Buch mit dem Dokumentenanhang, wie auch zwei andere seiner Publikationen geben darauf Antworten. Antworten auf Fragen, die sich mit Blick auf andere ehemals sozialistisch orientierte Länder und ehemalige Kolonien ebenfalls stellen.

Diese Rezension ist zuerst auf www.freigeist-weimar.de erschienen.

 

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