Dritëro Agollis ‚Zylo‘: Glanz und Elend im Leben eines Kultur-Funktionärs

14. Mai 2016 | Von | Kategorie: Bücher

Dritëro Agolli: Zylo oder die abenteuerliche Reise durch die wundersame Welt von Bürokratien. Satirischer Roman. Aus d. Alban. übersetzt nach der 2. überarb.Aufl. (Tirana 1981) von Oda Buchholz und Wilfried Fiedler. 288 S. geb.m.Schutzumschl. Neuer Malik-Verlag. Kiel 1991. ISBN 978-3-89029-067-1

847340091Zylo-GjermaniHaben vor 1989/90 Menschen in beiden deutschen Staaten überhaupt gewußt, daß es in der Sozialistischen Volksrepublik Albanien – gemeinhin als stalinistische Diktatur verdammt – Satire-Zeitschriften und satirische Romane gegeben hat? Wohl kaum. Das änderte sich erst in den 1990er Jahren, als auch hierzulande in deutscher Übersetzung ein albanischer Roman aus dem Jahre 1973 (!) in den Buchhandel kam. Ein Roman übrigens, der es in sich hat, denn die Kritik an den herrschenden Zuständen in der Staatsbürokratie darin ist mehr als deutlich.

Erzählt wird in diesem Roman das (in nur wenigen Monaten erfolgende) wechselvolle Schicksal des Genossen Zylo, Mitarbeiter der mittleren Leitungsebene im Kulturministerium. Demka, der Ich-Erzähler, hat die gemeinsamen Erlebnisse, ja Abenteuer, – mit jähen Wendungen – in der wundersamen Welt in der Bürokratie des Landes der Adlersöhne aufgeschrieben. Demka wäre zu gerne Schriftsteller oder wenigstens Redakteur einer Kulturzeitschrift. Doch seine Talente können sich nicht in diesen Bereichen entfalten, stattdessen werden sie von Vorgesetzten aller Ebenen ausgenutzt. Ghostwriter nennt man heutzutage das, was Demkas Aufgabe ist. Und so kommt es vor, daß er zu ein und dem selben Anlaß, verschiedene – ja sogar konträre – Redetexte zu schreiben hat – je nach den Wünschen des beauftragenden Vorgesetzten; hier vor allem für Zylo und sogar für den Genossen Q. – Ja, so kann Bürokratie sich auch zeigen. Besonders eng hat das Schicksal Demka mit Zylo verbunden, man kann da sogar von einer Symbiose sprechen.

Zylo, obwohl er sich alle Reden scheiben läßt und diese sogar für sein eigenes Werk ausgibt, ist beileibe kein ungebildeter „Partei-Apparatschik“. Nein, er ist sogar hochintelligent und verfügt über ein profundes Wissen, was Philosophen sowie Schriftsteller, Komponisten und Maler aus ganz Europa betrifft. Statt zu amtieren, würde er zu gerne Essays schreiben.Aber er ist dennoch nur Theoretisierender in seinem Elfenbeinturm, was nicht selten in Phrasendrescherei ausartet oder realitätsfremde Entscheidungen. Das mit der Phrasendrescherei kommt sogar einmal deutlich zum Ausdruck, als mal wieder die Rede auf den hochbegabten Sohn Zylos kommt: Der plappere ja nur die Phrasen seines Vaters nach, die täglich zu Hause zu hören bekomme.

Eine Konferenz, auf der zwei konträre Reden aus Demkas Feder gehalten werden, zeitigt Folgen: Zylo wird befördert, der bisherige Amtsinhaber dafür in die Provinz versetzt. Und auch Zylo zieht es bald in die Provinz, er will eine landwirtschaftliche Genossenschaft inspizieren und sehen bzw. dabei helfen, wie Produktion und Kultur „an der Basis“ miteinander verknüpft werden können. Gerade in diesem Teil kommt es zu komischen, ja absurden Begegnungen. Insbesondere beim Versuch, den Dörflern den gemeinsamen Besuch des neuen Gemeinschaftsbadehauses schmackhaft zu machen. Nun, Bauern sagt man ja eine gewisse Schläue nach und so setzen sie (genauer: eine Bäuerin) Zylo bei einer Feier mittels vieler alkoholischer Toasts außer Gefecht.

In diesem Teil wird sehr deutlich auch die Weltfremdheit des ansonsten so intelligenten Zylo (der ja für die Bürokratie allgemein steht – sein Name Zylo klingt ja beim Wort zyrtar an, und das bedeutet „Funktionär“) aufgespießt. Verlangt er doch von den Genossenschaftsbauern ausgerechnet in der Haupt-Erntezeit, daß sie sich mittels vieler Proben auf Kulturfestivals vorbereiten sollen…

In die Hauptstadt Tirana zurückbeordert, nimmt Zylo gemeinsam mit Theaterkritikern an der Generalprobe eines neuen Stücks teil. Die Meinungen sind geteilt; Zylo spricht sich – eher aus persönlichen Neid-Interessen – für ein Verbot aus. Es erscheint in der Presse dennoch eine positive Kritik und auch der Genosse Q., der ranghöchste Funktionär in dieser Geschichte, ist von dem Stück angetan. Sofort wechselt Zylo seine Meinung und ist jetzt für eine Aufführung… Der Genosse Q. wird übrigens im Roman als einziger nicht beim Namen genannt. Q. steht aber möglicherweise für qendror = Zentrale (das Zentralkomitee der regierenden Partei).

Agolli erlaubt sich hier einen Kunstgriff und läßt Zylo den albanischen Nationalhelden Fan Noli zitieren: „Und Faik hängte seinen Nagel nach dem Wind, was er gestern beschimpfte, lobt er heut‘ geschwind.“ (S. 178) Das kann man sogar als Anspielung auf die jähen Wandlungen der albanischen Politik unter Enver Hoxha lesen…

Nach der Aufführung fahren die Funktionäre gemeinsam mit Künstlern, Journalisten und Ehefrauen zum Urlaub an den Adriastrand. Gerade in diesem Abschnitt ergeben sich viele skurrile Abenteuer: Zylo versucht als Schwimmer, sich beim Genossen Q. einzuschmeicheln; gemeinsam ist allen das Endlosdebattieren über die Kunst im Allgemeinen und im Besonderen. Vor allem aber machen Gerüchte über neue personelle Umbesetzungen die Runde: Wer wird im Ministerium bei schon angedeuteteten Veränderungen auf welchen Posten versetzt, wer gar in die Provinz abgeschoben, geht Zylo etwa bald als Botschafter in die Niederlande?

Dazu beginnt die Ehefrau des Stück-Autors einen offenen Flirt mit Zylo. Letzterer zeigt sich sogar als Retter wehrloser Frauen, indem er einer handgreiflich zu Hilfe eilt, als diese von einem dreisten Kerl belästigt wird. Diese Aktion aber fällt auf, Zylo wird zurückbeordert und… seines Postens enthoben! Doch ihm wird keine neue Aufgabe zugeteilt, auch wird er nicht in Rente geschickt. Und nun beginnt die Gerüchteküche landesweit zu wabern, bilden sich viele einanander auschließende Legenden um Zylo…

Diese zu lesen, bereitet nicht nur Vergnügen, sondern sie werfen sogar ein Schlaglicht auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in Albanien; insbesondere auf die Legenden, die sich nach 1945 um viele der führenden politischen Akteure gebildet hatten. Akteure, die zu oft in Intrigen verwickelt waren, ja, diese selbst inszenierten.

Was man nicht für möglich gehalten haben mag, Agolli spricht sogar mehrfach das Thema Religion an, immerhin hatte sich Albanien 1968 zum ersten (und einzigen) atheistischen Staat erklärt. Sehr deutlich wird das im Teil über Zylos Dorfinspektion, wo er mehrfach einem ehemaligen Derwisch begegnet, der wie drei weitere ehemalige Kleriker nun als Bauer in der Genossenschaft arbeitet.

In einer der Episoden – die Bauern meiden überwiegend das Badehaus, nicht aber der Derwisch – spielt sich dieses ab:
„Wir kamen langsam näher. Der Mann, der an der Ecke des Badehauses wartete, grüßte uns mit einem Kopfnicken. Es war der Derwisch, den wir gestern getroffen hatten.
‚Wie geht’s Derwisch?‘, begrüßte ihn Genosse Zylo.
‚Gut, bei Allah!‘
‚Wieder dieses bei Allah!‘, stöhnte Genosse Zylo.
‚Du nanntest mich Derwisch, und ich sage bei Allah. Ich heiße Abdullah Myllaymeri.‘
Genosse Zylo lachte.“ (S. 114)

Es folgt ein Dialog übers Baden und dessen Häufigkeit, in welchem jedoch der Derwisch das letzte Wort hat: „‚Speisen mit Salz – Salzen mit Maß‘, gab der Derwisch zurück.“ (S. 114)

Der ehemalige Derwisch pocht hier nicht nur auf sein Recht, als Mitbürger und Werktätiger respektvoll mit seinem Namen angesprochen zu werden. Nein, verschmitzt gibt er zu verstehen, daß man es mit allem übertreiben kann. Und mit Zwangsmaßnahmen jeder Art, nicht nur gegen die Religionen und deren Geistliche, wurde ja seinerzeit im Namen des Sozialismus wirklich, nicht selten tödlich, übertrieben.

In einem Dialog zwischen dem Genossenschaftsvorsitzenden und dem Funktionär aus dem Ministerium heißt es, weil einzig der Derwisch in der Lage und willens ist, als Instrumentalist im Laienorchester mitzuwirken, u.a.:
„‚Ich kann den Derwisch einfach nicht auf die Bühne lassen, Genosse Zylo!‘
‚Er ist kein Feind!‘
‚Ein Feind ist er nicht, aber eine lächerliche Figur. Sobald er die Bühne betritt, werden die Leute sich vor Lachen ausschütten.‘
‚Mögen sie doch lachen! Das Lachen ist eine Eigenschaft des gesunden Menschen. Oder hast du je einen Kranken lachen sehen? Der Derwisch braucht unbedingt ein Hobby. Ansonsten verfällt er wieder der Leidenschaft seines Glaubens. Die Leidenschaft der Musik muß die Passion des Glaubens besiegen!'“ ( S. 123)

Im Ministerium wird später an einer Studie gearbeitet. Selbst an dieser Stelle des Romans gibt es bemerkenswerte Aussagen Zylos, die so gar nicht zu einem Funktionär der Hoxha-Zeit passen:
„‚Es handelt sich um einige negative Beispiele im Zusammenhang mit der Erhaltung und Pflege von Kulturdenkmälern, um Mißstände, die einem überall ins Auge springen. (…) In einem völlig desolaten Zustand befinden sich die alte Kirche von Perondia und die Muradie-Moschee in Vlora. Vom Erdboden verschwunden ist die ehrwürdige Kirche von Vau i Dejes, wo einst sogar Ndre Mjeda die Messe zelebrierte. (…) Wir müssen die Denkmäler schützen, Demka! An ihnen werden häufig schändliche Frevel begangen.'“ (S. 256 – 257)

Obwohl Agolli sich in seinem gesamten Schaffen ohne Einschränkung für den Atheismus einsetzt, so äußert er doch hier durch seinen Helden Zylo überaus deutliche Kritik an den Methoden der Religionsbekämpfung in der Enver-Hoxha-Zeit.

Bemerkenswert ist, daß Agolli seinen Protagonisten Zylo, wenn es um Fragen der Religionen geht, nicht abgehoben weltfremd, gar nicht als stupiden Exekutor unsinniger Partei- und Regierungsbeschlüsse agieren läßt. Ja, Zylo darf an anderer Stelle gegenüber Demka sogar dieses äußern:
„‚Glaube ja nicht, Demka, daß die Worte, die ich sprach, einem heidnischen Gedanken Ausdruck verleihen oder einer pantheistischen Idee. (…) Hüte dich jedoch davor, jeden in einem bestimmten Augenblick getanen Ausspruch in den starren Rahmen der Theorien zu pressen! Ich bin weder ein Heide noch ein Pantheist! Ich bin nur ein Mensch, der sich von der Natur berauschen läßt.'“ (S. 127)

Da stellt sich sogar die Frage ein, ob hier nicht gar indirekt Kritik an dem in starren Rahmen (Dogma) gepreßten „Marxismus-Leninismus“ a la J.W. Stalin und Enver Hoxha geübt wird.

Übrigens und so ganz nebenbei mit Augenzwinkern, Agolli kann man wohl eine gewisse Prophetie nicht absprechen. Denn in einem der zahllosen Zylo-Essays sieht er (vor über 40 Jahren) den Gender-Unsinn unser Tage, und diesen köstlich aufspießend, vorweg:
„Warum gibt es für die Pflanzenwelt keine männlichen und weiblichen Namen, wie beispielsweise für die Hunde? Den männlichen Hund nennen wir Rüde und den weiblichen Hündin. Warum sagen wir nicht Eich und Eichin? Könnte nicht der männliche Baum Eich heißen und der weibliche Eichin?“ (S. 50)

Im Klappentext des Verlages heißt es: „Dieser temperamentvolle Roman vereint Farce, Frechheit und feinfühlige Ironie zu einer witzigen Anklage gegen Machtmißbrauch, Wichtigtuerei und Hochmut und beweist eine Allgemeingültigkeit, die weit über Albanien hinausgeht.“ – Der Rezensent kann nach eigener Lektüre diese Wertung ohne Wenn und Aber bestätigen!

Agollis Werke gelten in seiner Heimat als feinsinnig und von großer sprachlicher Schönheit und werden bis heute gelesen. Vor allem dieser satirische 1973 erschienene Roman „Zylo oder die abenteuerliche Reise durch die wundersame Welt von Bürokratien“ [zunächst als Fortsetzungsroman in einer Satire-Zeitschrift (!) abgedruckt] ist in Deutschland nur noch antiquarisch zu erhalten. Dieses Werk wirbelte viel Staub auf und wurde als amüsante Kritik an der Bürokratie in seinem Lande allgemein geschätzt. Und, auch das muß gesagt werden: Der Autor wurde seinerzeit – also zu Lebzeiten Enver Hoxhas – keinen Repressalien ausgesetzt, sondern das Buch erlebte sogar Nachauflagen…
Dritëro Agolli (geb. 1931) studierte nach dem Abitur in den 1950er Jahren in Leningrad Publizistik. Danach arbeitete er zunächst als Journalist in der Hauptstadt Tirana. Aus seiner Feder stammen Gedichte, Novellen, Romane, Theaterstücke und Filmdrehbücher. Von 1973 bis 1992 war Agolli Vorsitzender des albanischen Schriftstellerverbandes.

Diese Rezension ist zuerst auf www.freigeist-weimar.de erschienen

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