„Zauberhaftes Albanien“ – Eine Kritik

17. April 2016 | Von | Kategorie: Berichte

POCUTF8_17522169370_Original_DaccordVor einigen Tagen hat sich Leonora Gasi sehr positiv über der Film „Zauberhaftes Albenien“ geäußert. Ich bin dagegen von dem Film ziemlich enttäuscht.

Wie es der Titel schon ausdrückt, werden die unbestreitbaren Schönheiten des Landes vorgestellt. Dabei betreten die Regisseure aber auch nur die bekannten Pfade, die nahezu jeder Reisegruppe geboten werden, andere vielleicht noch interessantere Punkte werden nicht erwähnt. Auch die aktuelle Bedrohung der albanischen Natur durch Umweltsünden aller Art, Müllentsorgung und Verschmutzung, illegale Rodungen und wilde Bebauung von Hotels und Privathäuser wird so gut wie nicht problematisiert. So wurde die Schönheit der Tauchreviere durch Dynamitfischen erheblich beeinträchtigt. Darüber hinaus ist der Film sehr arm an wirklichen landeskundlichen Informationen hinsichtlich der bestehenden sozialen und wirtschaftlichen Probleme.

Mir scheint, dass der Film sehr schnell und ohne viel Recherche abgedreht wurde. Schon der Aufhänger „letzter weißer Fleck in Europa“ wird seit 30 Jahren so penetrant wiederholt, dass diese dumme und falsche Phrase einfach nur noch weh tut. Im Film gibt es nahezu keine albanische Ortsbezeichnung oder Begriff, der nicht völlig verquer und falsch ausgesprochen würde, ob das nun Skipe:ria oder Drin(n) ist. Ein wenig Respekt vor er eigenen Sprache sollte man dem „zauberhaften Albanien“ schon erweisen.

Anstatt das sozialistische System damit zu kritisieren, wo es schwerste Fehler begangen hat – Wirtschaftsentwicklung, Menschenrechte, Demokratie – werden falsche Behauptungen unkritisch kolportiert: etwa, dass zur sozialistischen Zeit kein Ausländer Albanien besuchen konnte. In den 1970er und 1980er Jahren haben jährlich zwischen 2000 und 15.000 Ausländer – gewiss nur in Gruppenreisen – Albanien besucht. Auch die Behauptung der Teppichknüpferin, sie habe als Kind keine Schule besuchen dürfen, weil sie Teppiche herstellen musste, erscheint mir wenig glaubhaft, denn auf (Schul-)Bildung, besonders der Frauen und Mädchen, wurde gerade zur sozialistischen Zeit großer Wert gelegt. Auch die Behauptung, dass „nur die Parteielite“ Zutritt zum Syri i kalter, also zum „Blauen Auge“  gehabt habe, ist schlichtweg falsch. Ich selbst war zur sozialistischen Zeit mit Reisegruppen regelmäßig dort. Für die Parteielite gesperrte Zonen gab es nur in Golem (Durres), in Pogradec am See und in Drilon. Auch, dass in Shkodra „vor allem Katholiken“ leben, stimmt nicht. Shkodra stellt sich zwar das Zentrum des nordalbanischen Katholizismus dar, dennoch sind drei viertel der Einwohner (9 von 12 historische Mahalla) moslemischer Herkunft.

Etwas mehr Sorgfalt hätte dem Film gut getan. So bietet er ein unvollständiges, um nicht zu sagen unrealistisches Bild auf das heutige Albanien. Deshalb halte ich den Film nur für bedingt empfehlenswert.

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Ein Kommentar auf "„Zauberhaftes Albanien“ – Eine Kritik"

  1. Hans-Joachim Lanksch sagt:

    Ich kann mich Jochen Blanken nur anschließen. Die Schnitzer, die sich die Autoren erlaubt haben, sind sicher nur Insidern aufgefallen. Was aber jedem Zuschauer aufgefallen sein dürfte, ist, dass er von dem Zauber des „Zauberhaften Albanien“ so gut wie nichts zu sehen bekommen hat. Die Autoren haben sich so gut wie jede Möglichkeit entgehenlassen, die Naturschönheiten, den Zauber von Städten wie Korça, Berat, Gjirokastër, den kulturellen Reichtum Albaniens einzufangen. Wenn sie an spektakulär schönen Stellen waren, haben sie die lieb- und lustlos mit beliebigen Allerweltsbildern heruntergedreht und – zack weiter an den nächsten Platz, den ihnen ihre einfallslosen albanischen Rechercheure empfohlen haben. Das Ganze war in dem Stil gedreht und kommentiert, wie man vor 40 Jahren Länder-Features gedreht hat: ‚wir kommen nach XY, wo wir FF treffen, der als xyz arbeitet….‘. Uninformiert, uninteressiert, altmodisch, lieblos – mit einem Wort: eine Katastrophe! Wer lässt sich schon zu einer Reise in ein Land von einem Film inspirieren, der uns das Land als arm und rückständig vorstellt??? Ganz zu schweigen davon, dass sich die Autoren nicht einmal kundig gemacht haben, wie man albanische Namen ausspricht. Armes „Skipéria“ und armer „Orit-See“ usw.!!

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