Der letzte seiner Generation: : Kristo Frashëri ist gestorben

11. Februar 2016 | Von | Kategorie: Kalenderblatt
Kristo Frashëri. Foto: wikipedia

Kristo Frashëri. Foto: wikipedia

Wer den schweren Mann mit seinen eher groben Gesichtszügen zum ersten Mal sah, hätte meinen können, einen Bauern im Ruhestand vor sich zu haben, der die meiste Zeit seines Lebens rechtschaffen auf dem Feld in der Genossenschaft zugebracht und nicht allzu viel von der Welt gesehen und erfahren hatte. Nichts könnte falscher sein. Denn in dem sehr langen Leben, das jetzt sein Ende gefunden hat, spiegeln sich die Umbrüche und Wechselfälle, die Albanien seit seiner Unabhängigkeitserklärung durchgemacht hat, besonders aber die Konflikte, die die Entstehung einer albanischen Intellektuellenschicht geprägt, behindert und ermöglicht haben.

Man muss seinen Freunden dankbar sein, dass sie ihn genötigt haben, seine Lebenserinnerungen niederzuschreiben, die vom Akademie-Verlag veröffentlicht wurden (Jeta e një historiani. Tirana 2014). Er schreibt im Vorwort, er habe dazu keinen Anlass gesehen, weil er keine bedeutende Persönlichkeit, kein Staatsmann oder bedeutender Wissenschaftler sei. Letzteres ist ein Bescheidenheitstopos erster Güte, denn, vielleicht mit Ausnahme von Aleks Buda, hat kein albanischer Historiker das Geschichtsbild seines Volkes stärker beeinflusst als er. Und was er Buda voraus hatte, war seine ungeheure Produktivität, die buchstäblich bis an den Rand des Grabes anhielt. Wollten wir eine vollständige Liste seiner Veröffentlichungen bringen, müssten wir Kristo Frashëri eine Sondernummer dieser Zeitschrift widmen.

Er wurde am 4. Dezember 1920 als Kristo Totoni in Istanbul geboren, also zu einem Zeitpunkt, als der albanische Staat dabei war, sich nach dem Besatzungschaos des I. Weltkriegs neu zu organisieren. Erst später nahm die Familie den Namen ihres Herkunftsortes Frashër an. 1927 übersiedelte sie aus der Türkei nach Albanien. Als Gymnasiast in Tirana erlag er – anders als viele junge albanische Intellektuelle – nicht den Verlockungen des Faschismus, sondern schloss sich der illegalen kommunistischen Korça-Gruppe an. Einen wissenschaftlichen Niederschlag dieses Engagements stellt seine Monographie über die linke Bewegung in Albanien dar (Historia e lëvizjes së majtë në Shqipëri dhe e themelimit të PKSH-së 1878-1941 (Vështrim historik me një shtojcë dokumentare). Tirana 2006). Dieses Buch ist umso wichtiger, als diese Thematik eher von ausländischen Wissenschaftlern wie Erwin Lewin als von albanischen Forschern behandelt wird; dadurch ist die Deutungshoheit durch die offizielle Parteigeschichte (Instituti i Studimeve Marksiste-Leniniste pranë KQ të PPSH (ed.): Geschichte der Partei der Arbeit Albaniens. Tirana 1971, 2. Aufl. 1982) nicht gebührend hinterfragt worden.

Dass er später zur „Gruppe der Jungen“ (einer oppositionellen kommunistischen Organisation, die sehr bald aus der 1941 gegründeten PKSH herausgesäubert wurde) wechselte, tat ihm nicht gut. Auch er flog 1942 aus der Partei heraus, bleib aber Partisan. Nach dem Krieg arbeitete er zunächst in der Staatsbank, bis er von Aleks Buda für das Wissenschaftliche Institut – den Vorläufer der Akademie – abgeworben wurde. Es waren gerade die politisch gewollten Fragestellungen wie die Ethnogenese der Albaner, Skanderbegs Krieg gegen die Osmanen und die Nationalbewegung, die wissenschaftlich aufgearbeitet werden sollten, wobei Frashëri sich nicht immer ganz exakt an die politischen Richtlinien hielt, z.B. bei seiner differenzierten Bewertung des Bauernaufstandes unter Führung des Haxhi Qamili. Seine kleine populäre Skanderbeg-Biographie wurde in mehrere Fremdsprachen übersetzt (George Kastrioti Scanderbeg. Tirana 1962); 2002 folgte eine große wissenschaftliche Lebensgeschichte, die keinen Übersetzer fand (Skënderbeu. Jeta dhe vepra. Tirana 2002), was ihn sehr verbitterte. Auch war er einer der Hauptautoren der ersten handbuchartigen Darstellung der Geschichte Albaniens (Historia e Shqipërisë. 2 Bde. Ed. Universiteti Shtetëror i Tiranës. Tirana 1959, 1965). Er verfasste eine rund 350 Seiten umfassende Geschichte Albaniens, deren Zielgruppe das Ausland war (The History of Albania. A brief survey. Tirana 1964).

1966-1971 musste er wie viele andere Intellektuelle aus dem Wissenschaftsapparat ausscheiden und als Lehrer in Përmet arbeiten, doch war das nicht von Dauer: 1971-1990 war er am Historischen Institut tätig. Er arbeitete nicht nur an wissenschaftlichen Monographien und Quelleneditionen, sondern auch an Schulbüchern mit.

Nach der Pensionierung vervielfachte sich seine Produktivität. Er hatte Unterstützung, die er aufgrund seiner verlöschenden Sehkraft brauchte, und blieb auch nach dem Ende des Kommunismus in Ehren, bis hin zur Ehrenbürgerschaft von Tirana, dem er eine Stadtgeschichte widmete (Historia e Tiranës. Bd. 1. Tirana 2004).

Auch wenn er auf Vorstudien zurückgreifen konnte, ist kaum nachvollziehbar, wie er noch in biblischem Alter jedes Jahr mehrere Bücher veröffentlichen konnte. Er reagierte dabei sehr schnell auf Fragen mit politischem Hintergrund, die von historischer Relevanz waren. Grundlage war dabei immer sein Bemühen, der „verspäteten“, im Lauf der Geschichte immer wieder benachteiligten albanischen Nation zu ihrem Recht zu verhelfen. Seine autoritative Position machte es für die nachwachsende Historikergeneration nicht immer leicht, sich neuen Fragestellungen und Sichtweisen zuzuwenden.

Insbesondere die Kontroverse um die Skanderbeg-Biographie von Oliver Jens Schmitt ist nicht mit wechselseitigem Respekt geführt worden, sondern zur Polemik degradiert, an der sich weitaus Unberufenere als Kristo Frashëri beteiligt haben; er selbst trug nichts dazu bei, den Streit auf den Boden der Fachwissenschaft zurückzuholen, sondern warf Schmitt vor, mit seiner Darstellung das albanische Volk in Gestalt seines Nationalhelden angegriffen zu haben und damit die gesamte Lebensleistung der albanischen Historiker einschließlich seiner eigenen in Frage gestellt zu haben.

Kristo Frashëris Tod am 31. Januar 2016 kam nicht überraschend. An diesem Tag ging eine Ära zu Ende: mit ihm ist die Gründergeneration der albanischen Wissenschaft nun endgültig abgetreten.

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