Robert Elsie: The Tribes of Albania. History, Society and Culture

2. September 2015 | Von | Kategorie: Bücher

Robert Elsie: The Tribes of Albania. History, Society and Culture. I.B. Tauris. London, New York 2015. Pappbd. m. OU. XII, 368 S. ISBN 9781784534011

Elsie_TribesWenn man von sozialen Gruppen spricht, ist die Verwendung des Wortes „Stamm“ (bzw. engl. „tribe“) problematisch. Diese Begriffe beinhalten eine Abwertung dieser Gemeinschaften; es schwingen Vorstellungen von barbarischen Wilden auf einer sehr niedrigen Kulturstufe mit, die von einer Zivilisation europäischen Typs weit entfernt sind und die man – so die Logik des Kolonialismus – mit Härte und Strenge auf den Weg dorthin zwingen muss. Wenn es dann auch noch um „Stammessprachen“ geht, wird häufig übersehen, dass dies die Verständigungsmittel von Millionen Menschen sind.

Das westafrikanische Yoruba würde mit über 30 Millionen Sprechern ohne Weiteres in Europa unter den 10 verbreitetsten Sprachen rangieren.

Es ist ein historischer Anachronismus, dass wir in Bezug auf Nordalbanien und Kosovo (sowie Montenegro) von „Stämmen“ als (zumindest bis vor Kurzem) real noch vorhandenen sozialen Organismen sprechen. Sie sind in der älteren Literatur über Albanien allgegenwärtig und bis heute etabliert. Als die Österreicher im I. Weltkrieg Nordalbanien besetzt hatten, führten sie eine Volkszählung durch, deren Ergebnisse Franz Seiner 1922 einschließlich einer Karte über die Wohngebiete der Stämme veröffentlichte.

Gerhard Gesemann unternahm 1943 einen Vergleich der Kulturen des albanischen und montenegrinischen Berglandes mit denen der schottischen Highlands, Korsikas und der griechischen Maina. Sein Konzept einer „heroischen Patriarchalität“ leitete er aus den sozialen Rahmenbedingungen, (trotz mancher Huldigungen an den Zeitgeist) nicht aber aus der „Rasse“ ab und bekam politische Schwierigkeiten. Nach 1990 waren es vor allem die Grazer Balkanforscher um Karl Kaser, die die Familienstrukturen auf dem Balkan untersucht haben.

Montenegro und Albanien weisen einen fundamentalen Unterschied auf: während in Montenegro die Alleinherrschaft der orthodoxen Kirche mit Gewalt durchgesetzt und in Gestalt eines regierenden Fürstbischofs institutionalisiert wurde, machte der Islam in der Malësia Fortschritte, verdrängte aber den Katholizismus nicht vollständig. Dieser Prozess verlief nicht immer in eine Richtung; der kollektive Religionswechsel aus politischen und wirtschaftlichen Gründen fand in beide Richtungen statt. Eine gewisse Mobilität gab es auch zwischen den nationalen bzw. sprachlichen Zugehörigkeiten. Viele albanische Stämme haben slawische, manche montenegrinische albanische Wurzeln. Die Grenzen zwischen beiden Ländern waren meist durchlässig, erst das jugoslawische Königreich und später die kommunistischen Regimes in Tirana und Belgrad riegelten sie ab. Das social engineering, das von der Partei der Arbeit Albaniens besonders konsequent betrieben wurde, setzte alles daran, die traditionelle Wirtschaftsweise (mit Sommerweidewirtschaft) und die damit verbundenen soziokulturellen Strukturen (Patriarchalität, Gewohnheitsrecht) aufzubrechen.

Der Begriff „Stamm“ krankt auch daran, dass er nicht eindeutig ist. Er wird einerseits für den „fis“ verwendet, eine Gruppe von Menschen, die sich auf denselben Ahnherren zurückführen und die deshalb nicht untereinander heiraten. Das geht über die Großfamilie weit hinaus; im Deutschen ist der Begriff „Sippe“ historisch verbrannt; vielleicht wäre die Übernahme des keltisch-englischen Terminus „Klan“ das kleinere Übel. Andererseits steht er für den „bajrak“, das „Banner“, eine territoriale, politische Einheit, die, wie der Name nahe legt, Grundlage für Mobilisierungen im Kriegsfall war.

Was uns bisher fehlte, war ein Führer durch die Stämme der Malësia. Sie ist insgesamt kein großes Gebiet, und die Territorien der Stämme sind z.T. sehr klein mit Bevölkerungszahlen, die in manchen Fällen unter 1.000, nur ausnahmsweise über 10.000 lagen.

Das neue Buch von Robert Elsie ist ein lexikalisches Handbuch, das zu jedem von ihnen nach einem festen Schema Daten und Informationen zusammenträgt. Es ordnet 54 Stämme zehn Regionen zu und gibt zu jeder eine Karte mit den Siedlungsgrenzen der zugehörigen Stämme. (In einem weiteren Kapitel werden vereinzelte Informationen zu 23 schlecht belegten kleineren Stämmen zusammengetragen, die z.T. längst verschwunden sind.) Das Lemma zu jedem einzelnen Stamm hat folgende Struktur:

  • das Siedlungsgebiet,
  • die Bevölkerung; dabei trägt er die frühesten Erwähnungen in der gedruckten Literatur und in den zahlreichen Visitationsberichten katholischer Geistlicher (die zur Zeit in der fünfbändigen Quellensammlung „Albania Sacra“ von Peter Bartl neu ediert werden) zusammen und registriert alle verfügbaren Daten zu den Einwohnerzahlen,
  • Stammeslegenden, Herkunft und Geschichte; das Material hierzu sind lange Zitate aus der Literatur,
  • bekannte Personen; in nahezu jedem Stamm gibt es Persönlichkeiten, die eine historische Rolle gespielt haben, die weit über die Grenzen des Stammes hinausreichte.

Die wichtigsten Autoren, die Elsie zitiert, sind überwiegend die üblichen Verdächtigen: Mary Edith Durham, Franz Baron Nopcsa, Hyacinthe Hecquard, Karl Steinmetz, weniger häufig François Pouqueville und Johann Georg von Hahn, die hauptsächlich das südliche Albanien bereist und erforscht haben. Aber er hat die im Literaturverzeichnis detailliert aufgelisteten Bücher und Zeitschriftenaufsätze zusätzlich herangezogen und sich nicht allein auf die genannten „Klassiker“ verlassen.

Dass immer wieder dieselben Formulierungen verwendet werden und das Sprichwort „Die Klugheit der Gashi, die Wachsamkeit der Krasniqi, der Zorn der Berisha, der Heldenmut der Kelmendi, die Schläue der Shala, die schlangengleiche List der Thaçi“ sechsmal angeführt wird, liegt nicht an der Einfallslosigkeit Elsies, sondern ist angesichts der Struktur des Bandes als Lexikon gut begründet.

Es entsteht das sehr ausdifferenzierte Bild einer Kultur, die überwiegend von materieller Knappheit, Gewalttätigkeit und geistiger Armut geprägt war. In der Überlieferung (besonders durch die Aufzeichnung des Gewohnheitsrechtes durch den Priester Shtjefën Gjeçovi) wurde die Rolle der Katholiken zu Lasten der Sunniten stark übertrieben. Aber Elsies Quellen (besonders die Visitationsberichte) zeigen, wie gering der Einfluss der katholischen Priester tatsächlich war, denen es nie gelang, die immer weiter ausufernde Blutrache einzudämmen, die verheerende menschliche, demographische und wirtschaftliche Folgen hatte. Die Einhaltung äußerer Vorschriften wie Fastenzeiten war den „Gläubigen“ immer wichtiger als die Akzeptanz von Glaubensprinzipien wie dem Gebot zur Vergebung.

Im Vorwort stellt sich Elsie die Frage, inwieweit die „Stämme“ heute noch existieren. Er beantwortet sie negativ: die kollektive Erinnerung an eine frühere Zugehörigkeit ist noch lebendig, aber die Strukturen sind zerfallen, besonders durch die Landflucht und die Emigration, die die Malësia weitgehend entvölkert haben. Leider haben die besonders destruktiven Elemente dieser sozialen Gemeinschaft, besonders die Blutrache in einer besonders verwilderten Form, ein erstaunlich zähes Leben.

Register, Bibliographie, Glossar und viele Bilder ergänzen das auch optisch attraktive Buch, das jeder, der sich historisch oder ethnographisch mit Nordalbanien auseinandersetzt, als Grundlage nutzen wird.

Letzte Beiträge

Teilen:

Facebooktwitterredditpinterestlinkedintumblrmail
Schlagworte: , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar