Ich hatte nur einen Traum in dieser Zeit: Ilir Peposhi im Gespräch

27. September 2015 | Von | Kategorie: Berichte

Vor 25 Jahren war Ilir Peposhi unter den mehr als 3200 Männer, Frauen und Kinder, die auf dem Gelände der Deutschen Botschaft Zuflucht suchten und darauf hofften, Albanien verlassen zu dürfen. Er hat uns von seinem damaligen Leben in Albanien berichtet und wie er diese bewegte Zeit erebt hat. Heute lebt Ilir Peposhi mit seiner Familie in Durrës.

Ilir PeposhiFrage: Kannst du dein Leben in Albanien bis 1990 beschreiben?

Ilir Peposhi: Ich bin 1968 in Kukës geboren worden und wuchs in großer Armut auf. Aber wir haben nicht unter der Armut gelitten. In dieser Zeit war es eher der Klassenkampf, der in Albanien sehr aggressiv geführt wurde. Schon in der Kindheit erlebte ich heftige Diskriminierung. Ich war ein ausgezeichneter Schüler, somit spürte ich den Druck des kommunistischen Regimes besonders. Die Lehrer sagten mir, dass, obwohl ich gut war, keine Chance haben würde, zur Hochschule zu gehen oder gar eine Ausbildung zu machen, denn meine Familie war gegen das Regime. Viele Kinder in meinem Alter distanzieren sich von mir, als sie merkten, dass meine Familie gegen das damalige Regime war.

320794_231959470189622_246433192_n

Die Ringer des Vereins „17 Nentori“ anno 1985. Vorne rechts: Der 17-jährige Ilir Peposhi

Aber ich war auch sehr sportlich. Ich hatte Disziplin, war engagiert und wurde ein sehr guter Ringer. Ich war albanischer Meister in meiner Altersklasse. Mit 15 Jahren ging ich zu den Erwachsenen und wurde albanischer Meister in der 48 kg-Gewichtsklasse. Ich wurde mehrmals albanischer Meister und gewann auch Gold im klassischen Ringen (griechisch-römisch). Aufgrund dieser Erfolge erhielt ich 2013 die Ehrenauszeichnung „Nderi i Mundjes Shqiptare“ vom Albanischen Ringerbund bzw. vom Ministerium für Bildung und Sport.

Frage: Deine Familie galt als deklasuar in Albanien. Wie kam es dazu?

Ilir Peposhi: Ein Onkel, Kadri Peposhi, der noch vor der Einführung des kommunistischen Systems in Frankreich studiert hatte, wurde 1945 hingerichtet. Ein anderer Onkel, Peposhi Zenel, wurde zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt und war in Spac. Ein dritter Onkel, Mahmut Peposhi, wurde zu 13 Jahren Haft verurteilt. Das geschah alles aus politischen Gründen. Andere wurden ins Exil geschickt, also nach Lushnje zwangsumgesiedelt. Auch der Bruder meiner Mutter, Shefqet Gjana, der Professor in Kukës war, wurde aus politischen Gründen zu acht Jahren Gefängnis verurteilt.

Frage: Und über welche Wege hast du von der Möglichkeit gehört, dass Menschen über die Botschaften zu flüchten versuchen?

734531_512202315486766_1079349456_n

Vorne links: Ilir Peposhi

Ilir Peposhi: Im Jahr 1990 war ich in Tirana. Die Nationalmannschaft wurde zusammengerufen, um sich auf einen internationalen Wettbewerb mit Griechenland vorzubereiten. Wie jedesmal wurde mir mitgeteilt, dass ich nicht beim Wettbewerb im Ausland werde teilnehmen können. Ich war ja ein Propagandarisiko; sie hatten Angst davor, ich könnte schlecht über Albanien reden. Aber mir wurde auch gesagt, ich solle bei der Nationalmannschaft bleiben. Als ich einige Wochen später noch in Tirana war, verbreitete sich die Nachricht, dass die Deutschen Botschaft gestürmt  worden sei. Das war der Moment, von dem ich seit meiner Kindheit geträumt hatte. Um ehrlich zu sein, ich habe nicht von Deutschland geträumt wie manch anderer. Ich hatte nur einen Traum in dieser Zeit: der Unzufriedenheit und dem Hass auf das kommunistische Regime zu entfliehen. Und das ging damals nur durch Flucht ins Ausland. Am 3. Juli habe ich einige Freunde angestachelt, mit mir in die Deutsche Botschaft zu flüchten.

Frage: Wie war die Stimmung in der Botschaft?

Ilir Peposhi: Es war sehr schwer. Das Botschaftspersonal priorisierten die Frauen und Kinder, bekamen zuerst zu essen. Die anderen haben nur ab und zu zu essen bekommen. Es verbreitet sich auch mehrmals das Gerücht, dass die albanischen Sicherheitskräfte die Botschaft stürmen würden. So hungerten wir, schliefen in Furcht: Wenn wir nachts Hubschrauber hörten hofften wir, dass sie nicht zu uns kommen würden. Der Druck war enorm.

Frage: Du bist dann nach Regensburg gekommen. Wie waren da deine Erfahrungen?

Ilir Peposhi: Die Reise von Italien nach Regensburg war ein Wunder. An jeder Station warteten Menschen – Italiener, Deutsche oder vielleicht auch Schweizer oder Österreicher, ich kannte ja den Unterscheid nicht –, um uns mit Kleidung und Essen zu versorgen. Sie gaben uns dann auch Geld, 10 oder 20 Mark. Natürlich hatte ich nach der Ankunft in Regensburg Schwierigkeiten, aber das war eher selten. Ich habe gearbeitet und habe mich beim RSV Hessigheim als Trainer engagiert. Im Oktober 1990 hatte ich einen Arbeitsunfall, bei dem ich mich schwer an der linken Hand verletzt habe. So musste ich meine aktive Zeit als Ringer beenden.

Frage: Wann bist du zurück nach Albanien. Und warum?

Ilir Peposhi: Ich bin einige Jahre später nach Albanien zurückgegangen, bin aber auch immer wieder nach Europa, um als zeitweise Bauarbeiter zu arbeiten. Es gab viele Gründe nach Albanien zurückzukehren: Ich liebe Albanien von ganzem Herzen. In Albanien kann man heute ohne Angst leben und arbeiten. Hier in Albanien gibt es eines mehr als alles andere: die tägliche Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Leider werden die Menschen negativ von den Medien beeinflusst, die Situation im Land wird schwarzgemalt. Und der Westen wird als Zufluchtsort propagiert. Dies hat dazu geführt, dass die Menschen die Hoffnung in ihr Land verlieren und nicht glücklich werden können. Ich glaube auch, das hat System.

Letzte Beiträge

Teilen:

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedintumblrmail
Schlagworte: , , , ,

Schreibe einen Kommentar