Zwischen Urlaub und Abenteuer – ein Reisebericht

16. September 2015 | Von | Kategorie: Berichte

Dorothea Forch, Gewerkschaftssekretärin bei ver.di, ist mittlerweile begeisterte Albanienreisende. Sie hat ihre diesjährige Albanienreise für uns in Wort und Bild dokumentiert:

09_ein Bruchteil der 1000Fenster in der Stadt der 1000 Fenster

Einige der Fenster, die Berat zur „Stadt der 1000 Fenster“ macht. Foto: Forch

Nachdem ich Albanien bereits im letzten Sommer auf einer Balkanreise kennenlernen durfte, wollte ich diese wunderbare Erfahrung auch mit meinem Freund teilen und überredete ihn, von Griechenland aus zumindest dort einen Abstecher nach Albanien zu machen. Aus dem Abstecher wurden knapp 10 Tage in den Südwesten des Landes. Hauptgrund dafür, so schnell wieder nach Albanien zu fahren war auch, dass ich im Reiseangebot eines namhaften Lebensmitteldiscounters eine Albanienrundreise fand und nun dachte, nochmal dorthin zu reisen, bevor die Touristenströme das Land erobern. Um eines vorwegzunehmen: Touristenmassen werden so schnell nicht kommen und Albanien wird wohl auch für die kommenden Jahre ein Reise- und Urlaubsziel für Entdecker_innen und Individualtourist_innen bleiben.

Hin- und Durchkommen

01_auf dem Weg nach Gjirokaster

Das Zagoria-Tal auf dem Weg nach Gjirokastra. Foto: Forch

Trotz der Tatsache, dass viele Reiseführer und Internetforen davon abraten, wollten wir Albanien mit dem PKW bereisen. Um mehr Zeit für das Land zu haben, entschieden wir uns zudem für eine Adriaüberfahrt per Fähre. Das geht vom Norden der italienischen Adriaküste aus leider nur nach Griechenland. Wer direkt nach Albanien einschiffen will, muss bis nach Bari fahren. Also: Fähre von Ancona nach Igoumenitsa und von dort mit kleinem Abstecher nach Meteora über den Grenzübergang Kakavia Richtung Gjirokastra.

Wir hatten uns im Vorfeld lang und ausführlich über das Thema Autofahren und Straßenverkehr in Albanien besprochen. In eben besagten Reiseführern und Internetforen ist von desolaten Straßen und harten Sanktionen gegen Regelverstöße die Rede (dabei kannte ich den albanischen Straßenverkehr aus Tirana eher als chaotisch und alles andere als regelkonform). Und so fuhren wir die ersten knapp 35 km von der Grenze bis nach Gjirokastra mit den vorschriftsmäßigen 80km/h. Vermutlich jeder, der sonst noch in diese Richtung fuhr, überholte uns. Ständig rätselten wir, ob es nicht vielleicht doch in Ordnung wäre, etwas schneller zu fahren. Mangelnde Sprachkenntnisse und Angst, unser schönes Urlaubsgeld gleich an Straßenpolizisten zu verlieren, hielten uns davon ab. Bestätigt wurden wir von  drei Polizeiposten auf der Strecke, deren Waffen- und Personenaufgebot von Posten zu Posten zunahm. Aber sie hatte ja kein Grund uns anhalten – schließlich fuhren wir vorschriftsmäßig. Später wurde uns berichtet, dass vor einigen Wochen  im Süden des Landes illegale Hanfplantagen entgedeckt worden waren und die Straßenposten übrig gebliebene Dealer dingfest machen sollten und nicht an zu schnell fahrenden Touristen interessiert waren.

Erste Station: Gjirokastra

Die Wasserscheide in Gjirokastra. Foto: Forch

Die Wasserscheide in Gjirokastra. Foto: Forch

Auf dem Weg nach Gjirokastra fährt man durch eine Ebene, die links und rechts von Bergketten gesäumt ist. Der Fluss Drino, zumindest Spuren davon, was im Herbst bestimmt wieder ein Fluss sein wird. Rechts und links der Straße geht es immer wieder in kleinere Ortschaften ab. Anfänglich sind die Schilder sowohl Albanisch als auch Griechisch beschriftet. Hin und wieder weist ein touristisches Schild auf eine Sehenswürdigkeit hin – zumeist handelt es sich um (die Ruinen) orthodoxer Kirchen oder Klöster. Die 35 km werden jedoch zäh, vielleicht der Hitze, vielleicht der geringen Geschwindigkeit oder der kargen – wenngleich beeindruckenden irgendwie beruhigenden – Landschaft geschuldet. Die Stadt war zunächst eher ernüchternd – der Gegensatz zwischen Arm und Reich sprang sofort ins Auge. Zudem wirkte alles chaotisch und vor allem provisorisch. Das wirkte zunächst befremdlich, im Laufe der Reise aber auch erfrischend, wenn man aus einem Land kommt in dem selbst Dachrinnen einer Baugenehmigung bedürfen.

Die Straße zur Altstadt steigt steil an, führt über eine alte Steinbrücke und ein, zwei Serpentinen auf einen zentralen, weitläufigen Platz, der noch einen Hauch sozialistischen Charme trägt. Von dort aus geht es dann in engen Gassen mit noch steileren Straßen weiter hinauf bis zur Festung. Wir hatten uns im Reiseführer und über ein Onlineportal das Hotel Gjirokaster ausgesucht.

An der gesuchten Adresse angekommen, standen wir etwas zögerlich mit unserem Auto auf der Straße, überlegten welche Parklücke wir nehmen könnten, als auch schon ein älterer Herr aus dem Haus kam und uns in eine Parklücke navigierte. Warum auch nicht, was soll ein Auto mit fremden Kennzeichen auch anderes als zum Hotel wollen. Mit Händen und Füßen verständigten wir uns auf ein Zimmer mit Frühstück. Hier fiel mir auch gleich (wieder) die männlich geprägte Gesellschaft auf, der Hotelbesitzer (oder der Vater des Hotelbesitzers) gab lediglich meinem Begleiter die Hand und versuchte ständig mit ihm zu sprechen, obwohl ich diejenige war, die die Fragen stellte. Solche Situationen wiederholten sich später noch das ein oder andere Mal.

Die verlassene Bühne auf der Burg in Gjirokastra. Foto: Forch

Die verlassene Bühne auf der Burg in Gjirokastra. Foto: Forch

Nach einem kühlen Getränk machten wir uns auf, uns einen Überblick über die Stadt und die Gegend zu verschaffen und kletterten dazu auf die Burg. Auf dem Weg zwischen Burgpforte und Hof muss man durch Katakomben gehen, in denen altes Kriegsgerät Parade steht – am Ende wartet eine überdimensionale Figur eines Partisanenkämpfers, nach wie vor ein Zeichen der Allgegenwärtigkeit des Nationalen Befreiungskampfes während des Zweiten Weltkrieges. Der Aus- und Rundblick in das Tal war atemberaubend und die tief stehende Sonne tat ihr Übriges, um mich an die Landschaft zu fesseln, den Blick schweifen zu lassen und sich irgendwo in den Weiten der Berge zu verlieren. Ein Theaterstück auf der Bühne im Burghof mit den Bergen als Kulisse zu erleben, wäre sicherlich ein Vergnügen.

Die Zufahrt zu "Blauen Auge" wirkt erstmal nicht besonders einladend. Foto: Forch

Die Zufahrt zum „Blauen Auge“ wirkt erstmal nicht besonders einladend. Foto: Forch

In der Erwartung, dass die Mittagshitze (irgendwas bei 38 Grad im Schatten) wieder grenzwärtig sein würde, beschlossen wir, den nächsten Tag entspannt irgendwo an einem kühlen Platz zu verbringen. So machten wir uns auf zur Quelle Syri i Kalter. Wie es sich herausstellte, ging es hier um eine Vielzahl von Quellen samt Naturschutzgebiet. Dieses Naturschauspiel findet sich auf halber Strecke zwischen Gjirokastra und Saranda. Die 300 Lek (EUR 2,-) Eintritt in das Naturschutzgebiet waren gut in einem erst kürzlich ausgebauten Fahrweg angelegt. Am Parkplatz angekommen, wird man von Schildern zur Hauptattraktion, dem ‚blauen Auge‘, geleitet. Das einst vermutlich urwaldähnliche Fleckchen Erde wurde zugunsten der erwarteten (und eintreffenden) Menschenmassen von Gestrüpp befreit und wirkte wie ein gerupftes Hühnchen. Die eigentliche Attraktion ist eher klein – und vor allem eiskalt. Das hält viele Besucher_innen trotzdem nicht vom Baden ab. Zeitweilig konnte der kleine Bereich der Quelle getrost als überfüllt bezeichnet werden. Der Ort ist ein Ausflugsziel für einheimische und auswärtige Touristen (viele tschechische Kennzeichen begegneten uns rund um Syri i Kalter) und man suchte sich Plätzchen im Schatten, um zu picknicken oder einfach nur der Sonne zu entfliehen. Wir hatten zum Glück unsere Hängematte dabei – Bäume waren ja genug da – und genossen einige Stunden den Blick auf türkisgrünes Wasser umgeben von reicher Vegetation. Die abgeholzten Flächen lagen hinter uns und außer Sichtweite.

Blick von der Hängematte am "Syri i Kalter". Foto: Forch

Blick von der Hängematte am „Syri i Kalter“. Foto: Forch

Da unser Hotel uns keine zweite Nacht beherbergen konnte, verbrachten wir die zweite in Gjirokastra im Hostel. Allerdings war auch hier fast alles belegt, sodass wir auf zwei Liegen im Hauptzimmer des osmanischen Gebäudes unterkamen. Was die junge Frau an der Rezeption schon fast etwas beschämt als Zimmer anbot, entpuppte sich als die schönste Unterkunft auf der ganzen Reise!

Im Hostel hing ein Plakat für eine ‚free walking tour‘. Diese ehrenamtlichen Stadtführungen kannte ich bereits von der Reise im letzten Sommer und fand sie immer sehr informativ und erfrischend. Auf Nachfrage im Hostel stellte sich heraus, dass die Tour am nächsten Tag zum ersten Mal starten sollte. Eine Angestellte des Hostels hatte aber die ganz tolle Idee, dass einer der Guides ja mit uns seine Generalprobe durchführen könnte und so kamen wir zu unserer ganz persönlichen Stadtführung mit Donald, einem albanischen Abiturienten. Meine Befürchtung, dass Albaner immer zuerst fragten, wo man herkomme und daraufhin erklärten, wie toll Deutschland sei, wurde von Donald zerstreut. Als ich antwortete, dass ich dem einiges entgegenhalten würde, erklärte Donald, dass dies ja als Form der Höflichkeit zu verstehen wäre.

Zweite Station: Berat

07_eine Gasse in Berat Gorica

Eine Gasse in Berat. Foto: Forch

Nach zwei Nächten verließen wir Gjirokastra in Richtung Berat. Dabei hielten wir uns an die Empfehlung der Reiseführer, den etwas längeren Weg über Fier zu nehmen. Bezüglich des Tempos wurden wir schon etwas mutiger und nach einer Unterhaltung mit dem Kellner an einer Raststätte passten wir uns gänzlich den ortsüblichen Gepflogenheiten an. Seiner These nach würden die Polizisten Autos mit ausländischen Kennzeichen nicht anhalten, weil sie ja, da sie in der Regel keine Fremdsprachen beherrschen, nicht mit den Tourist_innen kommunizieren könnten. Außerdem seien wir Deutsche und die dürften nunmal schnell fahren.

Die Strecke von Gjirokastra nach Berat ist eher unaufgeregt und das Bild der Ortschaften verändert sich kaum. Langsam verlässt man die Berge und kommt zumindest rund um Fier in ebenere Gebiete. Die Landschaft bleibt karg und ursprünglich – lässt aber auch eine üppigere Vegetation vermuten, wenn denn etwas mehr Wasser vom Himmel käme. In manchen größeren Ortschaften ist es gut, ein Navi dabei zu haben, da die Ausschilderungen nicht immer hilfreich sind – sofern es sie überhaupt gibt. Vielerorts sieht man Straßenbauarbeiten, infolge derer Straßen entweder gesperrt sind oder Straßenführungen verlegt wurden.

Die Einfahrt nach Berat zieht sich über eine breite fast schnurgerade Straße. Im Hintergrund ragen Bergmassive in die Höhe. Auch hier fährt man zunächst durch eine Neustadt bis man die Altstadt erreicht. Diese erstreckt sich auf der einen Seite des Flusses Osum am Berg entlang und auf der anderen Seite bis zur Burg. Auch die Burg selbst ist mit Wohnhäusern bebaut. Unser Hostel lag im Stadtteil Gorica, gegenüber der Burg.

Mercedes mal anders. Foto: Forch

Mercedes mal anders. Foto: Forch

Das Navi gab sich alle Mühe uns dorthin zu lotsen, wir mussten aber einige Meter vorher aufgeben – die Gassen sind einfach zu eng und zu holprig. Lorenc, der Hostelbesitzer, und seine Mutter erwarteten uns  bereits. Er schaffte es gerade so, uns zu erklären, dass er uns den reservierten ‚private room‘ nicht anbieten könne, weil die letzten Gäste nun doch nicht abgereist waren und er leider kein anderes hat, bevor er mit seiner auf ihn einredenden Mutter verschwand. Nach einiger Zeit kam er wieder und versuchte seine Mutter hinter der geschlossenen Tür zu halten. Er wolle uns zum Hotel eines Freundes bringen. Seine Mutter war damit offensichtlich ganz und gar nicht einverstanden und hätte uns lieber zu den Gästen ins 6erZimmer gepackt. Sie konnte nicht verstehen, dass ihr Sohn für uns als Pärchen ein Doppelzimmer angemessener fand und uns dieses dann notfalls auch in einem anderen Hotel besorgen wollte.

Als ‚Entschädigung‘ lud Lorenc uns zum Abendessen in den Hostelgarten ein. Dort gab es den besten Fisch seit Langem und die lautesten Zikaden unserer Reise. Wir mussten brüllen, um uns zu unterhalten. Lorenc selbst war lange in Westeuropa, auch als Backpacker unterwegs, bevor er in die Heimat zurückkehrte und das Haus seiner Familie zum Hostel ausbaute. Von seinen Landsleuten und den Menschen des Balkans generell war er nur mäßig überzeugt – viele seien ihm zu unbeweglich und einfach nicht geschickt dabei, Geschäfte zu machen.

10_irgendwie ein Albanien typisches Bild - kurz vor der Brg in Berat

Irgendwie ein Albanientypisches Bild – vorm Tor zur Burg in Berat. Foto: Forch

Das Hotel Gorica – wo Lorenc uns ein Zimmer gefunden hat – war tatsächlich gleich um die Ecke und sogar mit dem Auto erreichbar. Nur die Tatsache, dass wir die einzigen Gäste waren, war ein wenig suspekt. Der Grund: das Hotel war zu verkaufen – 400.000 Euro, frisch saniert, schönen Blick auf die Burg. Jedenfalls war es uns dann doch etwas zu gewöhnlich und ich wollte für die zweite Nacht gern nochmal umziehen.

Eine neue Unterkunft fanden wir dann bei unserem obligatorischen Besuch auf der Burg. Das Faszinierende hier – und anders als die üblichen Burgen – ist, dass die Burg bebaut und bewohnt ist, wie eine kleine Stadt. Sie liegt auf einer Bergnase, sodass man von dort die ganze Umgebung überblicken kann. Leider bedeutete die Lage auch eine steile, glatt gefahrene Pflastersteinstraße nach oben. Alle Autos, die wir sahen, kamen problemlos hoch, nur unser Golf gab nach einigen Metern mit durchdrehenden Reifen auf und ließ sich unter keinen Umständen zum Hochfahren bewegen. So bewältigten wir unter den erstaunten Blicken der Passant_innenen die eineinhalb Kilometer zur Burg im Rückwärtsgang. (Wir haben die These entwickelt, dass solche Berge ein Grund für die Mercedesbegeisterung der Albaner sind.)

11_die Universität von Berat

Die Universität von Berat. Foto: Forch

Die Temperatur war inzwischen bei 40°C angekommen und wir beschränkten uns darauf, den zweiten Tag in Berat bei kühlen Getränken in der ungewöhnlich modernen Flaniermeile der Stadt unter einem Sonnenschirm zu verbringen und ein paar Meter durch die Stadt zu laufen. Hier waren gerade noch Verschönerungsmaßnahmen im Gange, denn ein paar Tage später sollte ein internationales Musikfestival in der Stadt stattfinden. Das Schmuckstück der Stadt ist wohl die Universität: ein Prachtbau, der gewisse Ähnlichkeiten mit dem Weißen Haus aufweist.

Die Gegend um Berat ist im Übrigen für ihren Wein bekannt. Eine Probe ergab, dass dieser auch sehr schmackhaft ist.

Auf zum Meer: Die Albanische Riviera

16_der Livadhi Beach

Der Lavadhi Strand. Foto: Forch

Bei rekordverdächtigen 42°C machten wir uns nach zwei Nächten in Berat auf den Weg zur albanischen Riviera – mit einem Umweg über Apollonia. Hinter dem kleinen Ort Pojan liegen die Überreste der alten griechischen Stadt. Für Altertumsfreunde auf jeden Fall eine Reise wert. Um das eigentliche Schmankerl dieses Ortes zu entdecken, braucht es ein wenig Spürsinn. Oberhalb der Stadtreste auf einem Hügel befindet sich, sehr versteckt und ohne Hinweisschild, noch ein kleines Restaurant, welches einen schönen Ausblick bietet.

Als Ziel des Tages hatten wir Ksamil ins Auge gefasst – das Meer soll dort besonders schön sein, mit kleinen Inselchen vor der Küste, auf die man sich fahren lassen kann. Es ging also auf gut 140 km  die Küstenstraße entlang gen Süden. Diese Strecke bis Himara hatte ich letzten Sommer schon im Bus zurückgelegt. Auch wenn das Busfahren in Albanien ein wenig abenteuerlich ist, bietet es doch einen enormen Vorteil: der Blick beim Überqueren des Llogara-Passes auf das Meer. Im Auto hat man leider die ganze Zeit die Leitplanke vor der Nase. Zum Trost war es dieses Mal etwas bewölkter und der Blick sowieso nicht so schön. Die Küstenstraße schlängelt sich zwischen Meer und Berg und bis Himara durch belebte, oft touristisch geprägte Orte.

Erschreckend auf dieser Fahrt war die Erkenntnis, was wohl mit dem ganzen Müll passiert (Müllabfuhr habe ich niemals gesehen – vermutlich ist das von Region zu Region verschieden). Irgendwo auf der Strecke hinter eine Kurve trat uns beißender Brandgeruch in die Nase, kurz darauf erblicketen wir direkt neben der Straße eine ‚Müllhalde‘ auf der Roma mit Müllsortieren und -verbrennen beschäftigt waren. Müll ist offenbar ein leidiges Thema im Land – Müllcontainer auf der Straße sind meist überfüllt, wahlweise umgeworfen und stinken in der Hitze oft erbärmlich. Müll am Straßenrand oder auch am Strand ist keine Seltenheit.

19_ 25 Jahre nach der Wende...

Auch nach 25 Jahren sind überall Zeichen des alten Regimes noch zu sehen. Foto: Forch

Hinter Himara geht es durch eher ruhigere und beschaulichere Ortschaften, deren Bild auch von weniger Bauruinen geprägt ist. Bis man nach Ksamil kommt; dann ist es wieder vorbei mit der Gemütlichkeit. Der Ort ist voller Menschen und Autos. Am Straßenrand werden Zimmer feilgeboten – ähnlich wie in Vlora oder Saranda, nur wirkte hier alles eine Spur aufdringlicher. Wir hatten uns bereits im Internet einen Zeltplatz ausgeguckt, den Einzigen am Ort. An der Adresse angekommen, waren wir noch nicht einmal aus dem Auto gestiegen als klar war, dass wir dort nicht bleiben würden: Bauruinen rund ums Gelände, Diskolärm vom Strand. Auf dem von einer Mauer umgebenen Gelände ein riesiger Klotz von Sanitärtrakt und rundherum drei Meter Wiese zum Zelten. Schön ist anders und Albanien kann schön auch anders, wie uns die Reise bis dahin gezeigt hatte. Wir fuhren enttäuscht weiter und fanden letztendlich in Butrint ein Hotel, das zwar für hiesige Verhältnisse teuer, aber schön und ruhig gelegen war. Der Kellner war sehr rührselig und empfahl uns, das Amphitheater zu besuchen, da gäbe es kostenlose Theaterstücke. Gesagt, getan. Viele Optionen hatten wir auch nicht, da Butrint eigentlich nur die als UNESCO-Weltkulturerbe ausgezeichnete antike Ruinenstadt umfasst und es außer dem Hotel und einer Fähre nichts gibt.

Es stellte sich heraus, dass in Butrint gerade ein internationales Theaterfestival stattfand. Wir erlebten an diesem Abend ein mazedonisches Theaterstück. Dank viel Erotik war es trotz mangelnder Sprachkenntnisse ein unterhaltsamer Abend. Am nächsten Morgen wollten wir uns Butrint bei Tageslicht ansehen. Der verhältnismäßig teure Eintritt von 700 Lek (also knapp EUR 5,-) pro Nase und die immer noch heißen Temperaturen hielten uns jedoch davon ab, schon wieder über alte Steine spazieren zu gehen.

Die Bucht von Butrint. Foto: Forch

Die Bucht von Butrint. Foto: Forch

Nicht ohne einen Blick auf die traumhafte Bucht von Butrint zu werfen, fuhren wir wieder gen Norden, nach Himara an den Livadhi Strand – albanischer Strand sollte es schon sein. Einen Zwischenstop am Strand von Ksamil legten wir noch ein. Von der versprochenen Idylle war auf dem mit Liegestühlen und Menschen voll gepacktem Strand nichts zu sehen und zu den Inselchen herrschte reger Bootsbetrieb, sodass die Idylle auch dort nicht zu erwarten war.

Der Livadhi Strand ist eine Bucht unterhalb Himaras mit einer recht belebten kleinen Strandpromenade, breitem Kiesstrand und vier Campingplätzen, von denen einige noch im Entstehen sind. Im Großen und Ganzen ein ruhiger und sauberer Strand an dem es auch mal ein paar Meter ohne Menschen gibt. Unser Campingplatz, Livadhi Camping, schien der etablierteste zu sein, recht klein, immer gut gefüllt und von einem gut gelaunten jungen Paar geführt. Allerdings urlaubte dort (den Autokennzeichen nach) nur eine Familie aus Albanien. Insgesamt gibt es an der Küste recht wenige Campingplätze. Ich kann mir gut vorstellen, dass es in einer Aufbruchsgesellschaft wie Albanien durchaus seltsam anmutet, freiwillig und im Urlaub auf dünnen Matte in Zelten auf dem Boden statt in einem bequemen Hotelzimmer zu schlafen. Gleich am ersten Abend am Livadhi Strand kamen wir in den Genuss eines Stromausfalls, der die ganze Bucht umfasste. Hin und wieder kam der Strom für ein paar Minuten zurück, jedes Mal durchzog ein Raunen den Strand. Allerdings hielt die Freude nie lange und es ward wieder dunkel, was auch das Feuer am Strand besser zur Geltung brachte.

Die nächsten und letzten fünf Tage spannten wir aus, lagen im Schatten vor dem Zelt in der Hängematte oder am Strand auf den campingplatzeigenen Liegen. Wir unternahmen einen Ausflug nach Himara in die Nachbarbucht und einen Ausflug in die andere Richtung am Meer entlang, wo es zwei winzig kleine Buchten gibt, die allerdings auch recht gut besucht waren. An diesem Tag hing den ganzen Tag ein Gewitter hinter uns im Berg, und vermutlich regnete es 500 Meter Luftlinie ins Landesinnere auch – am Strand blieb es trocken. Ein interessantes Naturschauspiel.

Am Strand fühlte sich Albanien gleich ganz anders an als noch im Hinterland, viel touristischer, weniger ursprünglich und weniger provisorisch. Über Himara habe ich irgendwo gelesen, dass der Ort bis vor ein paar Jahren weitgehend verlassen war, weil die Menschen keine Perspektive hatten, dort ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Nach und nach kamen sie wieder und mit ihnen die Touristen und so fehlt es zumindest dem unteren Ortsteil Himaras irgendwie an dem gewissen ‚Etwas‘.

Wehemütiger Abschied

17_der Strand vor dem Camping platz in der Dämmerung

Der Strand in der Dämmerung. Foto: Forch

Die Zeit am Livadhi Strand verging wie im Fluge und irgendwann hieß es ‚aufbrechen‘. Auf dem Weg zurück nach Igoumenitsa zur Fähre machten wir noch einen Abstecher an den Strand und die Festung von Porto Palermo. Letztere ist ein imposanter Bau mit Abenteuerfaktor; die im Reiseführer empfohlene Stirnlampe lohnt sich. Der Strand ist für die Verhältnisse der albanischen Riviera gut zum Schnorcheln geeignet, es gibt sogar ein paar Muscheln. Er ist sehr klein, aber auch nicht überfüllt. Nebenan am Berg gibt es einen beeindruckenden Agavenwald.

In Porto Palermo nehmen wir Abschied von Albanien. Auf der Rückreise benutzten wir entgegen den Warnungen vor schlechten Straßen den Grenzübergang bei Konispol. Die Warnung stellte sich als überholt heraus. Bis dahin genossen wir ein letztes Mal die Blicke auf das azurblaue Meer, den speziellen Charme dieses Landes irgendwo zwischen Aufbruch in die Moderne und stehengebliebener Zeit. Ein wenig Italien, ein wenig Polen der späten 90er. Schön war es und für mich steht fest, irgendwann wiederzukommen um auch noch den Rest des Landes zu entdecken.

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