Flucht über die Botschaft: Ein Gespräch mit Kliton Pleqi


20. Juli 2015 | Von | Kategorie: Berichte

Vor einigen Jahren hat Jochen Blanken ein Interview mit unserem langjährigem Vereinsmitglied Kliton Pleqi über seine Flucht aus Albanien geführt. Aus Anlass des 25. Jahrestages der Flucht über die Botschaften geben wir das in den Albanischen Heften gedruckte Interview nochmal wieder.

kliton_pleqi_2Frage:  Was war 1990 der Grund für Deine Flucht in die deutsche Botschaft?

Kliton Pleqi: Ich war damals 19 Jahre alt und fühlte mich reif, über meine Zukunft selbst zu entscheiden. Meine Lage empfand ich als aussichtslos, ich sah keine Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilnahme oder beruflichen Weiterentwicklung. Nachdem mein Onkel Luan Marashi, früherer Vorsitzender des Exekutivkomitees von Tirana und Kandidat des Politbüros, nach einer Auseinandersetzung mit Gefolgsleuten des Mehmet Shehu-Clans in den Selbstmord getrieben oder ermordet worden ist, waren wir als „deklassierte Familie“ verfemt. Ich bekam nach der achtjährigen Pflichtschule ähnlich wie meine Brüder, nicht die gewünschte weiterführende Schule, uns wurden stattdessen niedrige Berufsausbildungen oder Arbeiten angeboten. Nach diesen negativen Erfahrungen suchten wir das Weite – und das lag für uns in Westeuropa. Der Glanz des internationalen wirtschaftlichen Erfolges des Westens, dazu eine damals verbreitete Germanophilie, vielleicht auch verstärkt durch die Fußballweltmeisterschaft, führte uns bei der ersten Gelegenheit in die deutsche Botschaft. Etwas anderes, gar die tschechische oder polnische Botschaft, die auch Flüchtlinge aufgenommen hatten, kam gar nicht in Frage.

Frage: Wie seid Ihr in die Botschaft gelangt?

Kliton Pleqi: Als wir hörten, dass erste Albaner in die Botschaft geflohen waren, sind eine ganze Gruppe von meinen Freunden und mir, darunter meine beiden älteren Brüder ebenfalls in die Botschaft gegangen. Es war ganz leicht, wir kletterten einfach über den Zaun, denn Anfang Juli 1990 gab es dort kaum Sicherheitskräfte. Vielleicht, so wurde später vermutet, wollte die albanische Führung von den Verhandlungen über den Status des Kosovo in der UNO ablenken, und dadurch Slobodan Miloŝević Schützenhilfe geben. Wir waren dort etwa 12 Leute, von denen die meisten gerne nach Hamburg wollten.



Frage: Hattet Ihr denn keine Angst bei diesem Schritt?



Kliton Pleqi: Wir wollten unbedingt raus. Wir waren uns ziemlich sicher, dass man den etwa 3.200 Flüchtlingen in der deutschen Botschaft und den 5.000 Flüchtlingen in allen Botschaften, vor allem auch der italienischen und französischen, nichts tun konnte – die Zahl war einfach zu groß. Natürlich kamen immer wieder Verwandte an den Zaun, auch mein Vater, um uns zum Bleiben zu veranlassen, das war sehr schmerzlich, aber für uns gab es kein Zurück mehr.

Frage: Wie war eigentlich die Situation der tausenden Flüchtlinge auf dem Gelände der Botschaft?

Kliton Pleqi: Das erste Gefühl war das einer völligen Freiheit. Wir waren plötzlich in einem völlig anderen Raum, man konnte sagen, wozu man Lust hatte; politische Witze, die man immer nur hinter vorgehaltener Hand geflüstert hatte, wurden unter Beifall laut  herumerzählt. So etwas hatten wir noch nie erlebt, ich glaube dieses Freiheitsgefühl hatte fast alle erfasst. Die Schwierigkeiten mit der Versorgung waren uns sehr unangenehm, und zwar weniger der Hunger, sondern die Scham darüber, dass wir uns nicht selbst einigen konnten, dass wir in dieser Lage keinen Konsens fanden. Wir haben es nicht geschafft, das Essen gleichmäßig und gerecht zu verteilen, oder selbst für die notwendige Hygiene zu sorgen. Dafür schämte ich mich vor dem Botschaftspersonal, welches sich sehr darum bemüht hat, ein möglichst reibungsloses Miteinander auf dem engen Botschaftsterritorium zu gewährleisten. Bei uns in der Botschaft begann sofort der Raubtierkapitalismus. Eine Gruppe der skrupellosesten Händler von Tirana – ich will hier keine Namen nennen – haben von Anfang an riesige Geschäfte gemacht. Sie haben Beziehungen zur Küche aufgebaut, Lebensmittel gehortet und gegen Bezahlung verteilt. Die Hauptwährung waren Zigaretten, die Nahrungsmittel wurden gegen Wertsachen, vor allem Armbanduhren, eingetauscht. So oft wir wollten, konnten wir uns in die Essensschlange einreihen, wir bekamen nichts ab. Wir haben gehungert, aber einige wurden buchstäblich fetter. Als wir die Botschaft verließen, hatten sie plötzlich große Bestände an gehorteter Wurst, Käse usw. Also mit der Botschaftsflucht hat Albanien nicht unbedingt seine besten Söhne und Töchter verloren!

Frage: Wie war denn nun eigentlich die Ausreise nach Deutschland?

Kliton Pleqi: Bis zum letzten Moment wurde versucht, uns zu verunsichern, wir bekamen keine Informationen über den Stand der Verhandlungen. Die Botschaftsangestellten sagten nur:„Die Verhandlungen laufen gut.“ „Aber wann kommen wir raus?“ schrieen wir, „Wir sind bemüht“, so ging es immer. Es gab Tränen, einige von uns wurden dadurch regelrecht weich geklopft. Immer wieder haben Leute die Botschaft verlassen. Dann fuhren zwei Taxifahrer durch die Botschaftsstraße und gaben uns zu verstehen: „Morgen oder Übermorgen.“ Wie sie da reingekommen sind, weiß ich nicht, auch zwei Polizisten waren aufgeschlossen und sagten uns, was sie wussten. Schließlich kamen aber Mitarbeiter des Innenministeriums und haben die Personalien aufgenommen und uns alle fotografiert. Da wussten wir, jetzt geht es los. Nach zwei, drei Tagen hatten wir dann unsere Pässe. Die Ausreise war nachts, damit es möglichst wenige Leute sehen konnten. Dabei wurden viele Familien bewusst auseinander gerissen: Namen wurden gerufen, wer nicht sofort in den Bus ginge, habe keine zweite Chance, wurde behauptet. So kamen Eheleute oder Erwachsene und Jugendliche, die zusammen gehörten, in verschiedene Busse und dadurch auch auf verschiedene Schiffe. Ich habe damit keine Probleme gehabt, ich war froh wegzukommen, und hatte nach all dem, was hinter mir lag,  das sichere Gefühl, alleine klar zu kommen, und war sicher, meine Brüder später wieder zu finden. Tatsächlich wurden wir getrennt und haben uns erst in Basel wiedergesehen.Brenzlig war es nur, als die Busse plötzlich in Laprakë stehen blieben: „Was ist los, holen sie uns jetzt?“ das ging uns durch den Kopf. Manche waren verzweifelt. „Mensch ich brauche Wasser“, sagten sie, stiegen aus und verschwanden. Aber zwei, die ausgestiegen waren, konnten dann doch wieder ihren Bus erreichen. Auf dem Schiff ergriff nicht nur mich eine tiefe Wehmut, nachts, das Meer so ruhig, wann würden wir unsere Familien und Albanien wieder sehen? An ein Wiedersehen glaubten wir im Grunde nicht.In Italien hatten wir einen rauschenden Empfang, herzlichst, wie im Bilderbuch. An jeder Station standen Italiener, nicht nur das Rote Kreuz oder andere Hilfsorganisationen, auch ganz einfache Menschen liefen zum nächsten Kiosk und kauften für uns Getränke, Zigaretten, Süßigkeiten. Wir waren ja für sie die ersten Boten aus einer berüchtigten stalinistischen Diktatur. In Basel, wo ich meine Brüder wieder fand, standen Eisenbahnwaggons mit Schildern, darauf standen die uns weitgehend unbekannten deutschen Städte, wohin sie fahren sollten. Wir stiegen sofort in den Zug nach Hamburg.

Frage: Wie hast Du dann deine Ankunft in Hamburg erlebt?

Kliton Pleqi: Am Altonaer Bahnhof stand für uns ein toller Bus bereit, solch einen luxuriösen Bus hatten wir noch nie gesehen, „Und das nur für uns.“ Nach 20-30 Minuten ging es dann nach Övelgönne auf das Flüchtlingsschiff: „Bibi Endever“. Für uns war es ein Traum – diese herrlichen Zimmer an der Elbe! Dann kam die Frage nach unserer Religion, wir waren sehr überrascht, darüber hatten wir noch gar nicht nachgedacht. „Essen Sie Schweinefleisch?“ „Auch darüber machen sich die Deutschen noch Gedanken!“ wunderten wir uns. „Ist mir scheißegal, Hauptsache was zu essen!“ Doch dann begann das Grübeln: „Was bist Du eigentlich: Christ, Moslem, Atheist?“ Und die Beobachtung der anderen: „Der will plötzlich religiös sein, wie benimmt er sich denn hier als Gläubiger (Christ oder Moslem)?“

Frage: Wie ging es dann weiter mit Dir?


Kliton Pleqi: Ich war von Juli 1990 bis Juni 1991 auf der „Bibi Endever“. Ich lebte lange Zeit wie im Traum. Wir hatten wenig Geld, aber damals kamen uns 192,- DM, die wir als Taschengeld bekamen, unglaublich vor, Essen und Kleidung gratis und dazu noch Geld! Wir sahen zwar die heruntergekommenen Gebäude am Hamburger Fischmarkt mit Verwunderung, so etwas hatten wir in Deutschland nicht erwartet, aber dann die Reeperbahn – Wahnsinn, dass es so was gibt. Und alles war so billig: In Albanien kostete eine Tafel Schokolade 8 Lekë = 2 Brote, soviel wie ein Tagelohn, hier kaufte ich eine für 3,- DM, das kam mir damals geschenkt vor. Mein heißester Wunsch war, einmal ein Rockkonzert zu besuchen: ich zahlte 25,- DM für ein Konzert mit Ian Gillan von Deep Purple – es war der 26. September 1990 – Wahnsinn, das vergesse ich nie! Auf dem Altonaer Fischmarkt habe ich mir für 60,- DM ein Fahrrad gekauft, ein ausländisches Fahrrad – wow ! ich bin dann viel herumgefahren: Altona, Nienstedten, Blankenese und habe die nahen Hamburger Stadtteile erkundet.Auf dem Schiff waren dann aber doch viele unzufrieden, vor allem, weil sie nicht selbst kochen durften, sondern das essen mussten, was aus der Kantine kam. Und dann dauernd die Besuche der Polizei mit Verhören usw. wegen meist kleiner Vergehen unserer Landsleute. Dann kam es auf dem Schiff zu einer Messerstecherei zwischen zweien von uns. Ich habe mich so geschämt – wieder waren wir die „Wilden“, ohne Benehmen, ohne Kultur. Ich muss sagen, von den anderen lernte natürlich niemand Albanisch, aber wir, die wir uns irgendwie minderwertig vorkamen, wir lernten und verständigten uns nicht nur in Deutsch, sondern auch in Polnisch, Rumänisch, usw.Damals war ich schüchtern und hatte nur wenige Kontakte. Ich war bereit, umsonst zu arbeiten, nur um Anschluss zu finden. Dann war ich kurze Zeit als Küchenhilfe in einem italienischen Restaurant, da bin ich schnell wieder abgehauen, es war die Hölle. Ich hatte Glück gehabt und dachte: „Irgendetwas wird schon kommen.“ Denn ich hatte ja bereits das Unmögliche geschafft, wegzukommen aus Albanien. So kam es auch, im Oktober oder November bekamen wir unseren Status als Kontingentflüchtlinge und damit ordentliche Papiere.Jetzt wusste ich, ich bleibe in Deutschland. „Jetzt musst Du auch die Sprache lernen,“ sagte ich mir, „und das so gut wie irgend möglich!“ Ich habe ab Dezember 1990 mit einem Sprachkurs begonnen. Die meisten Teilnehmer waren älter, 40 Jahre und mehr, ich war 19 und lernte schnell. Als ich fleißig war, hat mir mein Lehrer einen weiterführenden Kurs bei der Otto-Benecke-Stiftung empfohlen. Ich war viel allein und habe täglich 5 – 6 Stunden am Nachmittag gelernt. In der Gemeinschaftsunterkunft konnte man nicht lernen, weil dauernd die Glotze lief, da bat ich um ein Einzelzimmer. Weil ich so bemüht war, bekam ich dies dann auch sofort vom Schiffsdirektor, der inzwischen durchaus unter den Schiffsbewohnern zu unterscheiden wusste und sie nicht alle über einen Kamm geschoren hat. Später kam ich in eine Aussiedlerunterkunft nach Hamburg-Rahlstedt.

Frage: Kannst Du uns noch kurz Deinen weiteren Werdegang schildern.

Kliton Pleqi: Ich sehe meinen Lebensweg eher als vom Glück begünstigt an, wobei es sehr auf die anderen Menschen ankam. Wenn Du die richtigen Leute triffst, kriegst du auch die nötige Hilfe. Natürlich muss man offen sein und engagiert. Zwischen 1990 und 1996 gab es eine unglaubliche Entwicklung meiner Person. Mein früherer Lehrer in Albanien war völlig erstaunt, als er mich in Tirana wieder traf: „Wie Du, warst so demotiviert, faul, inaktiv und jetzt hast Du studiert und einen Job – wer hätte das gedacht.“

Kliton Pleqi hat über das Studienkolleg sein Abitur nachgemacht, die albanische Matura wird nur als Realschulabschluss anerkannt. Einen zweimonatigen Sprachkurs in England hat er mit seinem Job als Packer  beim Otto-Versand finanziert. Dann hat er Sozialpädagogik studiert. Seine Brüder leben und arbeiten ebenfalls in Hamburg. Kliton Pleqi hat 1999 die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen.

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