Mitten unter uns: Ein Interview mit Helga Theodhori

26. Mai 2015 | Von | Kategorie: Berichte

Helga Theodhori arbeitet im Staatlichen Museum für Völkerkunde München als Restauratorin. Sie studierte in den Jahren 1990 bis 1994 Graphik und Darstellende Kunst in Tirana. Das Interview fand in der Cafeteria der Pinakothek der Moderne statt.

interview_helga_theodhoriFrage: Helga, du lebst und arbeitest hier in München. Seit wann?

Helga Theodhori: Seit 2000, seit der Albanien-Ausstellung im Völkerkundemuseum.

Frage: Du stammst selber aus Albanien, aus Korça, auch wenn dein Vorname das nicht vermuten lässt. Was hat dich vor neun Jahren zum Besuch einer Albanien-Kulturausstellung in München und anschließend zum Bleiben veranlasst?

Helga Theodhori: Mein Vorname ist schnell erklärt. Mein Papa hat wie viele andere Albaner jener Zeit in Deutschland studiert, Zahnmedizin. Das war 1958 bis 1963 in Leipzig. Er war so begeistert von Deutschland, dass er seinen Kindern deutsche Vornamen gab – mein jüngerer Bruder heißt Erwin.

Frage: Ging das denn so einfach? Unsere Behörden akzeptieren nicht alle Namen der Welt.

Helga Theodhori: Er hat es irgendwie durchgesetzt. Schwieriger war es eher in der Schule, da wäre ein albanischer Vorname oft einfacher gewesen. Entscheidend aber ist seine Deutschland-Begeisterung, die ist bis heute geblieben. Mit der hat er mich angesteckt … Vielleicht wäre ich sonst nie nach München gekommen.

Frage: Wieso?

Helga Theodhori: Als Professor Raunig 1997 erstmals nach Korça kam, um dort Objekte für die geplante Kulturausstellung auszuwählen, war ich mit dem Studium in Tirana fertig und arbeitete im Nationalmuseum für Mittelalterliche Kunst in Korça. Ich konnte ein paar Brocken Deutsch, weil mein Papa eben gerne deutsch sprach, deutsche Gedichte wusste …

Frage: Helga, wer ist denn Professor Raunig?

Helga Theodhori: Professor Raunig war damals der Direktor des Völkerkundemuseums hier in München. Die Idee einer Ausstellung albanischer Kunstschätze verfolgte er mit der Deutschen Botschaft in Tirana schon vor dem Sturz des kommunistischen Regimes und kam jährlich nach Albanien … Im Museum Korça gibt es eine riesige Ikonen-Sammlung, für die interessierte er sich. Da ich nach dem Studium wieder in Korça bei meinen Eltern lebte, nicht aber am Lyzeum Malerei unterrichten wollte, entschied ich mich für das Restaurieren von Ikonen im Nationalmuseum …

Frage: … und da kam der Kontakt mit Professor Raunig zustande.

Helga Theodhori: Genau. Dass ich etwas Deutsch konnte, war für ihn hilfreich … Zwei Jahre später zum Beispiel durfte ich ihn in der Umgebung von Korça herumführen. Auch lernte er meine Familie kennen.

Frage: Wie kam es da aber zu der Entscheidung, nach München zu gehen?

Helga Theodhori: 1997 war das Chaos in Albanien. Mein Papa riet mir, ins Ausland zu gehen, am besten nach Deutschland, weil er meinte, dass ich in Albanien keine berufliche Zukunft hätte. Als dann Professor Raunig in Korça war und der Kontakt zu ihm entstand, als seine Ausstellung in München konkret wurde – da nahm der Gedanke wegzugehen Gestalt an. Und wenn er auch nicht ausgesprochen wurde, spürte Professor Raunig meinen Wunsch bestimmt, sonst hätte er kurze Zeit später nicht mich gebeten, die Kunstschätze nach München zu begleiten.

Frage: Wieso konntest du dann aber gleich hier geblieben?

helga_theodhori_restau_2Helga Theodhori: Das war wohl eher Zufall, auch etwas Glück … Ich hätte eigentlich wieder zurückfliegen müssen. Nun mussten aber die Ikonen aus Berat vor Ausstellungsbeginn noch restauriert werden. Das Onufri-Museum hatte aber keinen eigenen Restaurator. Da fragte mich Frau Dorsch, die damalige Chefrestauratorin des Völkerkundemuseums, ob ich das nicht machen könne. Dadurch wurde mein Visum um drei Monate verlängert. Später sogar noch zwei Mal, weil es viel zu restaurieren gab.

Frage: Und dann, nach fast einem Jahr, war Schluss?

Helga Theodhori: Nach Beendigung der Arbeiten war eine Rückkehr eigentlich unvermeidbar, es sei denn, ich hätte ein Stipendium bekommen – oder geheiratet.

Frage: Und was hat dich gerettet?

Helga Theodhori: (lacht) Eine Heirat. Ein Stipendium war leider nicht möglich.

Frage: Eine Heirat? Kanntest du denn zu dem Zeitpunkt einen deutschen Staatsbürger, den du heiraten wolltest und der bereit war, dich zu heiraten?

Helga Theodhori: (lacht) Allerdings, der Willi.

Frage: Willi?

Helga Theodhori: Ja, ein Freund, den ich von früher kannte, und mit dem ich in München von Anfang an freundschaftlichen Kontakt hatte. Als mein Bleiben nur durch eine Heirat möglich schien, bot er sich als Partner an. So konnte ich im Museum weiterarbeiten – offiziell als Aufseherin, in Wirklichkeit aber als Restauratorin … Als Frau Dorsch 2004 in Rente ging, konnte ich ihre Stelle übernehmen und bin seitdem fest angestellt.

Frage: Seitdem lebst du glücklich mit Willi und einem festen Arbeitsplatz in München.

Helga Theodhori: Glücklich, ja. Mit einem festen Arbeitsplatz auch. Aber nicht mit Willi. Wir haben uns nach einiger Zeit in Freundschaft getrennt und sind geschieden.

Frage: Und du hattest keine Probleme zu bleiben?

Helga Theodhori: Nein. Ich habe zwar nicht die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen, weil ich meinen albanischen Pass nicht hergeben wollte, aber durch meine Arbeit bin ich abgesichert … Probleme gibt es jetzt nur, nachdem ich im Sommer wieder geheiratet habe, und zwar einen Albaner, in Albanien. Die Anerkennung dieser Ehe hier ist sehr kompliziert, und Ziso bekommt immer nur begrenzte Aufenthaltsvisa. Die Zeit reicht oft nicht für die vielen, komplizierten Behördenbesuche und die Fahrten zur Albanischen Botschaft nach Berlin.

Frage: Habe ich das richtig verstanden: Die Anerkennung würde bedeuten, dass dein Mann zu dir ziehen kann, nach München?

Helga Theodhori: Genau! Ziso ist Kunstmaler, wir haben zusammen in Tirana studiert. In Albanien hat er beruflich aber genauso wenig Chancen wie ich damals in Korça. Die Leute dort haben zur Zeit ganz andere Probleme als Kunstgemälde zu kaufen, die geben ihr Geld für andere Dinge aus. Hier in Deutschland, wo er nach unserer Hochzeit in Tirana noch zu Besuch war, konnte er an einer Kunstmesse im Saarland als Aussteller teilnehmen. Da hat er größere Chancen.

Frage: Wie kam es denn zu dieser Gelegenheit? Da müssen doch vorher schon Kontakte gewesen sein?

Helga Theodhori: Das stimmt. Hauptsächlich zu Pino Bonanno, einem international bekannten Künstler aus Italien, in dessen Atelier in Umbrien wir im letzten Jahr auch schon Workshops durchgeführt haben. Beim Künstlersymposion im September war der auch dabei.

Frage: Helga, du hast eben ›wir‹ gesagt – auch du hast ja Kunst studiert. Malst du denn auch noch, schaffst Kunstwerke neben deiner Arbeit als Restauratorin?

Helga Theodhori: Ja, ich male, sobald ich Zeit dafür habe – vor allem Ruhe. Meistens am Wochenende, dann schließe ich mich regelrecht ein. Zur Zeit ist meine Mama zu Besuch, da geht das natürlich nicht. Da machen wir eher Ausflüge in die Stadt oder die Umgebung.

Frage: Verkaufst du deine Bilder? Würdest du gerne als Künstlerin arbeiten?

Helga Theodhori: Mir geht es nicht um das Verkaufen. Wenn ich male, dann ist das nur für mich, eine Art Luxus. Ich wollte nie abhängig sein von meiner Malerei, weißt du?

Frage: Und das hast du ja geschafft, oder?

Helga Theodhori: Ja, das habe ich geschafft. Ich bin zufrieden, hier in Deutschland leben und arbeiten zu können …

Frage: Besser als in Albanien?

Helga Theodhori: Besser als in Albanien!

Frage: Irgendwie hast du ja auch den Traum deines Vaters verwirklicht und lebst in seinem Wunschland … Willst du dennoch einmal in die Heimat zurückzukehren, wie so viele Migranten hier in Deutschland es sich vorstellen? Also nach Korça, ins Elternhaus?

Helga Theodhori: Ich weiß es nicht. Ich fahre gern auf Besuch nach Korça. Um das Haus kümmert sich Erwin, der dort bei unseren Eltern lebt … Aber dort bleiben? Ich weiß nicht.

Frage: Helga, vielen Dank für deine Auskünfte über dich.

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