Ein ‚Gerechter unter den Völkern‘ gibt Berliner Schule seinen Namen

8. November 2014 | Von | Kategorie: Berichte
12968769_10154139677702375_24278193_n

Ein Zeichen der Anerkennung von Verschiedenheit. Foto: Hajdari

Was tun wenn Recht zu Unrecht wird? Wenn viele das Falsche tun? Diese Frage stellte sich vor achte Jahren der US-Amerikanische Fotograf Norman H. Gershman bei der Konzeption seiner Ausstellung ‚Besa‘, welche im Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York im Jahre 2008 das erste mal gezeigt wurde. Die Bilder erzählen die außergewöhnliche Geschichte der Rettung von Juden durch Albaner während des Zweiten Weltkrieges.

Für sein Projekt hatte der Fotograf bewusst den albanischen Begriff ‚Besa‘ gewählt: das traditionelle albanische Ehrenwort, das unter allen Umständen gehalten werden muss, selbst dann nicht, wenn das eigene Leben gefährdet ist. „Bis vor einiger Zeit kannte ich ‚Besa‘ nicht“, meinte die Programmdirektorin des jüdischen Museums in Berlin, Cilly Kugelmann. „Jetzt weiß ich, es geht um menschliche Kraft, um den Mut und die Zivilcourage von Albanern während des Zweiten Weltkriegs.“

Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers im Jahre1933 flohen Juden in alle Himmelsrichtungen. Albanien nahm nach offiziellen Angaben fast 2.000 dieser Flüchtlinge auf, stattete sie mit albanische Pässe aus und gewährten ihnen Zuflucht. Viele Albanerinnen und Albaner retteten – unabhängig ihrer eigenen Religionszugehörigkeit – etliche Juden vor der möglichen Deportation.

Ein Teenager als Vorbild

Der 17jährige Refik Veseli

Der 17jährige Refik Veseli

Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ehrt 23.788 Nichtjuden als ‚Gerechte unter den Völkern‘, darunter auch 69 Albanerinnen und Albaner. Refik Veseli und seine Eltern gehören dazu, weil sie nach dem Einmarsch der Deutschen in Albanien im Jahr 1943 zwei jüdische Familien versteckt hielten. Eine Schule im Berliner Stadtteil Kreuzberg hat sich deswegen den Namen Refik Veseli gegeben. Am 8. Oktober 2014 wurde diese Namensgebung feierlich begangen – in Anwesenheit von Angehörigen einer der beiden jüdischen Familien, die bis zur Befreiung 1944 bei den Veselis lebten, sowie des Sohnes, der Schwiegertochter und des Enkels ihres Retters.

Diese Geschichte wiederum begann 2012 als SchülerInnen und Schüler der 8. bis 10. Klasse der Kreuzberger Sekundarschule nach Israel reisten. „Für uns war das ein besonderes Ereignis“ sagte Ferat, einer dieser Schüler. Auf dem Programm stand auch ein Besuch von Yad Vashem. „Dort erfuhren wir von Refik Veseli“, erzählt der Junge.

Die jüdische Familie Mandil war 1942 vor den Nazis nach Albanien geflohen. Zuerst kam sie bei dem Fotographen Neshad Prizerini unter, der dem Familienvater Mosche Mandil Arbeit und eine Unterkunft anbot. Im Fotoladen lernte Mandil den 17jährigen Lehrling Refik Veseli aus dem Dorf Kruja kennen, der das Fotohandwerk in Tirana erlernen sollte. Als die deutsche Wehrmacht in Albanien einfiel, wurde die Situation für die Juden unerträglich. Refik Veseli brachte daraufhin die Mandils ins Bergdorf seiner Eltern und Geschwister um sie zu verstecken. Später kam eine zweite jüdische Familie dazu. Beide jüdische Familien überlebten die deutsche Besatzung, die bis November 1944 andauerte.

12935337_10154139678742375_515012736_n

Die Kinder und Enkel von Refik Veseli und Mosche Mandil treffen sich in Berlin wieder. Foto: Hajdari

Dem Geschichtslehrer Heinrich Meise zufolge waren seine Schüler von der Geschichte so begeistert, dass sie nach ihrer Rückkehr aus Israel Refik Veseli als Namensgeber ihrer Schule vorschlugen. „Sie fanden es toll, dass ein 17jähriger, ein Junge in ihrem Alter, den Mut hatte, die jüdischen Familien zu retten.“

Refik Veseli wurde in einem laufenden Namensgebungsprozess eingebracht. Der Vorschlag wurde von Lehrern, Schülern und Eltern mit großer Mehrheit einstimmig angenommen. Für eine Schule, die zu 95 Prozent von Schülern mit Migrationshintergrund besucht wird, ergebe sich dadurch ein neuer Zugang bei der Auseinandersetzung mit der Schoah. „Wir sind da in einem ganz neuen Themenfeld“, betont Meise. Neben einer deutschen werde den SchülerInnen und Schüler eine albanische Perspektive aufgezeigt.

70 Jahre nach der Befreiung Albaniens fanden sich Ruti und Ron Mandil, die Enkelkinder von Mosche Mandil, „im Herzen Deutschlands“ ein, um die Retter ihrer Familie zu gedenken. Dass eine deutsche Schule nach Refik Veseli benannt werde, bezeichnete Ruti Mandil als wichtiger Schritt. „Als ihr euch dazu entschlossen habt, die Erinnerung an den Namen Refik Veseli zu bewahren, habt ihr euch dazu entschlossen, das Licht zu bewahren“, erklärte sie und würdigte den Namensgeber der Schule als eine Person, die von dem humanistischen Impuls geleitet worden sei, Menschenleben zu retten, unabhängig von deren Kultur, Rasse und Religion.

Es geht um die Anerkennung von Verschiedenheit

„Es handelt sich auf alle Fälle um eine Botschaft des Friedens“, bekräftigt Schulleiterin Ulrike Becker. An ihrer Schule sei man bestrebt, den Schülerinnen und Schülern die Anerkennung von Verschiedenheit zu vermitteln,  ein Konzept, das bei Schülern und Eltern offenbar gleichermaßen ankommt: „An unserer Schule gibt es viele Nationalitäten, die untereinander befreundet sind“, sagt Feride, Schülerin der 10. Klasse. Sie verbinde den Namen Refik Veseli mit Freundschaft zwischen unterschiedlichen Religionen und Nationalitäten. „Für mich bedeutet er Respekt, Hilfe und Unterstützung“ fügt Nura, Schülerin der 9. Klasse, hinzu.

Während Geschichtslehrer Meise den neuen Namen der Schule als „Zeichen für Akzeptanz und Inklusion in der Gesellschaft“ verstanden wissen will, wünschte sich ein türkischer Vater, „dass Refik Veseli für unsere Kinder zum Vorbild wird“.

Was wohl Refik Veseli selbst dazu sagen würde? „Er war kein Mann großer Worte. Er handelte nicht aus dem Bedürfnis heraus, Ruhm zu erlangen. Doch sicher wäre er stolz gewesen, zu erfahren, dass eine Schule seinen Namen trägt“, meinte Ron Veselaj, Enkel des im Jahre 2000 verstorbenen Refik Veseli. Um die Ehrung seines Großvaters mitzuerleben, ist er mit seinen Eltern aus Tirana nach Berlin gereist.

 

 

Letzte Beiträge

Teilen:

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedintumblrmail
Schlagworte: , , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar