Kommentar zur 100-Jahresfeier in Albanien

1. Dezember 2012 | Von | Kategorie: Kalenderblatt

Logo Fituese PerfundimtareHurra, wir sind hundert!, oder: Darf’s noch ein Doppeladler mehr sein?

Es ist soweit: Albanien wird hundert, oder genauer: am 28. November jährt sich der Tag zum 100. Mal, an dem in Vlora eine Versammlung mehr oder minder wichtiger Lokalgrößen aus dem ganzen albanischen Raum und aus Bukarest zusammentrafen und sofort die Unabhängigkeit ganz Albaniens ausriefen, um der Eroberung durch die Balkanarmeen nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches etwas entgegenzusetzen.

Nicht nur Albanien selbst ist seit Tagen ein rot-schwarzes Meer von Flaggen, Bändern und Plakaten, sondern auch Kosovo, Westmakedonien, Südostmontenegro. Auch in Makedonien haben die albanischen Politiker offizielle Feierlichkeiten durchgesetzt, was die Makedonier mit Argwohn betrachten. Gerade auf dem Balkan sind solche historischen Jubiläen immer eine heikle Sache, weil sie leicht instrumentalisiert werden können – man denke nur an den Umgang des Milosevic-Regimes mit dem 600. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld von 1389.

Die albanischen Politiker reisen in den Tagen vorher viel im benachbarten Ausland herum. Besonders Ministerpräsident Berisha hält seine berüchtigten populistischen Reden, in denen viel von „bashkim“ (Vereinigung) der Albaner die Rede ist. Natürlich geht es ihm nur und ausschließlich um das Ziehen am gemeinsamen Strang, aber der Subtext ist unübersehbar.

Er setzt Signale nach ganz rechts, denn mit der Partei „Allianz Rot-Schwarz“ (AKZ) von Kreshnik Spahiu gibt es eine Rechtsaußen-Opposition, die bei den Parlamentswahlen im Juni mit größter Wahrscheinlichkeit ins Parlament einziehen wird. Berisha will die nationalistische Wählerschaft bei der Stange halten und sich zugleich die Möglichkeit offen halten, Spahius Stimmen zum Weiterregieren zu erhalten. Spahius Leute werden am 28. November die Grenzposten zwischen Albanien und Kosovo (oder wie sie sagen, an der albanisch-albanischen Grenze) besetzen und mit einer Unterschriftensammlung für ein Referendum für einen Zusammenschluss Albaniens und Kosovos beginnen. Die Parlamente müssten, wenn die AKZ erfolgreich wäre, entweder den Willen der Wähler ignorieren und sich damit nach innen delegitimieren oder einen Schritt unternehmen, für den es seitens der internationalen Gemeinschaft keinerlei Rückhalt gäbe, der Albanien isolieren und Kriegsgefahr bedeuten würde.

Robert Elsie, der wohl fleißigste Albanologe aller Zeiten, und Bejtullah Destani vom Zentrum für Albanischen Studien in London stellen im „Sheraton“ ein englischsprachiges Buch über die Çamen vor, die muslimischen Albaner in Griechenland, die nach Kriegsende vertrieben wurden. Sicher verdienstvoll, und die Autoren sind keine Advokaten eines albanischen Chauvinismus, aber das bloße Faktum ist Wasser auf dessen Mühlen.

Das Fernsehen sendet ohne Ende interessante historische Dokumentationen, dazu Werbespots der albanischen Streitkräfte und Highlights wie den Satz von US-Außenministerin Hillary Clinton vor dem albanischen Parlament, wer eine funktionierende Demokratie sehen wolle, müsse nur Albanien besuchen. Dass sie das nicht als Zustandsbeschreibung, sondern als Zukunftsziel formuliert hat, stört dabei nicht weiter.

Ausstellungen aller Art gehören zum Programm: vor dem Historischen Nationalmuseum am Skanderbegplatz reihen sich riesige Menschenschlangen auf, gebändigt von Ordnungskräften, denn der angebliche Helm und die angeblichen beiden Schwerter Skanderbegs werden erstmals in Albanien ausgestellt. Zum Glück habe ich die guten Stück schon mehrmals in der Wiener Hofburg gesehen, so dass ich mir das Vergnügen einer Wartegemeinschaft sparen kann. Mehrere Hunderttausend Besucher soll die Ausstellung haben.

Wenig besucht, aber viel interessanter ist im selben Museum eine Ausstellung von Fotos des legendären Shkodraner Ateliers Marubi aus der Zeit 1850-1950; man ist immer wieder überrascht wie weit die Geschichte der albanischen Fotografie zurück reicht. Gestochen scharfe Aufnahmen der Männer und sehr wenigen Frauen, die Albaniens Geschichte geprägt haben, wirken mehr als eine Ausstellung historischer „Gemälde“ der Güteklasse, die früher bei uns in Kaufhäusern angeboten wurden.

AH-3-2012Im Amt des Ministerpräsidenten stellt ein Maler Porträts der 40 Männer aus, die 1912 die Geburtsurkunde Albaniens unterzeichnet haben – die der großen Namen wie Ismail Qemal Bej Vlora und Midhat Bej Frashëri ebenso wie die ganz Unbekannten wie Veli Harxhi. Passt gut zu unserem Artikel in der 3/2012 Ausgabe der Albanischen Heften mit Kurzbiographien dieser Herren.

Und ich muss in die Nationalbibliothek, wo erstmals das Original des einzigen und unvollständigen Exemplars des ältesten albanischen Buches, des sogenannten „Messbuches“ von Gjon Buzuku (1555), als Leihgabe der Vatikanischen Bibliothek zusammen mit anderen frühen albanischen Drucken aus dem Besitz der Nationalbibliothek zu betrachten ist. Wie es aussieht, weiß ich aus Eqrem Çabejs legendärer Ausgabe, aber es ist doch etwas anderes, wenn man das Original wenige Zentimeter vor sich hat.

Derweil sprießen die Denkmäler aus dem Boden wie Pilze nach dem Regen. Adem Jashari, der Gründer der UÇK, bekommt ein sechs Meter hohes naturalistisches Standbild Marke Old Shatterhand auf einer Kreuzung im Westen der Stadt; eine ältere, eher symbolisierende Büste wird als „abgeschrieben“ entfernt. Staatsgründer Ismail Qemal Bej Vlora zieht aus der Vorhalle des Nationalmuseums auf den Boulevard der Helden der Nation um. Dass das erste L gleich abfällt, reizt die Opposition zu Frontalangriffen auf das Management der Regierung. Hasan Bej Prishtina, Kosovarenführer, Minister, für 5 Tage Regierungschef, Zogu-Gegner, im Exil Anführer eines Mussolini-Fanclubs, bekommt eine Statue – ausgerechnet auf dem Zogu-Boulevard: der Ermordete in der Straße, die den Namen seines Mörders trägt.

Der Kult um Zogu nimmt immer gewaltigere Formen an; seine Überreste werden aus Frankreich eingeflogen und in einem neu- oder wiedererrichteten Mausoleum beigesetzt, wo er sich mit seiner Frau Geraldina und seinem vor einem Jahr verstorbenen Sohn Leka trifft (die Kommunisten hatten 1944 das an gleicher Stelle stehende Mausoleum für Zogus Mutter Sadije hochgejagt). Lekas gleichnamiger 30jähriger Sohn ist derweil als „Berater“ beim neuen Präsidenten Bujar Nishani installiert; bei der Verleihungszeremonie der Anerkennungsmedaille für den deutschen Historiker Peter Bartl gehört er zur Entourage Nishanis, eines sympathischen zurückhaltenden Mannes, dessen wesentliche Aufgabe darin liegt, Berisha nicht im Weg herumzustehen.

Berisha will das monarchistische Potential unbedingt in seinem Lager halten. Selbst sein Koalitionspartner Ilir Meta von der LSI warnt davor, Zogu auf Kosten Ismail Qemals in den Himmel zu heben. Pëllumb Xhufi, ein Historiker und linker Politiker, klagt mehr Objektivität ein: wer von Zogus Verdiensten rede, könne die von Enver Hoxha nicht unter den Tisch fallen lassen.

In Elbasan wird derweil die Statue des damaligen Ortsgewaltigen Aqif Pasha Biçaku-Elbasani aufpoliert, und auch Lef Nosi, 1912 Postminister, im II. Weltkrieg Mitglied des Regentschaftsrates unter deutscher Besatzung und deswegen später erschossen, bekommt sein Denkmal.

Am 29.11. weihen Berisha, Bürgermeister Lulzim Basha (sein neuer Kronprinz) und der stellvertretende Parlamentspräsident von Österreich, Fritz Neugebauer, eine neue Straße gleich um die Ecke von der Wohnung meiner Gastgeber ein; sie trägt den Namen „Rruga Kont Leopold Bertold“ (Graf-Leopold-Berchtold-Straße). Es ist den Albanern leider nicht auszutreiben, fremde Namen den eigenen Aussprachegepflogenheiten anzupassen, was häufig schief geht; das „ch“ geht verloren,  die korrekte Schreibung wäre eigentlich „Berxhtold“. Der Mann war 1912-15 österreichisch-ungarischer Außenminister, und er muss unbedingt geehrt werden, weil Wien sich für die albanische Unabhängigkeit ins Zeug gelegt hat. Dass Berchtold als einer der Verantwortlichen für die Eskalation gilt, die nach der Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo zum I. Weltkrieg führte, spielt hier keine Rolle. Schließlich gibt es in Tirana ja auch einen Boulevard George W. Bush.

Der Streit um Symbole geht munter weiter. Die Opposition beschuldigt die Regierung, Flaggen und Fähnchen in Auftrag gegeben zu haben, die nicht genau den gesetzlichen Vorschriften entsprechen, weil der Doppeladler nicht die vorgeschriebene Anzahl an Federn habe – das kommt davon, wenn man statt einer graphisch einfachen Trikolore unbedingt die byzantinische Flagge recyceln muss. Und nach Jahren des Zanks, ob die letzten deutschen Soldaten am 28. oder am 29. November 1944 verlassen haben (die Demokraten sind für den 28., die arbeitnehmerfreundlichen Sozialisten traditionell für den 29., was einen zusätzlichen Feiertag bringt), gibt nun der Kollege Bernd Jürgen Fischer aus Indiana einen Quellenband heraus und behauptet, es habe doch bis zum 4. Dezember gedauert.
Nach den allfälligen Tagungen ist es dann soweit: der 28. November bricht an. Die Staatsführungen Albaniens und Kosovos einschließlich des unübersehbar langen Oppositionsführers Edi Rama ist vormittags in Vlora versammelt, um Kränze an Ismail Qemals Grab niederzulegen. Kosovarische Reiter in historischen Kostümen und mit vielen Flaggen, auch einer US-Flagge, aber keiner der EU, nehmen teil; Berisha setzt sich eine gegische Qeleshe auf. Er bekommt derweil die Quittung für seine wilden Ansprachen; wegen der Äußerung, auch Preveza sei historisch eine albanische Stadt, sagt der griechische Außenminister Dimitris Avramopoulos seine Teilnahme ab, und auch Georgi Ivanov, der makedonische Präsident, hatte nach Krawallen bei einem Besuch von Ministerpräsident Nikola Gruevski diesen Termin abgesagt. Albanische und makedonische Gehirneinzeller verbrennen munter die Flaggen der jeweils anderen Seite.

Nachmittags sind der Skanderbegplatz in Tirana und die Boulevardachse mit sechsstelligen Menschenmengen gefüllt. Auf der Plattform des Kulturpalastes wurde eine riesige Billig-Flachtorte von 4 Tonnen Gewicht aufgebaut und unter chaotischen Umständen verteilt bzw. stapelweise eingesackt. Nachmittags hat man mit jeder Bewegung zwar keine Torte im Gesicht, aber auf dem Mantel und an den Schuhen. Immerhin hat man von der Idee Abstand genommen, 1000 Lämmer und 1000 Zicklein zu schlachten und das Fleisch öffentlich an Bedürftige zu verteilen; ein Blutbad auf dem Skanderbeg-Platz hätte noch gefehlt.Kurz bevor es losgeht, öffnen sich die himmlischen Schleusen. Aber man kann sich ja auch in eines der zahllosen Cafés setzen und die sogenannte Militärparade – ein Defilee albanischer und ausländischer Kontingente ohne Panzer und Raketen – am Bildschirm ansehen. Das abendliche Konzert einer in London lebenden Sängerin namens Rita Ora auf dem Mutter-Teresa-Platz vor der Universität wird dann vollends in einem Wolkenbruch untergehen, was Tausende von schirmbewehrten Zuschauern nicht abschreckt, aber es ist schade für viele Menschen, darunter auch viele Kinder, die für den großen Tag Darbietungen vorbereitet hatten.

Aber Frau Ora – deren Namen ich, offen gestanden, noch nie gehört habe – ist nach Berishas Auffassung viel besser als Madonna; sie redet ihre Landsleute ständig auf Englisch an. Berisha ist häufiger in den Kameras zumindest der regierungsnahen Stationen als Rita Ora selbst.Für ihn ist die ganze Sache gut gelaufen. Er hat sich als Führer Albaniens zum Zeitpunkt des Staatsjubiläums mit Strahlkraft auf die Albaner in den Nachbarländern profiliert. Die Opposition musste entweder mitmachen oder den Spielverderber geben. Es trifft nicht den Nerv der großen Mehrheit, die einfach ein paar Tage des Wohlfühlens haben wollte, wenn der frühere sozialdemokratische Außenminister Paskal Milo zusammen mit Pëllumb Xhufi im Fernsehen (irgendein oppositionsnaher Kanal) mit verknitterter Miene Kritik an der oftmals verheerenden Organisation oder an der parteipolitischen Nutzung des offiziellen Staatsempfanges durch die Regierung übt.Als Deutscher habe ich mit nationalem Überschwang so meine Probleme. Äußerungen wie die von Nishani, der Doppeladler habe anderen Völkern nie geschadet, klingen für mich eher als Drohung.Es ist für mich immer weniger erkennbar, wohin die Reise Albaniens geht. Seine europäische Orientierung ist mehr und mehr Lippenbekenntnis, zumal die EU Albanien keine Beitrittsperspektive in einem absehbaren Zeitrahmen eröffnet. Die emotionale Bindung an die USA ist im ganzen albanischen Raum viel höher. Die Dementis gegenüber großalbanischen Träumereien verlieren nach diesen Feiern erneut an Glaubwürdigkeit.

 

 

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