Wir trauern um einen Freund: Ardian Klosi

6. Mai 2012 | Von | Kategorie: Verein
Ardian Klosi (1957-2012)

Ardian Klosi (1957-2012)

Ardian Klosi wurde in eine Familie des damaligen Establishments hineingeboren. Sein Vater Bilbil Klosi war von 1951-1966 Justizminister – für lange Zeit der letzte, weil im Zuge der kulturrevolutionären Schläge gegen die letzten Reste einer unabhängigen Justiz das Ressort zwischen 1966 und 1990 aufgehoben wurde. Ardian Klosis Ende 2011 verstorbene Mutter Jonilda war die Tochter des bekannten Sprachwissenschaftlers und Pädagogen Aleksandër Xhuvani; ihre Schwester Semiramis war die Frau von Ramiz Alia, sie starb kurz nach der Machtübernahme durch ihren Mann 1985.

Klosi konnte im westlichen Ausland studieren, u.a. in München, wo er mit einer vergleichenden Studie zu mythologischen Elementen im Werk von Ivo Andric, Nikos Kazantzakis und – natürlich – Ismail Kadare promovierte. Sein perfektes Deutsch machte ihn früh zu einem der profiliertesten Übersetzer aus dem und ins Deutsche.In der Zeit der Wende war er einer der ersten Intellektuellen, die mit politischen Kommentaren und Essays versuchten, vorwärtsgewandte Perspektiven in einen Umbruch zu bringen, der von gewalttätiger Negierung von allem, was mit dem kommunistischen System verbunden war, und von undifferenzierter Idolisierung von allem „Westlichem“ geprägt war. Z.T. mit dem Künstler Edi Rama – heute Vorsitzender der Sozialisten – und mit seiner deutschen Frau, der Fotografin Jutta Benzenberg, gab er zahlreiche Bücher heraus, die sowohl den inneralbanischen Dialog belebten als auch die Sicht des Auslandes auf den konvulsivischen Umbruch in Albanien beeinflussten.

Klosi war äußerst produktiv bei wissenschaftlichen Studien über Fragen der albanischen Sprache und Geschichte und als Herausgeber und Übersetzer; erwähnt sei seine Ausgabe der Studien des Arztes Karl Reinhold, der im 19. Jahrhundert Sprachmaterial albanischer Seeleute in Griechenland sammelte. Als Übersetzer und Verleger der im albanischen Raum heftigst umstrittenen Skanderbeg-Biographie von Oliver Jens Schmitt zog er 2008 viele Pfeile in dieser kaum wissenschaftlich, aber umso mehr nationalpolitisch geführten Kontroverse auf sich, als er sich pointiert gegen eine Dominanz von Mythen gegenüber historischen Forschungsergebnissen wandte.

Er setzte sich für enge Beziehungen, besonders in der Kultur, zwischen Albanien und Deutschland ein; deshalb stand er seit Jahren an der Spitze der Robert-Shvarc-Gesellschaft in Tirana, die sich dieser Aufgabe verschrieben hat.Gerade weil er nicht ins nationalistische Horn blies, blieb er ein engagierter Bürger seines Landes, der sich, besonders nach seiner endgültigen Rückkehr nach Albanien 1998, immer wieder einmischte, ohne auf hohe Ämter zu spekulieren. 1997/98 leitete er in turbulenten Zeiten die staatliche Rundfunk- und Fernsehanstalt. Er organisierte ohne parteipolitische Rücksichten Kampagnen gegen umweltzerstörerische Projekte in Vlora und anderswo sowie zuletzt gegen den Abriss der sogenannten Pyramide (des früheren Enver-Hoxha-Museums im Zentrum von Tirana). Sein (auch ins Englische) übersetztes Buch über die von einer kriminellen Connection zwischen Regierung, Verwaltung und mafiösen Geschäftemachern verschuldete Katastrophe in einer Anlage für Munitionsentschärfung in Gërdec, bei der 2008 25 Menschen starben, ist ein Aufschrei gegen die Verkommenheit des politischen Lebens in seinem Land. Durch seine publizistische und verlegerische Tätigkeit besaß Ardian Klosi einen hohen Bekanntheitsgrad als ein Journalist, dessen kritische und unabhängige Stimme von vielen sehr geschätzt wurde.

Ardian Klosi war auch für die DAFG immer wieder ein wichtiger Gesprächspartner, dem wir viele wichtige Informationen und Einschätzungen verdanken.Anfang des Jahres gingen beunruhigende Meldungen über angebliche Selbstmordversuche Klosis durch die Medien. Am 26. April 2012 wurden sie auf schreckliche Weise bestätigt.Unsere Anteilnahme gilt Ardian Klosis Frau, Jutta, und seinen beiden Töchtern, Hanna und Katharina.

Der Vorstand der DAFG

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