Ali Dhrimo (1939-2011)

6. Dezember 2011 | Von | Kategorie: Verein
Ali Dhrimo (1939-2011)

Ali Dhrimo (1939-2011)

Die Nachricht kam nicht unerwartet: In Tirana ist der Sprachwissenschaftler und Germanist Ali Dhrimo am 16. November 2011 einer langen Krankheit erlegen. Eine Therapie in Deutschland vor zwei Jahren konnte ihren Verlauf verlangsamen, aber nicht aufhalten.

Ali Dhrimo wurde am 29. März 1939 in Çorraj (Kreis Saranda) geboren. (Manchmal wird 1938 als Geburtsjahr angegeben, aber die Geburtenregistrierung war damals nicht zuverlässig.) Er besuchte nach der Dorfschule eine Polytechnische Oberschule in Tirana und machte 1956 sein Abitur. Gleich danach wurde er zum Studium in die DDR geschickt; eigentlich sollte er als Bergbauwissenschaftler in die Industrie gehen, aber zum Glück konnte er noch rechtzeitig auf die Sprachwissenschaft umsteigen, die er in Leipzig belegte. Er setzte sein Studium an der Universität Tirana fort. Nach dem Diplom 1963 arbeitete er im Sprach- und Literaturwissenschaftlichen Institut, das 1972 tragende Säule der Akademie wurde. Bereits 1974 konnte er zu einem Forschungsaufenthalt an die Nationalbibliothek in Kopenhagen. 1975 wurde er als Redakteur in den Naim Frashëri-Verlag versetzt.

Neben wichtigen Autoren des Sozialistischen Realismus redigierte er die Übersetzungen deutschsprachiger Autoren. Damals erschien mehr deutsche Literatur auf dem albanischen Markt, als man meinen sollte, neben Klassikern auch Hesse, Böll und der politisch hoch geschätzte Max von der Grün. 1980 kehrte er in die Akademie zurück. Er redigierte die sprachpflegerische Zeitschrift „Gjuha Jonë“ und lehrte zugleich an der Fremdsprachenfakultät. In diesen Jahren begleitete er die wissenschaftlichen Reisegruppen unter Leitung des 2010 verstorbenen Bonner Sprachwissenschaftlers Johann Knobloch, und wer verfolgte, wie er den ganzen Tag über in der Hitze eines nicht klimatisierten Hotels Vorträge aus den verschiedensten Bereichen zwischen Albanisch und Deutsch hin und her übersetzte, konnte nur tief beeindruckt sein. Ende 1981 begleitete Ali Dhrimo den Akademiepräsidenten Aleks Buda bei dessen spektakulärer Reise nach Westdeutschland und hielt Vorträge an mehreren Universitäten. 1981 erwarb er den dem Doktorgrad entsprechenden Titel, vier Jahre später den der Professur entsprechenden. Zwischen 1988 und 2002 erhielt er insgesamt vierjährige Humboldt-Stipendien für mehrmonatige Forschungsaufenthalte in (West-)Deutschland. 1992 gründete er den Fachbereich Deutsch an der Fremdsprachenfakultät der Universität Tirana und wurde bis 1997 Dekan der Fakultät. Später arbeitete er an einer Privatuniversität. Gleichzeitig erarbeitete er mit Hamlet Bezhani (unter wegen der ständigen Stromausfälle sehr schwierigen technischen Rahmenbedingungen) das bisher umfangreichste deutsch-albanische Wörterbuch, das 1996 in dem deutschen Wissenschaftsverlag Harrassowitz in Wiesbaden erschien.

2004 ging er in Pension, aber publizierte weiter, u.a. ein sehr voluminöses albanisch-deutsches Wörterbuch. 2008 erschien der erste Band einer Sammlung seiner Aufsätze. Sein Schwiegervater war ebenfalls ein bekannter Sprachwissenschaftler, Selman Riza (1909-1988), der sowohl in Kosovo wie in Albanien Opfer politischer Repression wurde. Ali Dhrimo war einer der ersten Wissenschaftler, die unter dem kommunistischen System ausgebildet wurden und gearbeitet haben, die Albaniens Wissenschaft in Deutschland ein Gesicht gegeben haben. Er war oft mit Vertretern der DAFG zusammengetroffen und hatte deutschen Medien häufig Interviews, auch zu nicht wissenschaftlichen Themen, gegeben. Er gehörte zu denen, die schon vor der Herstellung diplomatischer Beziehungen zwischen Bonn und Tirana, die deutsche Sprache und Kultur in seinem Land vertrat, als Deutschland in erster Linie als frühere Besatzungsmacht wahrgenommen wurde. Für die deutsch-albanischen Kulturbeziehungen ist und bleibt er eine der wichtigsten Persönlichkeiten, und für viele von uns war er ein guter Freund, der uns fehlen wird.

Der Vorstand der DAFG

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