Kinder der Natur von Luljeta Lleshanaku

19. März 2011 | Von | Kategorie: Bücher

Luljeta Lleshanaku: Kinder der Natur. Aus dem Albanischen von Andrea Grill. Edition Korrespondenzen, Reto Ziegler, Wien 2010 ISBN 978- 3-902113-74-0

lleshanaku_kinderDas heimliche Entwenden des großen Schlüssels während meine Großmutter ihren gesegneten Mittagsschlaf abhielt um die Stufen hinauf zur Dachkammer zu steigen, den Schlüssel im Schloss nach rechts und nicht nach links gedreht – so hatte ich es mir gemerkt. Der Geruch von Staub und Moder liegt in der Luft, mein Blick fällt auf alte Kisten, Truhen und Kommoden voller Dinge mit eigener Geschichte. Hier finde ich die Schätze der Vergangenheit – das bin ich mir sicher – hier finde ich die Geheimnisse meiner Familie, deren Geschichte eng mit den Ereignissen des 20. Jahrhunderts verknüpft ist…

Diese Episode meiner eigenen Kindheit fiel mir wieder ein, als ich den Gedichtband Kinder der Natur der 1968 in Elbasan geborenen Luljeta Lleshanaku zu lesen begann. Sie hat es geschafft in ihren 50 Gedichten, ihre Erinnerungen, Versatzstücke längst vergangener Zeiten so zu spinnen, dass es Leser wie mich selbst in die eigene Kindheit zurückführt. So holt sie längst vergessene und durch den hektischen Alltag verdrängte Erinnerungen an den Geschmack von Milch, frischen Tomaten aus dem Garten oder an den Modergeruch des Kellers oder die Kühle des Hauses ans Tageslicht, welches sich durch alte Dachböden, Schuppen und Zaunlatten drängt und die Bilder der Vergangenheit als Schatten an die Mauern des Vergessens projiziert.

Lleshanakus Poesie beginnt manchmal verhalten und mündet dann in fast absurder Provokation. Dabei sind ihre benutzen Bilder detailliert, feinfühlig und exakt auf den Punkt gebracht. Verbunden mit den familieninternen Verstrickungen und Emotionen, die über Generationen weitergegeben aber unerklärt bleiben, schreibt sie in „Montag in fünf Tagen“ über ihre Kindheit und ihre Familie, deren Mitglieder die Protagonisten sind: „Der Urgroßvater war genauso, und der Großvater, der Vater… Sogar der Sohn wird vielleicht denselben Beruf ergreifen, aus Analogiegründen. Er, der den Vater jetzt noch betrachtet wie ein wertloses Etwas (könnte ich im Boden versinken!). ‚Wie weit soll ich gehen?‘, fragt der Sohn. ‚So weit, dass du dich selbst nicht aus den Augen verlierst!‘ Es könnte ein Traum gewesen sein, denn sein Stammbaum wurde vom Blitz getroffen und ein feiner Duft von Katsuraholz wehte durchs Dorf.“ Alle ihre absolut lesenswerten Gedichte gibt es auf Albanisch und Deutsch; sie bieten ein breites Spektrum an Geschichten und Geschichte und gleichzeitig den Albanischkundigen den direkten Vergleich. Als Tochter eines Deklassierten erfährt Luljeta Lleshanaku früh von politischen Repressionen gegen ihre Familie ohne die Zusammenhänge begreifen zu können. Dieses Gefangensein in der eigenen Familiengeschichte beschreibt sie in „Vertikale Realitäten“: „Weitermachen ist Pflicht, allmorgendlich schlagen drei Generationen in mir ihre Augen auf… Alle drei neigen sich über mich wie ein Wald und diktieren mir, was ich zu tun habe und was nicht… Sie greifen einfach noch einmal nach der Welt, benützen mich wie ein Paar Plastikhandschuhe, um am Tatort keine Spuren zu hinterlassen“.

Ihre Flucht aus dem Familienportrait und ihre Aufenthalte in Italien und Frankreich gaben ihr die Möglichkeit, aus der Fremde den Blick auf die eigene Geschichte in Worte zu fassen. Dass zu formulieren, was sie stumm beobachtete und nun natürlich in ihrer Muttersprache verfasst, die Sprache ihrer Kindheit aus der die Geschichten stammen. Der Leser entdeckt sich selbst sowie das Fremde, Bilder, die nachdenklich stimmen und Zeit brauchen um verstanden zu werden: „Wann habe ich zum letzten Mal den Atem angehalten? Es war Sommer. August. Am Himmel Kratzer, frische Linien, rot, wie die Handfläche eines Gärtners. Rund ums Haus lief lachend ein frischvermähltes Paar. Das Atemholen kam wieder. Ein einzelner am Feld hin und her wogender Baum verwandelte die beiden in zwei große Papierstücke, verurteilte sie zum Purzelbaumschlagen; lebenslänglich“ (aus Vögel und Kohle). Heute lebt die Autorin wieder in Albanien, übersetzt und ist Chefredakteurin der Zeitschrift „Akt“.

Katharina Hemming

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