Der Albaner: ein neuer deutsch-albanischer Film

11. Juli 2010 | Von | Kategorie: Berichte

der-albaner-2010-filmplakat-rcm236x336u2008 war es der Kinofilm Time of the Comet (Koha e Kometes), eine recht freie filmische Interpretation von Das verflixte Jahr (Ismail Kadares Groteske zur Geschichte Albaniens vor 100 Jahren), der deutsch-albanische Gemeinsamkeiten (Story, Koproduktion) besaß.

In diesem Jahr ist es der Kinofilm Der Albaner (Shqiptari), der im Auftrag von SWR und ARTE durch die Neue Schönhauser Filmproduktion Berlin und die On Film Production Tirana (Dritan Huqi) unter der Regie von Johannes Naber produziert wurde und seine Welturaufführung beim 32. Internationalen Filmfestival in Moskau erlebte. Hier bekam er von der Jury unter Luc Besson den 2. Platz (von 17 Filmen im Hauptwettbewerb) zuerkannt, der Hauptdarsteller Nik Xhelilaj den Hauptpreis als bester Darsteller. Danach am 28. Juni 2010 war Deutschlandpremiere beim Filmfest in München. In die deutschen Kinos ist Der Albaner bislang allerdings nicht gekommen.

Johannes Naber (39) hatte ursprünglich einen Dokumentarfilm geplant, dann aber für sein spezielles Vorhaben die Grenzen des Genres gespürt. So entstand (zusammen mit Andeta Spahivogli, Christoph Silber und Alexander Steimle) sein erstes Kino- und Spielfilm-Drehbuch „auf der Grundlage von dokumentarischen Recherchen“.

Warum Albanien? „Albanien schien mir am Anfang interessant wegen seiner Nähe zu Europa,“ sagt der Regiseur, „und wegen seiner absurden Geschichte. Das Land hat sich ja nach langen Jahren vom paranoiden Steinzeit Stalinismus zu einer turbokapitalistischen Mediengesellschaft entwickelt. Eine enorme Fallhöhe. 2001 bin ich zum ersten Mal hingereist. Mit einem Kleinbus und einer Videokamera. Die Mischung aus Archaik und Moderne, der ehrbedingte Stolz und die unbedingte Gastfreundschaft, die ich fand, haben mich sehr beeindruckt. Die Vorurteile, die in Mitteleuropa über dieses Land herrschen, sind so falsch, dass schnell ein weiterer Grund für diesen Film hinzukam: Albanien in den Fokus zu rücken. Das Land braucht eine Chance in Europa, und dazu müssen eine Menge Klischees überwunden werden.“

So erzählt er die Geschichte des 19-jährigen Arben, dessen Freundin von ihm schwanger wird. Deren Familie willigt nur in die Hochzeit ein, wenn Arben 10.000 Euro, also viel Geld bezahlt. In Albanien kann er das nicht verdienen. Deshalb geht er ohne Visum, also als Illegaler vom ärmsten Land Europas zum reichsten, nach Deutschland. In Berlin macht er, der hier nur ‚der Albaner‘ ist, schlimmste Erfahrungen mit Ausgrenzung, Ausbeutung und Kriminalität. Er ‚jobbt‘ unter anderem als Schlepper und verliert bei einem Kampf ein Auge. Das Geld bekommt er ‚legal‘ nicht rechtzeitig zusammen. Als er schließlich mit geraubtem Geld heimkehrt, ist seine Freundin von ihrer Familie verstoßen worden und zu verbittert, um ein gemeinsames Leben mit ihm zu versuchen. All sein Geld hilft ihm nicht – er hat gegen den albanischen Ehrenkodex verstoßen und sein Versprechen (besa) gebrochen.

Bedient diese Darstellung nicht das Klischee vom kriminellen Albaner? Daruf angesprochen, antwortet Johannes Naber: „Vielleicht auf den allerersten Blick. Aber erzählt der Film nicht vor allem, warum einem Illegalen in Schengen-Europa gar keine Wahl bleibt, als illegal zu handeln? Und dass es kein Mentalitätsproblem, sondern ein systematisches Problem ist, das uns alle angehen muss?“ Also eine Kritik daran, dass sich die reichen Länder mit ihren Grenzen abschotten und den Armen nichts von ihrem Luxus abgeben wollten, wie Naber es in Moskau formulierte.

Peter Müller
aus: „Albanische Hefte“ 2/2010

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