Absurdes Theaterspiel aus und über Albanien in Mainz

17. Juli 2010 | Von | Kategorie: Berichte
Teatri-2

Foto: Peter Müller

Erstaunlich: Am 22. Juni 2010 waren im Kulturteil meiner überregionalen Tageszeitung gleich zwei werbende Ankündigungen für Produkte aus Albanien. Mal keine Korruption, mal keine Mafia. Die erste Ankündigung bezog sich auf Ismail Kadares neuen Roman „Ein folgenschwerer Abend“, die zweite Ankündigung bezog sich unter dem Titel „Rache lähmt“ auf Stefan Çapalikus Drama „Allegretto Albania“, das vor drei Jahren in Skopje (Mazedonien) uraufgeführt worden war und nun vom Teatri Kombëtar Shqiptar aus Tirana unter der Regie von Altin Basha im Rahmen der Theaterbiennale Wiesbaden/Mainz an zwei Abenden dem deutschen Publikum präsentiert werden sollte.

Noch erstaunlicher: Die Aufführung am 23. Juni, die ich besuchte, lief zeitgleich mit einem Vorrundenspiel Deutschlands bei der Fußball-WM. Konkurrenz? Etwa 40 Zuschauer im Kleinen Haus Mainz sahen das nicht so, und Kuratorin Marie Rötzer beglückwünschte sie dazu in ihrer Begrüßung. Solche deutsch-albanischen Kulturereignisse fänden selten genug statt. Frau Rötzer gab auch eine inhaltliche Einführung in das 90minütige Drama, das mittels In-Ear-Stecker und Funk von der Wiener Schriftstellerin Andrea Grill simultan gedolmetscht wurde. Ein Flyer, der auf Englisch den Inhalt aller 15 Szenen erläuterte, war ebenfalls hilfreich.

Zu Beginn ergab sich folgendes Bühnenbild: Ein mäßig ausgeleuchtetes Hausinneres, in dem zwei meterhohe Gitterpyramiden mit Klettersteigen und Wachturm-Ausgucken um eine Tischgruppe herum dominieren, brettervernagelte Fenster und mächtige Sperrriegel an der Torinnenseite Festungscharakter erzeugen, an den Wänden Paragrafen aus dem Kanun, dem albanischen Ehrenkodex und traditionellen Strafgesetzbuch als Parolen erscheinen und schließlich vier Paar Schuhe (eins davon Kampfstiefel) vorn beim Publikum am Bühnenrand aufgereiht stehen – zwischen allem eine eingeschlossen lebende Familie: Mutter (Olta Daku) brutzelnd am Herd, Vater (Mirush Kabashi) – ein Musikkritiker – bei einer Schreibarbeit am Tisch, älterer und jüngerer Sohn (Gazmend Paja, Xheni Fama) auf den Wachtürmen, Ferngläser und Schusswaffen in der Hand. Von Dialog zu Dialog, von Szene zu Szene (wobei die Schauspieler die Kulissen und Requisiten selber verschieben) und mit dem Dazukommen des Lehrers (Ahmet Pasha), der Fernsehsprecherin (Klea Rondo) und schließlich des Mörders Satedin (Vasian Lami) erfährt man nach und nach den Grund des Eingeschlossenseins.Demnach hat ein Cousin der Mutter (der ›Mörder‹) im Streit einen Nachbarn getötet. Nun fürchtet sich die Familie vor Blutrache, auch wenn sie selbst nicht in die Bluttat involviert ist. Ihr Haus hat sich in eine Festung verwandelt, die Söhne halten ständig Wache und bringen bei Annäherung von Besuchern ihre Waffen in Position. Der ältere Sohn darf nicht einmal zum Kartenspielen seinen Posten verlassen, steht oben auf dem Turm, zückt sein Fernglas, um zu sehen, was seine Mitspieler ablegen und wirft die Karten von drei Metern Höhe auf den Tisch. Alle haben Angst, langweilen sich und werden langsam verrückt. Der einzige Kontakt zur Außenwelt besteht aus einem Fernseher (in dem rund um die Uhr ein klassisches Konzert mit dem Titel Allegretto Albania dudelt), den Besuchen eines blasierten Hauslehrers und den Lieferungen einer Hilfsorganisation (NGO) in Person der tussigen TV-Moderatorin, die alles im Angebot hat, was die Familie nicht brauchen kann (z. B. einen uralten Röntgenapparat) – die Ironie über die oft weltfremde Praxis mancher NGO ist deutlich. Aus Versehen wird auch eine Kiste mit Instrumenten für Allegretto Albania abgegeben. Das allabendliche Vorlesen von Paragrafen des Kanun am Küchentisch entlarvt die Situation als das, was sie ist: archaischer Irrsinn im 21. Jahrhundert.

So gesehen ist Çapalikus Drama eine ›überdrehte Revue über das Tabu der Blutrache‹, wie ein Kritiker schrieb. Aber die laut Ankündigungstext ›absurd komische Parabel auf die postkommunistische Zeit‹ Albaniens geht darüber hinaus, zeigt nämlich den Moment eines Landes, das aus den Fugen geraten ist, in dem Altes und Neues unheilige Allianzen eingehen. Schon, als die Fernsehsprecherin als Verfechterin eines ›Blutrache-Entschärfungs-Projektes‹ auftaucht, einen Laptop hervorzaubert und zu einer Opfer-Rächer-Email-Korrespondenz über die ›Intranet‹-Adresse satedini@hotblood.org ermuntert, aber mehr noch, als die Familie ihren vermeintlich einsitzenden Mörder-Cousin Satedin im Fernsehen als zurückgekehrtes Mitglied einer Irak-Friedensmission in der Kleidung eines Kochs erkennt, gibt der Gegenwartsdramatiker aus Shkodër (Jahrgang 1965) seiner Satire über die wieder erstarkte Vendetta in seiner Heimat und die damit verbundene Paranoia folgende unerwartete Wendung mit einem überraschenden Ende:

Als Satedin nämlich sich persönlich dem Haus nähert und die Mutter, also seine Cousine, ihn mit der Kalaschnikow eigenhändig umbringen will, ist es der Vater, der den ›Mörder‹ unbehelligt hereinlässt. Der Unheilbringer entpuppt sich sogleich als Ängste-Versteher, weist aber jegliche eigene Verantwortung für die Käfig-Situation der Familie von sich. Er macht einen Vorschlag, wie sie entkommen kann: Sie solle nach Kavala, Nordgriechenland, zu Freunden von ihm gehen, er habe ein Auto dafür bereit stehen. Auf die Frage, was dann mit dem Haus geschehe, hat er ebenfalls eine Vorstellung: Er plane, an dieser Stelle ein Hochhaus zu bauen, die Familie könne Eigentümer einiger Etagen darin werden … So entpuppt sich die Blutrache zum Schluss als ein Vorwand, um die Familie aus ihrem Haus zu vertreiben! Der Cousin, den sie eben noch auf der Flucht wähnten, kehrt als Geschäftsmann und Immobilienspekulant zurück, um selbst die Verwandtschaft zu betrügen. Doch glücklich, der Festungshaft im eigenen Haus entkommen zu können, bricht die Familie in die Ungewissheit des Exils nach Griechenland auf, zurück bleiben vier leere Schuhpaare.

Mit rührend einfachen Mitteln setzten die Schauspieler des Teatri Kombëtar Shqiptar um Regisseur Altin Basha (Jahrgang 1971) die ernste Komödie für die Bühne um: Da fahren simple Prospekte aus dem Schnürboden, um eine Röntgenmaschine vorzuführen und die Bilder, die sie macht. Wenn der Lehrer einen Vortrag über Frösche hält, werden Diaprojektionen auf ein zerknittertes Bettlaken geworfen. In eineinhalb munteren Stunden bewies das Ensemble, dass Theatermachen kein Hexenwerk sein muss. Endri Sina unterstützte mit Musik vom Band die jeweiligen Stimmungslagen, Iliriana Loxha Basha entwarf Bühnenbild und Kostüme und sorgte mit Luan Tapia für eine angemessene Ausleuchtung. Das Improvisierte und Unperfekte dabei erzählte weniger etwas über die typische Theaterkunst des Landes als über die Bedingungen, unter denen Theater in anderen Ländern Europas entsteht. Dass man solche Produktionen in Deutschland überhaupt zu Gesicht bekommt, darin besteht ganz zweifellos das große Verdienst der Theaterbiennale Neue Stücke aus Europa, die gerade zum zehnten Mal über die Bühnen ging. Die Albaner, zum ersten Mal zu Gast, punkteten dabei mit der Einfachheit ihrer Mittel und dem Herzblut ihrer Schauspieler.

Peter Müller

 

 

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