Nach Albanien, Karl! Eine andere Reise in das Jahr 1914

9. September 2009 | Von | Kategorie: Bücher

Peter Marxheimer: Nach Albanien, Karl! Eine andere Reise in das Jahr 1914. Books on Demand Norderstedt 2007. Paperback 343 S. ISBN 978387002652. 19,90 €

MarxheimerRomane über die Gründerjahre des albanischen Staates haben Konjunktur. Kadare eröffnete den Reigen 2005 mit seinem wunderbaren Buch „Die verflixten Jahre“. Andreas Izquierdo kam gerade mit „König von Albanien“ über den Hochstapler Otto Witte auf den Markt (s. AH 3/2007). Jetzt folgt Peter Marxheimer mit einer Erzählung über die kurze und chaotische Herrschaft des deutschen Fürsten Wilhelm, Prinz zu Wied.

Die Verhältnisse in dieser kurzen Zwischenphase zwischen den Balkankriegen und dem I. Weltkrieg waren national wie international verworren – kein Zufall, dass eine wissenschaftliche Monographie über Wied noch auf sich warten lässt.

Marxheimer entwirft ein historisches Mosaik, in dem praktisch alle historischen Persönlichkeiten, die damals irgendeine Rolle spielten, auftauchen. Das beginnt mit Kaiser Wilhelm II. über Wied (der als Person allerdings völlig im Schatten bleibt) bis hin zu den Diplomaten wie Carl Buchberger und Rudolf Nadolny, Wissenschaftlern wie Baron Nopcsa und Publizisten wie Leo Trotzki, Mary Edith Durham und Marie Amelie von Godin. Leitmotiv, zumindest für die deutschsprachigen Akteure ist die Referenz auf Karl Mays Reiseerzählungen.

Protagonist der Handlung ist der (fiktive) deutsche Journalist Karl Richter, der im Auftrag einer österreichischen Zeitung als Korrespondenz nach Albanien geht. Richter, ein Humanist mit anarchistischen Sympathien, die ihm ständig die Geheimpolizei an die Fersen heften, hat in Wien Rosa kennen gelernt, die ostjüdischer Herkunft ist und daher doppelte Probleme hat, zum ersehnten Medizinstudium zugelassen zu werden; sie folgt ihm später nach Albanien, wo sie sich „umständehalber“ von keinem Geringeren als Dom Nikollë Kaçorri trauen lassen, der in der Provisorischen Regierung von 1912 Stellvertreter Ismail Qemal Bej Vloras gewesen war.

Und falls jetzt jemand glaubt, hinter Karl und Rosa verbärgen sich bekannte Personen der deutschen Geschichte, wird er enttäuscht; der Autor schwor mir heilige Eide, dass er keine Anspielung auf Liebknecht und Luxemburg beabsichtigt habe.

Der Rechercheaufwand ist beeindruckend, und Marxheimer lässt sich etwas einfallen, um zusammenwachsen zu lassen, was nicht zusammen gehört. 1910 gab ein Berliner Lehrer namens Ludwig Szamatolski ein „Schulprogramm“ (das meinte damals eine wissenschaftliche Studie, die als Highlight mit dem Jahresbericht einer Schule veröffentlicht wurde) über neuere Forschungen zu Albanien heraus. Flugs wird dieser sonst unbekannte Autor zum früheren Klassenlehrer Karl Richters, der sich bemüht habe, realistische Kontrapunkte zu Mays Albanien-Bild zu setzen.

Anderes verrät seine Quellen sehr deutlich. Karl und andere Journalisten werden zu propagandistischen Zwecken nach Korfu eingeladen, wo Kaiser Wilhelm II., der im griechisch-albanischen Konflikt einseitig die Positionen Griechenlands unterstützt, den Journalisten genau das vorträgt, was er acht Jahre später in seinen Memoiren über die Wied-Episode niederschrieb.

Karl ist ein Nonkonformist, der sich überschlagender nationaler Begeisterung skeptisch gegenübersteht. Er geht nicht mit vorgefassten Positionen an sein Albanien-Abenteuer heran. Aber auch er wird von den Ereignissen überrollt, von dem skrupellosen Spiel der Großmächte, die Wieds Herrschaft politisch und finanziell garantieren sollen, aber alles unternehmen, um sie zu destabilisieren. Die zugesagten Zahlungen kommen gar nicht oder werden an unerfüllbare Bedingungen geknüpft. Besonders die Italiener haben zwei Eisen im Feuer: den „Superminister“ Essad Pascha Toptani, der selbst an die Macht will, und die muslimischen Bauernrebellen, die von der Rückkehr von Vater Sultan träumen und den Christenfürsten hassen.

Griechenland versucht sich (mit Deutschlands mehr oder minder offenem Segen) den Süden unter den Nagel zu reißen und unterstützt mit eigenen Truppen die Aufstandsgebiete in „Nordepirus“ und Himara. Karl gerät sogar in die Gefangenschaft der Andarten (griechischen Freischärler) und wird von einem Zigeuner befreit und gerettet.

Wieds politischer Untergang ist nach dem Beginn des I. Weltkriegs nicht mehr aufzuhalten. Für Karl und Rosa wenigstens gibt es ein Happy End: Sie verlassen rechtzeitig das Land und überstehen – anders als die zurückbleibenden Albaner – den Krieg unbeschadet. Rosa kann sogar in der Schweiz Medizin studieren, widmet sich dann aber doch der Familie.

Marxheimer, der sein Buch nicht als „historischen Roman“, sondern als „Sachroman“ sieht, schließt es – ganz ungewöhnlich für einen Roman – mit Kurzbiographien der handelnden oder erwähnten Persönlichkeiten, einer Begriffserklärung und einem Literaturverzeichnis.

Wer einen außergewöhnlich akribisch recherchierten, leicht zu lesenden Einstieg in eine besonders komplexe Episode der europäischen Geschichte sucht, hat hier das richtige Buch gefunden. Schade, dass sich angesichts dieser special interest Materie kein Verlagslabel gefunden hat, aber davon sollte sich kein an Albanien interessierter Leser abschrecken lassen.

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