Andreas Izquierdo: Der König von Albanien

6. Mai 2008 | Von | Kategorie: Bücher

Andreas Izquierdo: Der König von Albanien. Roman. Rotbuch-Verlag Berlin 2007. 397 S. ISBN 9783867890151. 19,90 €

der_koenig_von_albanienEs geht um Otto Witte, den Schausteller und Hochstapler, der zeitlebens behauptete, er habe sich 1913 unter der Identität eines osmanischen Prinzen von noch in Albanien verbliebenen türkischen Truppenteilen zum König ausrufen lassen, habe aber nach nur fünf Tagen sein Abenteuer abbrechen müssen, da die Gefahr zu groß geworden war, dass er aufflog. Witte ist zwar seit fast 50 Jahren tot, aber seine Geschichte wird noch immer gern in Saure-Gurken-Zeit aufgenommen, obwohl sie historischer Überprüfung nicht standhält (s. dazu Otto Witte – Albaniens Möchtegern-König, in AH 3/2006).

Nach dem missratenen Versuch des US-Autors Harry Turtledove, die Geschichte in „Every Inch a King“ mit ein paar Fantasy-Elementen anzureichern, ist man skeptisch gegen weitere Versuche, sich dieser Gestalt literarisch zu nähern. Izquierdo geht von Wittes zweitem Buch „Fünf Tage König von Albanien“ von 1939 aus und übernimmt dessen Handlung und Personeninventar (den osmanischen Offizier Ismail Arzim, Ottos Begleiter Max, Essad Pascha, Ben Dota, Hadschi Abdullah) weitgehend. Er ersetzt aber Wittes naive Ich-Erzählung durch verschiedene Außenperspektiven. Da ist zum einen der unvermeidliche „love interest“, die Contessa Fanny, die sowenig Contessa ist wie Witte osmanischer Prinz. Auch wenn Fanny und Otto nicht zusammenkommen, genügt die Begegnung mit ihm, um sie von einer von vornherein zum Scheitern verurteilten Ehe mit einem dekadenten und zynischen österreichischen Aristokraten abzuhalten.

Die andere Perspektive ist die Wittes Denken so völlig fern liegende des Diplomaten Alfred Rappaport von Arbengau, eine der wenigen historisch real existierenden Personen in diesem Roman, der die möglichen katastrophalen Folgen von Wittes vermeintlichem Husarenstück einschätzen kann und der zugleich Sympathie genug für Witte empfindet, um sich für seine Rettung zu engagieren.Die dritte schließlich ist die des jungen Irrenarztes Schilchegger, in dessen Obhut Otto Witte nur wenige Wochen nach seiner Flucht aus Albanien gelandet ist. In der „Heilanstalt“ von Schilcheggers Doktorvater und Chefarzt Professor Meyring geht es nicht um Therapierung, sondern um Beobachtung und anatomische Analyse psychischer Störungen. Unter Ottos Einfluss versucht Schilchegger, ein wenig Humanität durchzusetzen, was ihn seine Stellung kostet.

Otto Witte ist bei Izquierdo eine komplexe Persönlichkeit. Er ist charismatisch, ja manipulativ; er kann seine Vorstellungen anderen Menschen suggerieren. Er ist ein Genie der Improvisation, aus fast jeder Gefahrensituation kann er sich retten. Aber er ist auch ein Analphabet ohne tatsächliches Verständnis für das, was er tut, und die sich daraus ergebenden Folgen. Er ist kein Militarist, spielt aber mit einer weiteren Eskalation des Balkankrieges. Er bekommt, was er will, andere bezahlen dafür – Schilchegger mit dem Verlust seiner beruflichen Existenz, Max (anders als in Wittes Buch) mit seinem Leben. Otto berauscht sich an seiner erschwindelten Macht und erschrickt zugleich vor ihr. „Er fand, dass kein Mensch diese Macht in Händen halten durfte. Aber reizvoll war es schon.“ Er beginnt, an eine göttliche Vorsehung zu glauben – das tat später auch jemand anders, der tatsächlich eine politische Karriere in Deutschland machen sollte, was Witte mit seiner angeblichen Kandidatur bei der Reichspräsidentenwahl 1925 nur imaginiert hatte.

Der Otto Witte, den Andreas Izquierdo zeichnet, ist ein soziopathischer Spieler, der hasardiert, wo er kann. Er ist nicht der real existierende arme Teufel Witte, dessen kauziger Werbegag so sehr zu seinem Lebensinhalt wurde, dass er sich den Titel des ehemaligen Königs von Albanien in den Pass und auf den Grabstein in Hamburg-Ohlsdorf eintragen ließ und eine Einladung zur Hochzeit des Fürsten von Monaco einforderte.

Andreas Izquierdo ist ein großartiger Roman gelungen, der alle Skepsis angenehm enttäuscht. Man muss sich nicht für Albanien interessieren, um ihn mit Vergnügen zu lesen, aber gerade die Freunde Albaniens werden daran ihren besonderen Spaß haben. Der gut gebundene, nicht sehr teure Roman ist auch als Geschenk geeignet – Hauptsache, er trägt nicht zu einer Auferstehung von Wittes Legende bei.

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